Waghalsigkeit und tiefer Fall Die „Lehman Brothers“ im Theater Melle

Von Conny Rutsch

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Lehman Brothers war im September 2008 wegen missglückter Spekulationen auf dem US-Häusermarkt zusammengebrochen. Die Insolvenz gilt als Höhepunkt der Finanzkrise. Im Theater Melle wurde die Geschichte der drei Lehmann-Brüder am Mittwoch vom a.gon Theater aus München aufgeführt. Archivfoto: dpaLehman Brothers war im September 2008 wegen missglückter Spekulationen auf dem US-Häusermarkt zusammengebrochen. Die Insolvenz gilt als Höhepunkt der Finanzkrise. Im Theater Melle wurde die Geschichte der drei Lehmann-Brüder am Mittwoch vom a.gon Theater aus München aufgeführt. Archivfoto: dpa

Melle Faszinierend gestalteten sechs Schauspieler der a.gon Theater GmbH aus München einen Theaterabend über Leben, Aufstieg und das Ende der „Lehman Brothers.“ Auf der Bühne gebracht wurde die Geschichte von Träumen und von viel Geld, von Waghalsigkeit und Ruin im Theater Melle am Mittwochabend.

Ein langer Theaterabend stand dem Kulturring ins Haus, doch in keinem Augenblick wurde der Einblick in das Leben der Lehman Brüder langweilig. Ein so ganz anderes Theaterkonzept machte den Abend jedoch durchaus auch ebenso anstrengend wie faszinierend.

Als Erzähltheater konzipiert Autor Stefano Massini die Szenen um die Geschichte der drei jüdischen Brüder Henry, Emanuel und Mayer Lehman aus der Nähe Würzburgs, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Glück in den USA versuchen. In Montgomery in Alabama eröffnet der Henry einen Laden mit Tuchwaren, in die die beiden Brüder später einsteigen, mitten in der Erfindung der Blue Jeans. „Lehman Brothers“ ist geboren.

Geschäftstüchtig erfinden sie sich nach einer Feuerkatastrophe neu mit An- und Verkauf von Rohbaumwolle. Nach Henrys Tod expandieren die Lehmans nach New York. Das Geschäft blüht. Krieg zwischen Nord- und Südamerika zwingt die Brüder wiederum zum Neubeginn. Mayer wird Kreditvermittler für den Staat Alabamba und treibt den Wiederaufbau voran. Die Bank Lehman Brothers entsteht. Die Brüder steigen ins Börsengeschäft ein, an den Kapitalmärkten geht es jetzt um Eisenbahnanleihen, um Kaffee und Erdöl. 1887 sind Lehman Brothers Mitglied an der New Yorker Börse. Inzwischen ist schon die nächste Lehman-Generation ins Finanzgeschäft eingestiegen. Das unsichtbare Geld in Form von Aktien wird zum Faszinosum für die Lehmans. Sie verbünden sich mit ihrem Rivalen Goldman, Sachs.

Streben nach Gewinn

Sie verkaufen Vorzugsaktien etwa für den Autohersteller Studebaker oder die Woolworth Company. Der Handel mit Massenwaren ist in vollem Schwung. Der Kapitalismus wird zum Gott. Die Lehmans investieren in den Krieg, in den Bau des Panamakanals, in die Unterhaltungsindustrie. Kriege und Börsenkatastrophen wie die im Jahr 1929 schrecken sie nicht ab, ihr Gewinnstreben immer weiter voranzutreiben. Geld regiert die Welt in den Köpfen der Einzelnen, die Geschäfte an der Börse werden immer waghalsiger. Klar, dass das irgendwann nicht mehr so weiter geht. 1984, die Lehmans sind inzwischen verstorben, wird Lehman Brothers von American Express gekauft – für 360 Millionnen Dollar. Ein Vierteljahrhundert später platzt die Immobilienblase, 2008 erklärt Lehman Brothers seine Zahlungsunfähigkeit.

Die Geschichte wird von den sechs Schauspielern Oliver Severin, Paul Kaiser, Nikola Norgauer, Konstantin Gerlach, Wolfgang Mondon und Sebastian Gerasch spannend gespielt, in mitunter haarsträubendem Erzähltempo mit szenischen Einwürfen, schnellen Kostüm- und Rollenwechseln. Jeder spielt jeden in dieser schon zur Premiere in Hameln 2017 umjubelten Inszenierung von Johannes Pfeifer. Es ein geschichtlichlicher Rundumschlag über 150 Jahre, ein Einblick in die Geschäftstüchtigkeit der gläubigen Brüder, ein faszinierender Mitflug ins leichte Verdiengeschäft mit immer gefährlicherem Ausmaß. Der kleine Mann zahlt, die Großen machen das Geld. So einfach ist das, so einfach sind die Regeln. Verantwortlichkeit für das Mitmenschliche, für die Welt, gibt es nicht. Da sind es vielleicht eindrücklich und nachvollziehbar gezeigte Albträume, aber: Geschäft ist Geschäft, immer höher, immer weiter, immer mehr. Es endet mit einem weltweiten Donnergrollen in der Bankwirtschaft.

Mit sehr viel Beifall lobten die Zuschauer die unglaublich vielseitige Arbeit der Schauspieler, das riesige Textpensum, den ernsten Hintergrund als auch den Anteil an witzigen Einschüben und kleinen Gags. Ein informativer, spannender und so ganz anderer Theaterabend als sonst.


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