Mehr als 90 Taler für Empfang des Königs Melle zahlt einen Reichstaler für Stellung von Schulräumen

Von Uwe Plaß

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Melle Haushaltspläne und Jahresabschlüsse einer Kommune sind für die meisten Leute eine sehr dröge Angelegenheit. Mit dem Abstand von einigen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten sind sie aber eine hochinteressante Quelle und ein Ausschnitt der damaligen Lebenswelt. Ganz willkürlich sei hier die Jahresrechnung der Samtgemeinde Melle von 1862 unter die Lupe genommen.

Zur Samtgemeinde Melle zählten damals die Gebiete, die heute den Stadtteil Melle-Mitte bilden. Die Stadt Melle selbst war damals noch eine kleine Landstadt im Königreich Hannover, welche erst 1853 ihre Stadtrechte erhalten hatte. Seit 1855 besaß sie mit dem Bahnhof in Bakum einen Eisenbahnanschluss. Man stand also am Beginn einer wichtigen Epoche.

Sanierung des Sprützenhauses

Viele Bereiche, für die damals Geld ausgegeben wurde, sind auch heute noch wesentliche Themen von Kommunalpolitik und Stadtverwaltung. Schulen waren schon 1862 ein Schwerpunkt. So wurde die katholische „Jungfernschule“ – also Mädchenschule – ebenso wie die Knabenschule umfassend renoviert. Allerdings herrschte auch schon im 19. Jahrhundert latente Raumnot. Man musste also zusätzliche Räume für Schulzwecke anmieten, wie etwa beim Uhrmacher Hollmann. Einen Reichstaler erhielt er dafür.

Auch für das Feuerlöschwesen wurden bereits erhebliche Mittel aufgewendet. Das Feuerwehrhaus („Sprützenhaus“) in Altenmelle musste saniert werden. Aber auch das Gerät wurde instandgehalten. Damals ging es natürlich noch nicht um Feuerwehrautos.

Ein wesentliches Instrument waren noch immer lederne Löscheimer, für deren Reparatur ein Sattler beauftragt wurde. An verschiedenen Stellen gab es auch schon Löschspritzen – wie etwa an der Suerburg. Mitte des 19. Jahrhunderts war dies der neueste Stand der Technik. Allerdings war der Transport zum Einsatzort noch sehr mühsam, wie die zahlreichen Transportrechnungen verschiedener Bauern belegen.

Erstaunlich wirkt es, dass damals bereits der Sozialbereich eine ganz wichtige Rolle für die Kommune spielte. Schon die schiere Zahl an Ausgabeposten sticht ins Auge. Insbesondere ging es hierbei um Zahlungen an Personen, die Kranke, Arme, Waisen usw. bei sich wohnen ließen. Neubauer Henseler aus Altenmelle erhielt beispielsweise – wie man es heute nennen würde – Mietzuschüsse für seinen verarmten Heuerling. Heuerling Vogt in Eicken erhielt pro Jahr zehn Taler Kostgeld dafür, dass er ein uneheliches Kind verpflegte. Dies war sowohl für die Mutter als auch das Kind ein schwerer gesellschaftlicher Makel. Überhaupt ist eine häufige Begründung für Unterstützung das Wort „unverehelicht“.

Medizinische Versorgung

Wer nicht privat unterkommen konnte, dem blieb nur noch das örtliche Armenhaus. Hier lebten die Ärmsten der Armen. Insbesondere die Schreibersche Apotheke und der Arzt und spätere Ehrenbürger Dr. Bitter kümmerten sich hier um die medizinische Versorgung der Bewohner. Selbst so grundlegende Dinge wie Strümpfe und anderes mussten beschafft und von der Gemeinde bezahlt werden.

Aus heutiger Sicht fällt bei vielen Quittungen auf, dass sie mit den sprichwörtlichen drei Kreuzen unterschrieben wurden. Lesen und Schreiben war beileibe noch keine Selbstverständlichkeit.

Ganz am Ende der Jahresrechnung erscheint noch ein Posten, der nun wirklich sehr außergewöhnlich ist. 1862 durfte Melle den König von Hannover, den blinden König Georg V., bei sich begrüßen. Es versteht sich, dass der Empfang für seine Majestät nicht ganz billig war. Mehr als 90 Taler musste die Samtgemeinde berappen. Aber das war es den Mellern sicherlich wert. 1862 wurde dadurch zu einem ganz besonderen Jahr.


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