Jürgen Kaumkötter sprüht Ein Meller beim Filmfestival Montreal: Was draus wurde

Meine Nachrichten

Um das Thema Melle Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Melle. Jürgen Kaumkötter sprüht. Den Autoren eines Buches über Holocaust-Kunst („Der Tod hat nicht das letzte Wort“) hat der Journalist sich anders vorgestellt: spröder. Um das Buch geht es beim Besuch in Buer allerdings nicht. Sondern um Kaumkötters Film „Kichka. Life is a Cartoon“, mit dem er beim Film Festival in Montreal im Wettbewerb war. Das gleicht einer Beförderung in ganz neue Sphären und bleibt nicht ohne Folgen.

Jürgen Kaumkötter sitzt also in seiner Küche eines alten Bauernhauses weit draußen im Bueraner Ortsteil Bulsten und sprüht. Vor Unternehmungslust. Vor Charme, vor Witz. Dabei geht es um den Holocaust. Auch, jedenfalls. Kaumkötter ist Experte für Holocaust-Kunst und als solcher Kurator am Zentrum für verfolgte Künste in Solingen. Und weil er ein Shoah-Experte ist, kennt er die israelische Sängerin Greta Klingsberg. Die wurde bekannt als weibliche Hauptrolle Aninka in der Kinderoper „Brundibár“, die im KZ Theresienstadt von Häftlingen aufgeführt wurde. Klingsberg wiederum hatte die Nummer des Cartoonisten Michel Kichka, der in Israel ein Superstar mit eigener TV-Show ist, und so nahm alles seinen Anfang.

„Alle Vorurteile über Deutschland, muss ich revidieren“

Kichka, 1954 in Lüttich geboren, wollte mit Deutschland zeitlebens nichts zu tun haben. Sein Vater Henri ist ein Auschwitz-Überlebender, schwerst traumatisiert. Seinen Alp gab er an die vier Kinder weiter; das Jüngste, Charlie, suchte den Freitod. Michel eine neue Heimat in Israel. Wie Kaumkötter Kichka dazu bewegte, erstmals in das Land der Täter zu reisen, um als Ehrengast der Ausstellung zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Bundestag unweit von Kanzlerin, Bundespräsident, Bundestagspräsident zu sitzen, findet er nicht so wichtig. „Es war der Leumund von Greta“, sagt er nur, und: „Es war auch an der Zeit.“ Offenbar. Nach jenem Abend im Jahr 2015 gestand Kichka ein: „Alle Vorurteile, die ich über Deutschland hatte, muss ich revidieren.“

„Da haben wir an eine Dokumentation überhaupt noch nicht gedacht“

Abermals trafen sich Kurator und Karikaturist bei der Eröffnung von „Polen – Israel – Deutschland“ im Mocak Museum in Krakau/Polen. Dort führte Kichka eine Cartoon Performance auf; er zeichnete live vor Publikum, das in Massen strömte. 3000 am ersten Tag, 7000 am zweiten. „Unglaublich“, findet Kaumkötter. Kichka malte seinen Vater Henri und wurde dabei gefilmt. So entstand die Idee, die Aufnahmen um ein Interview mit dem alten Mann zu ergänzen. „Da haben wir an eine Dokumentation überhaupt noch nicht gedacht.“

Zu viert realisierten sie den Film

Dieser Gedanke kaum Jürgen Kaumkötter erst, als Vater und Sohn Kichka in Brüssel jene Stelle aufsuchten, an der Henri 1942 verhaftet wurde. Einfach so, vom Bürgersteig weg. Heute sind dort Stolpersteine versenkt. Und so wurde aus dem Kurator ein Drehbuchautor und Produzent, aus Delfina Jałowik, seiner polnischen Mitkuratorin in Krakau, eine Regisseurin. Kameramann Adam Uryniak, angestellt beim Mocak Museum, das für die Außendarstellung konsequent auf Bewegtbilder setzt, stieß dazu. Später noch ein Tonmann. Zu viert realisierten sie für 50 000 Euro „Kichka. Life is a Cartoon. “ Mehrsprachig. 75 Minuten.

