Interview mit Christoph Maria Michalski Meller Konflikt-Navigator: So vermeidet man Streit an Weihnachten

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Wie übersteht man Weihnachten ohne Streit? Symbolfoto: Colourbox.deWie übersteht man Weihnachten ohne Streit? Symbolfoto: Colourbox.de

Melle. Christoph Maria Michalski aus Melle-Buer nennt sich Konflikt-Navigator: Er löst keine Auseinandersetzungen, sondern sagt den Streithammeln, wie sie steuern müssen, um sich zu befrieden. Wir haben den Autoren der „Konflikt-Bibel“ gefragt, wie die streitträchtigste Zeit des Jahres zu überstehen ist – Weihnachten.

Herr Michalski, Weihnachten wird auch das Fest der Liebe genannt. Wieso kommt es an den Feiertagen trotzdem immer wieder zu familiären Streitigkeiten?

Oh je, die Klassiker, die jeder kennt! Die Erwartungshaltung ist in dieser Zeit gewaltig. Gerade in Familien gibt es viele Streitfeuer, die übers Jahr vorsichtig vor sich hin glimmen, mal kurz auflodern und dann wieder weiter köcheln. Zu Weihnachten kommen wir zusammen, hocken liebevoll aufeinander und dann kommen verbale Stinkbomben wie „Das haben wir immer so gemacht!“; „Stell Dich nicht so an!“, „Gerade du musst das sagen“ und zack - haben wir eine Stichflamme wie beim Silvesterpunsch.

Sie sagen trotzdem: friedvolle Weihnachtszeit, das geht. Wenn man sich auf Spielregeln einigt, nämlich. Geben Sie uns mal ein paar Beispiele.

Kennen wir alle: Beim Sport oder im Spiel gibt es verschiedene Interpretationen von gutem Verhalten und unterschiedliche Ziele. Ich bin mal bei einer Skatrunde rausgeflogen, weil ich Spaß und Gemeinschaft haben wollte – die anderen wollten unbedingt gewinnen. Es geht darum, unterschiedliche Erwartungshaltungen auszubalancieren und das geht nur, indem man vorab redet. Und dann einigt man sich auf ein paar wesentliche Punkte. Zum Beispiel: Was die Kinder dürfen oder nicht, bestimmen nur die Eltern. Vorsicht bei Opa und Oma - die sind ja auch Eltern. Oder: Jeder hat einen Joker, um sich von einer Veranstaltung ohne Rechtfertigung zurückzuziehen. Wichtig: Jeder ist kompromissbereit und schaut auf die Bedürfnisse der anderen. Weniger Arbeit gleich weniger Stress: Also organisieren alle Parteien selbsttätig einen Teil der gesamten Veranstaltung und haben dabei dann aber auch das alleinige Weisungsrecht. Und: Alle räumen auf! Das Wichtigste zum Schluss: Wer den Weihnachtsbaum schmückt, wird vorab vereinbart. Keine Alleingänge von Papi!

Unter dem Weihnachtsbaum ist es meist schon zu spät. Wann sollten diese Regeln vereinbart werden?

Wenn man sich noch verträgt, also noch nicht aufeinander hockt. Dabei ist es wichtig, dass in der Debatte alle die Bereitschaft mitbringen, sich überzeugen zu lassen. Wenn es eine klare Rollenverteilung gibt wie beim Krippenspiel – hier Maria und Josef als Eltern, die alles bestimmen, da das Kindlein, das nix zu sagen hat und dann womöglich noch Opa als Ochse, geht das schief.

Immer wieder ein Streitthema ist ja zum Beispiel der Speiseplan. Mutti macht und tut den ganzen Tag, steht bis kurz vor der Weihnachtsmesse, wenn sie sich eigentlich längst im Bad schick machen sollte, mit hochrotem Kopf am Herd, damit die Weihnachtsgans perfekt wird. Und dann rührt die inzwischen vegan lebende Tochter keinen Bissen an und zieht eine Flunsch. Ruckzuck sind wir bei: Papa, sag doch auch mal was! Papi sagt aber nix, sondern wartet darauf, dass das Essen endlich zu Ende ist, damit er Loriot gucken kann.

Also, es gelten die Worte Albert Einsteins: Die höchste Form von Wahnsinn ist es, immer das Gleiche zu tun und zu hoffen, dass etwas anderes dabei herauskommt. Deshalb: Vorher reden und bei der Ankunft unterschreibt dann jeder die Weihnachts-Charta, als Erklärung der guten Absicht.

Konflikt-Navigator Christoph Maria Michalski empfiehlt eine Art Klimaschutzabkommen, um Streit an den Festtagen zu vermeiden, er nennt es „Weihnachts-Charta“. Foto: Michael Hengehold

Wie wird am besten stressfrei verhandelt?

Erstens und ganz wichtig: Wünsche deutlich formulieren! „Das finde ich blöd!“ ist eine ganz harte Nuss, weil es keine Lösungsfüllung mitliefert. Ruhig ganz konkret sagen: „Nee, so passt mir das nicht“, aber dann auch anfügen: „Mein Vorschlag ist…“ Das ist dann Krokantzapfen mit Nougatfüllung. Der zweite Tipp: Auch ruhig mal die schönen Seiten vor Augen führen und erwähnen: Letztes Jahr fand ich super, wie wir… Vergessen Sie nicht: Einerseits ist diese Zeit feierlich und besinnlich. Andererseits empfinden alle Stress. Auch wenn Mutti sich noch so sehr freut, endlich mal wieder alle Kinder am Tisch zu haben. Genießen Sie die Zeit mit ihren liebsten Menschen – wer weiß, wie lange das noch geht. Ach, und eins noch: Unterbrechen Sie mal für drei Tage Ihre Selbstkasteiung und erlauben sich zu sündigen. In Maßen, natürlich.

Letzter Kriegsschauplatz: der Gabentisch. Spätestens da wird`s meist kritisch. Wie reagiere ich richtig, wenn mir ein Geschenk so gar nicht gefällt? Auch hier ein offenes Wort oder einfach nur dankend lächeln?

Hallo! Nicht umsonst gibt es den Wunschzettel! Da steht drauf, worüber ich mich freuen würde. Bei Klassikern wie Socken und Schlips vom ansonsten gemochten Schwiegervater trennen Sie bitte Mensch und Verhalten. Für den Menschen drücken sie Dank und Freude für die Geste aus. Beim Verhalten lautet die Formulierung: „Es ist nicht ganz das, was ich mir gewünscht habe.“ Der Kompromiss von Wertschätzung und Ehrlichkeit.

Echt jetzt? Ich soll Schlechtschenkern sagen, dass ich sie als Mensch grundsätzlich schätze, aber das Präsent haarscharf an „ungenügend“ vorbeigeschrammt ist?

Das hängt natürlich grundsätzlich von der Beziehungstemperatur ab. Wenn sowieso schon alles verloren ist, geht auch die Formulierung: „Endlich etwas Nützliches, damit meine Scheibenwischer nicht mehr auf der Scheibe festfrieren.“ Dann aber auch frostige Weihnachten aushalten.

Mehr über Michalski: Der Autor, der nie ein Buch schreiben wollte


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