Psychogramm der Liebe Schriftwechsel berühmter Paare im Schloss Gesmold

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Machten zum Literaturfest die Beziehungen berühmter Paare lebendig: Das Schauspielerehepaar Rudolf Kowalski und Eva Scheurer. Foto: Petra RopersMachten zum Literaturfest die Beziehungen berühmter Paare lebendig: Das Schauspielerehepaar Rudolf Kowalski und Eva Scheurer. Foto: Petra Ropers

Melle. Mit „Beziehungen“ gastierte das Literaturfest Niedersachsen auf Schloss Gesmold. In einer Collage historischer Briefe machten die TV-bekannten Schauspieler Rudolf Kowalski und Eva Scheurer die Liebe berühmter Paare lebendig.

„Es war einmal…“ Mit dieser altbekannten Formel hätte die Lesung auf Schloss Gesmold beginnen können: Es war einmal eine Zeit, in der die Liebe aus der Feder handgeschrieben auf feines Büttenpapier floss.

Breite Facetten

Mittlerweile haben Whatsapp und Co. das Papier abgelöst. Und statt der Worte überbrücken Emojis mit Herzchenbrille und Kussmund die räumliche Distanz zum geliebten Menschen. Wie viel Individualität und liebevolle Aussagekraft damit verloren geht, ist spätestens seit Donnerstag klar.

Beziehungen stellt das Literaturfest der VGH-Stiftung in seiner 13. Auflage in den Mittelpunkt. Dabei beleuchtete es auf Schloss Gesmold eine Facette, die heute so aktuell ist wie zu Zeiten von Olga Knipper und Anton Tschechow, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, Helene Weigel und Bertolt Brecht, Ingeborg Bachmann und Paul Celan oder Gala und Paul Éluard. Denn sie alle führten eine Fernbeziehung, die ihren Ausdruck in einem oft regen Briefwechsel fand.

Eine geschichtlich wichtige Quelle und menschlich ein Gewinn seien ihre Briefe, befand Freifrau Henriette von Hammerstein, die in der ausverkauften Remise des Schlosses die vielen Literaturfreunde begrüßte. Für sie machten Rudolf Kowalski und Eva Scheurer in feinfühligem Vortrag mit dem sehr persönlichen Briefwechsel zugleich die ganz unterschiedlich geprägten Beziehungen der Paare lebendig.

So führten Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre eine grenzenlos offene Beziehung, in der sie doch an ihrer beiderseitigen Liebe keinen Zweifel ließen. Sartre schrieb Hunderte von Briefen an „Castor“, wie er Simone nannte. Blieben ihre Antworten aus, dann mahnte er schon einmal scherzhaft: „Vergessen Sie den Schriftsteller nicht, sonst gehe ich ins Wasser oder heirate einen Tausendfüßler.“

Schwärmerische Art

Das schwärmerische Auf und Ab der Dichterliebe zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, die tiefe Vertrautheit von Anton Tschechow und Olga Knipper, die sich für jede Alltäglichkeit interessierte und sich – in seinen Briefen – oft in herrlich trockenem Humor äußerte: Die Liebe hat viele Facetten. Sie zeigt sich in den Galas verzweifeltem Versuch, den jungen Dichter Paul Éluard von der Front des Ersten Weltkriegs fernzuhalten. Sie äußert sich in seiner Verzweiflung, als Gala sich Jahre später Salvador Dali zuwandte. Und sie spiegelt sich in Olga Knippers schmollenden Briefen, wenn die Antwort Anton Tschechows zu lange ausbleibt.

So werden die Briefwechsel zu einem Psychogramm der Liebe und manchmal auch zu einem Beleg ihres Wandels. Und sie wecken in Zeiten von Emojis und öffentlich getexteten Nachrichten die Lust, selbst wieder zu Stift und Papier anstelle von Smartphone und PC zu greifen.


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