Als Dieter Kosslick Karten besorgte

„Es hat zwei Jahre gedauert, den Film zu drehen. Und zu lernen, was das heißt, einen Film zu drehen.“ Jürgen Kaumkötter berichtet die Geschichte in seiner Küche versiert, aber er spult sie nicht ab. So oft hat er sie nun auch noch nicht erzählt. Vielleicht sogar erstmals so detailreich. Würzt mit kleinen Anekdoten und Exkursen, deren Zahl hier den Rahmen sprengen würde. Zum Beispiel wie Dieter Kosslick, Direktor der Berlinale, Karten für die Aufführung von „Transit“ besorgte, der Verfilmung von Anna Seghers gleichnamigem Roman, den sie Anfang der 40-er im Exil in Mexiko schrieb. Kosslick hatte Unterstützung zugesagt für „Kichka“, wenn es denn nötig würde. Wurde es nicht. Aber es ist ein gutes Gefühl, so jemanden in der Hinterhand zu haben.

Holzhacken im weißen Hemd

„Die Produktion eines Films ist eine Sache. Die Auswertung eine ganz andere“, hat Produzenten-Azubi Kaumkötter gelernt, der auch alltags Schlips und Weste trägt. Eine Stilfrage für den gebürtigen Osnabrücker, der in Riemsloh aufgewachsen ist und nach Stationen in Berlin und Prag 2008 in den Grönegau zurückkehrte: „Ich gehe sogar im weißen Hemd holzhacken.“

Um eine lange Geschichte kürzer zu machen: Am 15. März feierte „Kichka. Life is a Cartoon“ Premiere im Cinéma Galeries in Brüssel. Im Juli folgte ein Heimspiel in der Kulturwerkstatt Buer, im September war er im Museum Mémorial de la Shoah in Paris zu sehen. Unter den Gästen: Serge und Beate Klarsfeld. Die Nazi-Jäger.

„Klassenziel erreicht“

Anekdote aus dem Nähkästchen: Die Aufführungen wurden nachträglich zu „nicht-öffentlichen Vorstellungen“ umdeklariert. Um am Wettbewerb des World Film Festival Montreal teilnehmen zu können, muss es sich um eine weltweite Uraufführung handeln. Das festival des films du monde, so der französische Name, gehört zu den 15 A-Festivals der Welt, sprich, es hat einen internationalen Wettbewerb. Da ist dann auch schon mal Robert de Niro Jury-Präsident wie 2017.

Mit der Wettbewerbsteilnahme dort „ist der Drops gelutscht“, findet Kaumkötter: „Klassenziel erreicht.“ Soll heißen: Keine weiteren Bewerbungen mehr, „jetzt müssen sie von alleine kommen.“

Ochsenbäckchen für die Familie

Läuft. Eine 45-Minuten-Version des Films kann nun durch Schulen touren. Für die Langfassung gibt es weitere Anfragen, etwa aus Belgien. Und nächstes Jahr fliegt Kaumkötter nach Mexico City. Dort zeigen sie im Museo Nacional de Antropologíaseit Weihnachten die Schau „Trauma Transit. Karikaturen über Flucht, Vertreibung und Menschenrechte“, aber zu den Festtagen wollte der 49-Jährige „zuhause sein und für die Familie kochen“ (es gab Ochsenbäckchen). Die Mexikaner müssen deshalb bis Februar warten, dass er mit dem Film kommt.

„Es gibt einige Angebote“

Neue (Doku-) Filmprojekte stehen ebenfalls an. Noch nichts Spruchreifes, „aber es gibt einige Angebote“. Und dann wartet ja noch ein dicht gepacktes Ausstellungsprogramm 2019 im „ Zentrum für verfolgte Künste“ auf seinen Kurator, der das alles bewältigen kann, „weil ich einen 48-Stunden-Tag habe.“ Sehr interessante Schauen sollen da unter Kaumkötters Motto „Sammeln, Bewahren, Forschen, Vermitteln“ im kommenden Jahr zu sehen sein. Unter anderem werden gleichzeitig ein Iraner und eine Jüdin ausstellen. Der eine oben, die andere unten. „Das wird spannend.“ Kaumkötter lächelt: „Davon wissen die beiden nämlich noch gar nichts.“


In Deutschland ist Michel Kichka ein Insidertipp. In Israel ein Superstar mit eigener TV-Show, in Frankreich wird er gefeiert.

Er wurde 1954 in Liège/Belgien geboren und emigrierte 1974 nach Israel, wo er zu einem der führenden Comiczeichner und politischen Cartoonisten wurde.

Kichka hat 2011 in Frankreich den renommierten Ordre des Arts et des Lettres erhalten.

Die Doku „Kichka – Life ist a Cartoon“ beschreiben die Macher als „einen Film über eine Vater-Sohn-Beziehung“.

Michel Kichka hat das Thema in seiner Graphic Novel „Zweite Generation: Was ich meinem Vater nie gesagt habe“ (Verlag: Egmont) aufgearbeitet.hen

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN