Mit Beleidigungen fängt es an Mobbing in Melle: Was Lehrer erleben

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An vielen Meller Schulen wird präventiv gegen Mobbing gearbeitet. Symbolfoto: Foto: Fredrik von Erichsen dpa/lheAn vielen Meller Schulen wird präventiv gegen Mobbing gearbeitet. Symbolfoto: Foto: Fredrik von Erichsen dpa/lhe

Melle. Über eines sind sich Lehrer in Melle einig: Mobbing gibt es an jeder Schule, wobei es an Grundschulen eher die Ausnahme ist. Als engagierte Pädagogen wollen die meisten aber lieber darüber sprechen, was an ihrer Lehranstalt dagegen getan wird. Betroffene Schüler schalten ohnehin nicht gerne Erwachsene ein. Das tun meist Klassenkameraden oder Lehrerkollegen.

Konkrete Zahlen sind kaum zu erfahren. Einen Fall in sechs Jahren erinnert eine Schulsozialarbeiterin einer Grundschule, und der spielte sich nicht in Melle ab. Etwa zehnmal in den vergangenen drei Jahren wurden Konflikte nach dem „No blame Approach“ gelöst, schätzt die Vertrauenslehrerin einer weiterführenden Schule.

„No blame Approach“ heißt „Ansatz ohne Schuldzuweisung“. War im Kollegium anfangs umstritten, berichtet die Lehrerin, denn „da gibt es ja gar keine Strafe“, wie mancher monierte. Inzwischen sind Rückmeldungen positiv, weil die Methode Erfolge zeitigt.

„Ich mach mir Sorgen um den Felix“

Dabei werden die am Mobbing beteiligten Schüler in einen Gruppenprozess einbezogen. „Ich mach mir Sorgen um den Felix“, sagt die Lehrerin zum Beispiel. „Wieso, was ist denn mit dem?“ Und schon suchen alle gemeinsam nach Lösungen, ohne dass Einzelne zu Schuldigen erklärt werden. „Meistens klappt das“, resümiert die Vertrauenslehrerin.

Und wenn nicht, wird normalerweise zumindest die größte Sorge der Opfer nicht bestätigt: dass das Mobbing eskaliert, wenn die Erwachsenen erst mitmischen. Ein heutiger Teenager, der seit der Grundschule immer wieder Mobbing-Phasen ausgesetzt war, hat seinen Eltern jahrelang nichts erzählt: „Weil, dann gehen die da hin und dann wird‘s noch schlimmer.“

„Ihr seid Hartz IV“

Mit Beleidigungen fängt es an. „Hurensohn.“ „Hurentochter.“ Anspielungen auf Armut: „Du wohnst unter einer Brücke.“ „Ihr seid Hartz IV.“ Sexuelles: „Schwuchtel.“ „Bist du schwul oder was?“ Vor allem Cyber-Mobbing funktioniert mit solchen Bloßstellungen. Aktuell ist die App Tellonym ein Problem, berichtet eine Lehrerin. Da kann man Nutzer vermeintlich anonym niedermachen. Sobald die antworten, können auch andere den Gesprächsverlauf sehen. Allerdings speichert Tellonym die IP und weist in den FAQs ausdrücklich darauf hin, dass die, wenn nötig, an die Polizei weitergegeben werde. Auch bei Instagram, Snapchat, Facebook wird drauflos gemobbt: „Du bist hässlich“, gehört da noch zu den harmlosen Äußerungen. Eine Studie der Universität Münster kam schon 2011 zu dem Ergebnis, dass über ein Drittel der Jugendlichen von Cybermobbing betroffen sind. In Großbritannien war es 2017 schon jeder Zweite.

„Die Gruppe war nicht bereit, ihr Verhalten zu ändern“

So schwierig das für Jugendliche ist, im Netz können sie ihr Profil abschalten, dann haben die Beleidigungen ein Ende. Im echten Leben geht das nicht. Da werden aus Beschimpfungen Übergriffe. Das Pausenbrot wird weggenommen. Der Rucksack in die Mülltonne geworfen. Tritte auf dem Nachhauseweg.

„In den höheren Jahrgängen wird es oft subtiler“, berichtet ein Beratungslehrer, dann ersetze Ausgrenzung die direkte Konfrontation. In sozialen Medien wie auf dem Schulhof. In einem Fall sei trotz vielfältiger Bemühungen nichts zu machen gewesen, „die Gruppe war nicht bereit, ihr Verhalten zu ändern.“ Das Mobbing hörte zwar auf, die Ausgrenzung aber nicht. Letztlich half dem betroffenen Mädchen erst ein Klassenwechsel.

Mobber sind erstaunlich oft Ex-Opfer

Wie schlimm Online-Mobbing für die Betroffenen ist, wenn etwas schriftlich fixiert wird und immer wieder abrufbar ist, sei vielen nicht klar. Der Beratungslehrer: „Das hat ein ganz anderes Gewicht, aber diese Massivität ist den Tätern gar nicht bewusst. Das Gespräch ist flüchtig, das können andere nicht lesen.“

Untersuchungen zufolge, sagt der Beratungslehrer, der sich für diese Aufgabe zwei Jahre lang fortgebildet hat, sind sich Mobber erstens sehr unsicher über ihre Stellung in der Gemeinschaft und zweitens erstaunlich oft Ex-Opfer.

„Bei Kindswohlgefährdung hört‘s auf“

An seiner Schule gilt ein Handyverbot. So entstehen Filme von peinlichen Situationen gar nicht erst. Trotzdem „ist Mobbing eine Realität, der man sich stellen muss.“ Oft seien es jedoch Mitschüler, die Lehrern Hinweise geben oder Kollegen, die im Klassenchat etwas mitbekommen haben. Zunächst wird das Gespräch mit dem mutmaßlichen Opfer gesucht. „Und dann entscheidet nur der Klient, ob ich aktiv werde. Außer bei Kindswohlgefährdung – da hört‘s auf“.

Möglichkeiten der Einflussnahme reichen von der Beteiligung des Klassenrats oder Streitschlichtern, Tutoren und Mediatoren, schließlich der Schulleitung bis zur Einschaltung der Polizei, ob mit oder ohne Anzeige. „Wichtig ist, dass, nachdem wir eingeschaltet wurden, sehr, sehr zeitnah etwas passiert - innerhalb von Tagen“, betont eine Schulsozialarbeiterin. „Denn das Schlimmste für die Opfer ist das Gefühl, dass sie keine Unterstützung bekommen.“

Um den Pädagogen zu ermöglichen, sich frei zu äußern, wurden alle Gespräche unter der Prämisse geführt, weder Schul- noch Personennamen zu nennen.

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