Umzug von Westerhausen nach Oldendorf Eine neue Heimat für den Gnadenhof Brödel

Von Simone Grawe, 11.09.2018, 17:48 Uhr
Nach dem Umzugsstress haben die Zwergziegen, Großziegen und Schafe auf dem Kreimerhof in Oldendorf wieder Zutrauen gefasst. Foto: Simone Grawe

Melle. Neuanfang für den Gnadenhof Brödel: Nachdem die Stadt Kai Behncke dazu aufgefordert hatte, die Weidetiere vom Gelände am Wulberg zu entfernen, haben sie jetzt auf dem Kreimerhof in Oldendorf eine neue Heimat gefunden.

Der Futterstand auf der Fläche in Westerhausen ist leer, der Bauwagen steht nicht mehr, und die Stallungen sind abgerissen. Lediglich mehrere Kleintiere wie Hühner, Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen und Hund „Nelly“ tummeln sich auf dem weiträumigen Gelände.

Der Rest der Tierfamilie ist umgezogen. So hat es die Stadt angeordnet und sich dabei auf geltendes Baurecht berufen, wonach eine Tierbeweidung im allgemeinen Wohngebiet nicht zulässig ist. Anlass ist die Kritik eines Nachbarn gewesen, der sich über Geruchs- und Lärmimmissionen beschwert hatte. Die Stadt hatte dem Gnadenhofbetreiber daraufhin eine Frist bis zum 1. September eingeräumt, um die 7000 Quadratmeter große Fläche zu räumen.

Stress für die Tiere

Das ist nun passiert, allerdings war der Umzug für Kai Behncke und Mitstreiter Karsten Wachsmuth sowie vor allem für die beiden westafrikanischen Zwergziegen, die drei Großziegen, die beiden Miniponys und die beiden Schafe mit Stress verbunden: „Ich betreibe Tier-, Umwelt- und Naturschutzprojekte seit 28 Jahren, aber die letzte Woche war das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe. Nicht nur unter den Tieren war der Stress enorm, zugleich hat uns die Auseinandersetzung und die Umsiedlung einen fast fünfstelligen Betrag gekostet. Das Geld hätte ich lieber für unsere Projekte ausgegeben“, resümiert Kai Behncke.

Fürchterlich und nervig

Der Umzug sei einfach fürchterlich und nervig gewesen: Die Ponys waren unruhig, hätten ständig gewiehert und mussten schließlich getrennt werden. Letztlich habe die Umsiedlung dann aber geklappt, und die Tiere würden sich am neuen Standort einleben.

Kai Behncke betont, dass er der Stadt keinen Vorwurf mache. Ganz in Gegenteil: Die Kommune habe nach Recht und Gesetz gehandelt, und in Kooperation mit dem Bauamt konnte im unmittelbaren Umfeld eine Lösung gefunden werden. Das bestätigt auch Bauamtsleiter Rainer Mallon, der nach der aktuellen Korrespondenz davon ausgeht, in wenigen Tagen eine Lösung hinzukriegen.

Was Kai Behncke wurmt, ist der Anlass der Räumung, nämlich, dass die Stadt auf die Kritik eines einzelnen Anwohners tätig wird, während auf der anderen Seite alle übrigen Nachbarn keine Einwände gegen die Tierbeweidung haben: „Ich akzeptiere, dass wir in einer Demokratie Kompromisse eingehen müssen, dazu sind wir selbstverständlich bereit. Die bisherige Dauerbeweidung wird in der bisherigen Form somit aufgegeben“, erklärt Kai Behncke

Schonende Beweidung

Wissenschaftlich erwiesen ist, dass eine Blühwiesen-Beweidung durch Tiere deutlich schonender als eine Mahd durch Maschinen ist. Vor diesem Hintergrund werden die Tiere temporär zweimal im Jahr für eine Woche die Fläche am Wulberg beweiden: „Der Erhalt des Naturwunders 2018 kann dadurch aufrecht erhalten werden. Zudem werden auf einer weiteren 7000 Quadratmeter großen Fläche, ebenfalls „Am Wulberg“ weitere Blühwiesen angelegt, die gleichfalls durch die Tiere gepflegt werden. Dadurch entsteht eine wichtige kleinräumige Biotop-Vernetzung.

Naturwunder bleibt erhalten

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen verdichten Beweidungstiere den Boden nicht in dem Maße, wie es durch „schweres Gerät“ geschehen würde. Dieses ist relevant, da nahezu 75 Prozent aller Wildbienen im Boden nisten. Auf der als „Deutschlands Naturwunder“ ausgezeichneten Fläche wurde die seltene Sandbienenart „Andrena argentata“ ermittelt. Zudem kommt hinzu, dass bei einer Mahd durch Maschinen Klein- und Kleinsttiere in Mitleidenschaft gezogen werden können. Außerordentlich wichtig ist zudem die natürliche Ausdehnung von Blühwiesen, die durch eine Anhaftung der Samen an Fell und Hufen der Weidetiere gefördert wird.

Gärten werden bunter

„Schonender als durch Tiere kann eine Wiesen-Pflege nicht realisiert werden“ ergänzt Karsten Wachsmuth: „Dieses bleibt außerordentlich wichtig, auch um unsere Singvögel zurückzuholen. Ein einziges Rauschwalbenpaar benötigt zur Aufzucht ihrer Jungen etwas ein Kilogramm Insekten, das sind nahezu 250000 Stück. Unsere Gnadenhoftiere in Rente können dazu beitragen, dass das Leben auf unseren Wiesen und in unseren Gärten wieder bunter wird. Durch ihr gemütliches Wesen sorgen sie zudem für Ruhe und Entspannung unter uns Menschen.“

Auf dem Kreimerhof scheinen sich die Tiere mittlerweile wohlzufühlen. Das 3000 Quadratmeter große Gelände ist eingezäunt, Bauwagen und Futterstelle sind installiert; die Wasser- und Stromversorgung funktioniert. Zweimal pro Tag werden die Tiere mit frischem Wasser und Heu versorgt. Hier planen Kai Behncke und seine Mitstreiter weitere Projekte. So befindet sich auf dem am „Meller Jubiläumsweg“ gelegenen Fläche ein Feuchtbiotop im Aufbau, außerdem werden eine Schwalbennistwand und ein Insektenhotel entstehen.

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