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Zwei 15-Jährige berichten „Du schwule Sau“: Wie Teenager in Melle gemobbt werden

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Cybermobbing: Der 15-jährige Ruben aus Melle hat’s erlebt. Symbolfoto: Oliver Berg/dpaCybermobbing: Der 15-jährige Ruben aus Melle hat’s erlebt. Symbolfoto: Oliver Berg/dpa

Melle. Der Junge ist sehr weiblich, also wird er gemobbt. „Wie man sich fühlt? Scheiße fühlt man sich.“ Das Mädchen ist burschikos, also wird es gemobbt. „Wenn ich nicht die Schule gewechselt hätte, säße ich heute nicht hier“, sagt die 15-Jährige. Eigentlich fühlt sie sich als Junge. Also er. Oder doch nicht? Kompliziert. Zwei Meller Jugendliche berichten über ihre Mobbingerfahrungen.

Ruben* ist 15. Lange Haare, hübscher Junge. Sehr feminin. Nicht nur sein Gesicht wirkt mädchenhaft, auch seine zarte Statur. Die Gestik ist es manchmal und wie er spricht. Er mag das, betont es sogar, wenn er sich wohlfühlt. Schminkt sich gerne. Manche wissen das, Ruben erzählt eigentlich gerne davon, wenn er vertraut. Sein Idol ist ein androgyner amerikanischer YouTube-Star, Make-up-Artist und Sänger. Ex-Punk. Bisexuell. Stark geschminkt, trägt gerne Kleider. „Der hat mich zum größten Teil zu dem gemacht, der ich bin“, erzählt Ruben, „der begleitet mich durch meine Pubertät und das wird er auch in Zukunft. Ich habe jedes Video von dem geguckt und guck den immer noch jeden Tag.“ Von dem Ex-Punk hat Ruben gelernt, zu dem zu stehen, was er ist, wie er ist. Wie auch immer. Was auch immer. Schwul? Bi? Blöde Worte. Einengend. Festlegend. Ruben will sich nicht einengen, das versucht sein Umfeld schon zur Genüge. Er will sich freimachen. An Mädchen gekuschelt. An Jungs. Wen interessiert‘s?

Manche sind noch im Grundschulalter

Die anderen eben. Leider. „Du schwule Sau“ – wie oft er das schon gehört hat. „Guckt euch die Schwuchtel an!“ Meist sind es Gleichaltrige, die ihn blöd anmachen, „die das wohl nicht so mit ihren Werten vereinbaren können“. Manche sind noch im Grundschulalter, andere wiederum älter als Ruben. Vor ein paar Jahren hat einer, vier Jahrgänge über ihm, Beleidigendes in einer What’sApp-Gruppe rumgeschickt, mit einem Foto von Ruben. Der hat Anzeige erstattet, die Polizei ist bei dem Mobber zuhause aufgelaufen, der hat sich entschuldigt, ist aber trotzdem von der Schule geflogen. Hatte sich da allerdings auch noch ein paar andere Nummern gegönnt, da war was aufgelaufen.

Angefangen hat’s schon in der Grundschule

Angefangen hat alles schon in der Grundschule. Kinder sind ja so unschuldig, so süß und ehrlich. So brutal. Wenn einer nicht ins Raster passt.

Es gab Zeiten, da wollte Ruben nicht mehr rausgehen. Hatte Angstzustände, saß zuhause, weinte viel. Seine Mutter hat oft mit den Lehrern geredet. Hat nix gebracht. Aber auch so gar nix. Eigentlich will er mit seinen Eltern sowieso nicht drüber reden, „weil, dann gehen die da hin und dann wird‘s noch schlimmer.“ Zu erleben, wie seine Mutter darunter litt, dass es ihrem Kind nicht gut ging, war dann aber noch mal eine extra Strafe.

Der bislang letzte Vorfall ist erst ein paar Monate her. „Irgendein Nonsens bei Instagram“, erzählt Ruben leichthin. Je mehr er als Persönlichkeit reift, desto weniger treffen ihn solch dumme Anwürfe: „Das hat mich jetzt gar nicht mehr so berührt.“

Er/sie/es

Kay* ist auch auf einem guten Weg. Naja, zumindest auf einem besseren als zuletzt. Der Schulwechsel hat‘s voll gebracht, an der neuen sind sie toleranter. Begeistert war ihre (seine?) Mutter nicht, „aber sie hat mich machen lassen. Und schon nach ein paar Wochen gemerkt, dass ich besser nach Hause komme.“

Ey, bist du ´n Junge oder was?

Körperlich ist Kay ein Mädchen. Klamotten kauft sie in der Abteilung für Jungs. Also: kauft er. Kam so in der Fünften. Haare ab, Klamotten androgyn seitdem. Da ging die Mobberei los. Uh! Die Kampf-Lesbe. Ey, bist du ´n Junge oder was? Die lieben Mitschüler. Nicht mehr ganz so unschuldig, süß und ehrlich. Aber noch genau so brutal. Und geübte Schnell-Diagnostiker. Kurze Haare, Jungs-Klamotten? Voll die Lesbe!

„Irgendwann fand ich‘s mega nervig, mich einordnen zu müssen“

Wenn es doch für Kay nur auch so einfach wäre. Hätte sie nie darüber nachgedacht, aus dem Leben zu scheiden, dann. Mit ihren 15 Jahren.

„Wenn mich einer fragt, ob ich ein Junge oder ein Mädchen bin, sage ich: ich bin ein Es. Meine Freunde kennen die wirkliche Person.“ Lesbe? Transgender? Hat Kay sich alles tausendmal selbst gefragt: „Irgendwann fand ich‘s mega nervig, mich einordnen zu müssen.“ Aktuell: neue Phase. Keine-Fragen-mehr-Phase. „Ich brauche kein Geschlecht, um mich als Mensch wohlzufühlen“, sagt Kay. Und schiebt einen Satz hinterher, einen ziemlich guten, der noch besser rüberkäme, glaubwürdiger rüberkäme, wenn er/sie/es ihn nicht so trotzig sagen würde: „Ich bin jetzt einfach nur glücklich darüber, dass ich gar nix sein muss.“ Der Tonfall ist aber eher so: Können wir jetzt bitte mal diese Kackdiskussion beenden? Ich! Weiß! Es! Nicht!

Zu „Transgender“ findet Google über 95 Millionen Einträge, dauert 0,38 Sekunden. Aber google mal „Es“ – da kommt ein Horrorfilm.

Kay hat sich einen androgynen Namen zugelegt, passt für Jungs und Mädels. Kein Geschlecht. Kein Problem. Müssen nur die anderen noch kapieren.

*Namen geändert

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