„Heldentod“ in Peking Warum ein junger Soldat aus Westkilver in China starb

Von Meiko Haselhorst

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Melle/Rödinghausen. Matrosenschicksal: Vor 118 Jahren starb im fernen China der junge Soldat Karl Wilhelm Restemeier aus Westkilver. Historiker Rolf Botzet hat die fast vergessene Geschichte aufgearbeitet.

Vermutlich war er der erste Mensch aus Westkilver überhaupt, der einst in China an Land ging: Karl Wilhelm Restemeier, Sohn eines Heuerlings und Zigarrenmachers aus einem Kotten bei Westkilver Nr. 12. Dass dieser Mann vor über hundert Jahren nicht seine Ferien im fernen Osten verbringen wollte, liegt auf der Hand. Der 22-Jährige kam als Soldat ins Reich der Mitte – und blieb für den Rest seines Lebens dort: Ende November 1900 streckte ihn der Typhus nieder.

Das Wort Gedenktafel wäre zu hoch gegriffen. Ein paar schwarze Bretter lehnen an der Wand, in einem kleinen Nebenraum auf dem Weg in den Glockenturm der Michael-Kirche von Westkilver. Die Einzelteile sind so zusammengeschoben, dass Namen und Sätze erkennbar werden. Einer lautet: „Es starben den Heldentod aus dieser Gemeinde:“. Darunter ein Name: K.W. Restemeier. Gestorben im Jahr 1900 in Peking.

Ausgemustertes Relikt

Als Rolf Botzet, langjähriger Rödinghauser Gemeindehistoriker, für die Recherche zu einer anderen Geschichte vor einigen Jahren über das längst ausgemusterte Relikt stolperte, wurde er neugierig. Und ein paar Jahre später tätig: Zusammen mit dem Rödinghauser Gesamtschüler Malte Heisel, der für den Geschichtsunterricht ein Referat über den Imperialismus in China halten wollte, schrieb er fürs historische Jahrbuch für den Kreis Herford 2019 die Geschichte um Karl Wilhelm Restemeier auf. Der damalige Zwölftklässler sorgte dabei für die historische Einordnung in den politischen Kontext des damaligen China. „Das hat er hervorragend gemacht“, lobt Historiker Botzet.

Er selbst kümmerte sich um die Recherche zur Vita Restemeiers – und das war nicht einfach. Über die alten Kirchbücher der Gemeinde fand er zunächst heraus, dass Restemeier am 17. Juli 1878 in Westkilver geboren wurde. Als Sohn armer Eltern habe der junge Mann in der ostwestfälischen Provinz kaum Perspektiven gehabt. „Deshalb“, kombiniert Botzet, „wird er zur Marine gegangen sein. Das Militär war damals eine Möglichkeit des Aufstiegs. Sein Bruder hatte dort als Feldwebel schon ein gewisses Ansehen erreicht.“

Politische Unruhen im Reich der Mitte – Deutschland und andere Kolonialmächte waren darum bemüht, ihre Claims abzustecken, außerdem sorgten Missionare für Unmut in der Bevölkerung – führten dazu, dass Restemeier nach China entsandt wurde. „Er sollte dort an der Niederschlagung der Boxer-Aufstände mitwirken“, erklärt Botzet.

Die Überfahrt, so hat er herausgefunden, fand auf den Dampfern „Frankfurt“ oder „Wittekind“ statt. „Sie dürfte für Soldaten und Besatzung eine fürchterliche Strapaze gewesen sein. Wittekind und Frankfurt tuckerten mit einer Höchstgeschwindigkeit von zwölf Knoten – etwa 22 Stundenkilometer – übers Meer, was zu einer Fahrzeit von fünf Wochen von Bremerhaven nach Peking führte“, schreibt Botzet im Jahrbuch.

Grauenhafte Hitze

Die von Dampfmaschinen angetriebenen Schiffe hätten auf dem Weg nach China mehrere Bekohlungsstützpunkte angelaufen, weil sie die Reise sonst nicht geschafft hätten – von der Bevorratung mit Trinkwasser und Lebensmitteln ganz zu schweigen. Nach Gibraltar – und nach der Passage durch den 1869 eröffneten Suezkanal – war Aden am Ausgang des Roten Meeres die zweite Bekohlungsstation, später auf der Reise folgten Colombo auf Ceylon und Singapur als weitere Orte.

Soldaten waren entkräftet

„Insbesondere die Passage durchs Rote Meer in der Julihitze muss grauenhaft gewesen sein, erreichen die Temperaturen dort doch Werte bis zu 42 Grad im Schatten. Die Soldaten müssen auf dem überfüllten Eisendampfer in der glühenden Hitze unvorstellbar gelitten haben. Zu den eigentlich fünf Wochen Fahrzeit, so Botzet, seien dann noch drei Wochen für Nachschub an Kohle und Proviant hinzugekommen.

Entsprechend entkräftet werden die deutschen Soldaten am 29. August in Peking angekommen sein. Und dann das: Als die Ausschiffung bewältigt war, mussten die Soldaten feststellen, dass der „Boxerkrieg“ bereits niedergeschlagen worden war. In Peking einquartiert, sahen sich die Soldaten allerdings einer Gefahr ausgeliefert, die weit mehr Leben forderte als die militärische Auseinandersetzung: die Erkrankung an Typhus, übertragen vor allem durch verseuchtes Trinkwasser und verunreinigte Nahrungsmittel.

Mit dem Typhus-Erreger infiziert

Karl Wilhelm Restemeier infizierte sich mit dem Erreger. Ende November, rund drei Monate nach seiner Ankunft in China, schloss er für immer die Augen.

Begraben wurde er auf einem Soldatenfriedhof zweiter Klasse in Peking. „Die erste Klasse war Soldaten vorbehalten, die im Kampf fielen“, erklärt Botzet das damalige Prinzip. Die Nachricht vom Tod ihres Sohnes erreichte die Gemeinde Westkilver auf telegrafischem Wege am 3. Dezember. Seine Familie, so hat Botzet herausgefunden, hatte die Möglichkeit einer Gedächtnisfeier am 28. Dezember 1900 in der Kapelle von Westkilver – eine Kirche gab es dort erst vier Jahre später.

„Das Grab von Karl Wilhelm Restemeier dürfte es heute nicht mehr geben“, sagt Botzet. „Während der chinesischen Kulturrevolution wurden in den 60er Jahren alle ausländischen Soldatenfriedhöfe geschleift.“

Und das Grabkreuz? Wahrscheinlich auch vernichtet. Aber wer weiß – vielleicht lehnt auch im fernen Osten noch irgendwo ein Stück Holz an einer Wand in einem Nebenraum. Mit dem Namen des wohl ersten Westkilveraners, der je chinesischen Boden betrat: Karl Wilhelm Restemeier.


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