Kulturring zeigt Komödie Von der Leinwand auf die Bühne in Melle

Von Martina Ewert

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Angelika Hartmann (Antje Lewald) und Arztgatte Richard Hartmann (Steffen Gräbner) brillieren in der Bühnenfassung des Kinoerfolgs „Willkommen bei den Hartmanns“: Es fehlt ein neues Lebensziel, die Kinder sind aus dem Haus, die Pflege von Haustier und Garten bestimmt den Alltag. Warum nicht einem Flüchtling ein Zuhause auf Zeit in der gut situierten Familie bieten? Foto: Martina EwertAngelika Hartmann (Antje Lewald) und Arztgatte Richard Hartmann (Steffen Gräbner) brillieren in der Bühnenfassung des Kinoerfolgs „Willkommen bei den Hartmanns“: Es fehlt ein neues Lebensziel, die Kinder sind aus dem Haus, die Pflege von Haustier und Garten bestimmt den Alltag. Warum nicht einem Flüchtling ein Zuhause auf Zeit in der gut situierten Familie bieten? Foto: Martina Ewert

Melle. Am Dienstagabend präsentierte der Kulturring im Theater am Schürenkamp die Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ nach einem Film von Simon Verhoeven. Die Filmkomödie lief 2016 sehr erfolgreich in den Kinos. Auch die Adaption für die Bühne des professionellen und überzeugenden Tournee-Theater Thepiskarren aus Hannover kam in Melle gut an.

„Was macht ihr eigentlich mit eurem ganzen Scheiß Geld?“ Die Frage von der guten Freundin Heike (Juliane Ledwoch) müssen sich Prof. Dr. Richard Hartmann (Steffen Gräbner) und seine frustrierte Gattin Angelika (Antje Lewald) schon zu Beginn gefallen lassen und sich den Spiegel mit dem Bild spießiger Wohlstandsbürger vorhalten lassen.

Altersangst bestimmt das Denken des Arztgatten Richard. Mit Hyaluronspritzen versucht er, Jugendlichkeit aufrecht zu erhalten, statt an die Rente zu denken. Der in Scheidung lebende Sohn Philipp (Marc-Andree Bartelt) ist zudem überarbeitet und vom Burn-Out gefährdet. Außerdem schlägt er sich mit seinem versetzungsgefährdeten Teenie-Sohn herum. Die Tochter Sophie (Caroline Klütsch) ist mit 30 ziellos, wird ebenso wenig mit dem Studium fertig wie mit Männerproblemen. „Anfangen – verschieben – nichts zu Ende bringen“ beschreibt sie ihre Lebensumstände.

Bewegungen in Zeitlupe

Angelika hat es satt, beschließt, etwas zu ändern. Nach anfänglichen Diskussionen beugt sich die Familie ihrem Wunsch, einem Flüchtling übergangsweise ein Zuhause zu bieten. Der ersten Begegnung haftet ein Zauber inne: Bewegungen in Zeitlupe und sanfte Musikuntermalung geben der Szene eine besondere Bedeutung. Diallo (Derek Nowak) schleicht sich im Kennenlerngespräch in die Herzen der Hartmanns. Sympathisch, eifrig, und mit guter Moral: Auch den skeptischen Gatten Richard überzeugt der Vorzeige-Flüchtling. Und die Lehrerin Angelika Hartmann hat ein Projekt, bei dem sie und Flüchtling Diallo mehr lernen als nur die Sprache. „Vielleicht waren wir naiv, aber wir müssen jetzt mithelfen, damit Integration gelingt“ ist ihre pragmatische Auffassung und ihr Appell an die Tat.

Flüchtling und Familie helfen sich gegenseitig

Diallo beobachtet die Hartmanns aus seinem Blickwinkel, mit seinem kulturellen Hintergrund, eben dem aus Nigeria. Er hat einen anderen Blick auf die Probleme, die diese Familie hat. Ohne es zu bemerken, helfen sich Flüchtling und Familie.

Viele banale Luxusprobleme der Hartmanns werden im Stück angesprochen, eindringlich im Gegensatz dazu ist die Erzählung von Diallo. Von seiner Geschichte in Nigeria, seiner ausgelöschten Familie, der Verfolgung durch Boko Haram. Derart ernste Töne in einer Komödie zu finden ist ungewöhnlich und macht nachdenklich. Auch die Auftritte von Stalker Kurt, nachbarschaftlichen Fremdenhassern und demonstrierenden Neonazis vor dem Haus verstören.

Spontaner Beifall

Nach einigem turbulenten Hin und Her in der Refugee-Welcome-Villa, an der die durchgeknallte Alt 68er-Freundin nicht ganz unschuldig ist, soll Diallo abgeschoben werden. Doch hier haben die Behörden die Rechnung ohne die Hartmanns gemacht. Und auch ohne das Meller Publikum: Denn dies unterstützte durch spontanen Beifall und Jubel die Anerkennung des Asylantrages lautstark und gab ein deutliches Votum ab.


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