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02.08.2018, 12:33 Uhr KOLUMNE

Wegbier, Cola-Korn und Eierbraten: So feiern Dorfkinder



Melle. Dorffeste sind außergewöhnlich. Stadtmenschen kann es schwerfallen, die Gewohnheiten bei einer Party auf dem Land zu verstehen. Wer allerdings selbst auf dem Land aufgewachsen ist, wird viele Traditionen aus seiner Jugend kennen. Unsere Autorin Mara Schumacher spießt als feierfreudige Bewohnerin eines Dorfes im Norden Niedersachsens so manche Rituale solcher Veranstaltungen auf.

Von Mara Schumacher

Dorfmenschen haben zu ihren Festen eine ganz starke Bindung, die selbst jede Ehe überdauert. Enorm ärgerlich ist es dann, wenn Stadtmensch-Post ins Haus flattert: „Wir möchten dich herzlich zu unserer Hochzeit am 28. Juli einladen.“ „Was? Da ist Schützenfest, da kann ich nicht!“ Solche Situationen sind für uns die größte Zwickmühle überhaupt. Zwar sind unsere dörflichen Feierlichkeiten immer gleich, aber immer legendär. Deswegen müssen wir uns dort auch jedes Mal zumindest „kurz blicken lassen“. Prost.

Vorbereitung/ Ankunft

Na ja, Vorbereitung ist übertrieben, aber es gibt zwei goldene Grundregeln: Alles zu Hause lassen, was man verlieren könnte, und vorher eine größere Menge Bier in irgendeinem Garten oder Wohnzimmer trinken. Hauptsache nicht im eigenen. Logisch. Ein sehr wichtiges Accessoire lassen wir auf dem Weg zum Dorffest allerdings nie zu Hause: das Weg-Bier! Unser treuer Begleiter auf all unseren Wegen.

Endlich angekommen, ist der erste Gedanke meistens: „Hmm. Na ja. Alles wie immer. Die Party muss ja auch erst mal in Gang kommen. Ist ja auch noch früh. Was mache ich eigentlich schon wieder hier.“ Der direkte Weg führt also an den Tresen, obwohl das Weg-Bier noch im Rachen hängt: „Mach mal drei Bier feddich! Und, äääh, was willst du trinken? Joo, und dann noch vier Cola-Korn. Aber mach nicht so viel Cola rein!“ Klassiker.

Die Leute

Fakt ist: Wir kennen jede einzelne Person. Wirklich jede. Und wir wissen, wo sie wohnen, welches Brot sie am liebsten kaufen und wann sie ihre Milchzähne verloren haben. Jedes „Gespräch“ läuft dann in etwa so ab: „Heeey. Naaaa. Juhuuu. Wir schnacken nachher noch mal, neee. Klar. Cooool.“ Das wird aber nicht passieren, weil wir im Laufe der Nacht noch 385 weitere Gespräche dieser Form führen müssen und dann einfach keine Zeit mehr bleibt.

Stresslevel: over 9000. Natürlich hängt auch unsere komplette Familie beim Dorffest rum, deswegen muss man sich hin und wieder „zusammenreißen“, wenn wir nach 15 Cola-Korn unserer kleinen Schwester oder unserem Vater über den Weg laufen. Oder Vaddi ist selbst hackevoll und weiß gar nicht mehr, dass er überhaupt Kinder hat.

Die Fraktion, die altersmäßig eigentlich längst im Bett sein sollte, steht etwas am Rande des Geschehens im Kreis. Alle haben einen totaaal unauffälligen Rucksack voller Alkohol dabei und trinken Sauren direkt aus dem Buddel. Natürlich alle abwechselnd aus einer Flasche, damit die jugendlichen Herpes-Viren ne reelle Chance bekommen. Bei jedem Schluck verziehen sie ordentlich die Gesichter, aber die coolen Kids wollen sich natürlich nicht anmerken lassen, dass ihnen gleich was ganz anderes Saures wieder hochkommt. Tja, Leute, Dorffest ist kein Ponyhof!

Es gibt immer jemanden, der zwischendurch mit dem Kopf auf einem klebrigen Stehtisch liegt und ein kleines Schläfchen macht. Geweckt werden kann das müde Dornröschen nur mit folgendem Zauberspruch: „Jooo man, wach auf, gibt Jägermeister!“ Dazu muss man noch möglichst laut ein volles Jägermeister-Tablett auf den Tisch knallen. Das wirkt!

Es gibt auch immer jemanden, der plötzlich alles stehen und liegen lässt und wie verrückt losrennt: „Ey, wo willst du denn hin?“ „Unsere Kuh kalbt, ich muss zum Hof!!“ Und weg isser. Völlig normale Situation auf dem Dorf.

Auch normal: Der Cola trinkende Feuerwehr-Kamerad, der ausgerechnet am Schützenfest Bereitschaft hat. Seinen Meldeempfänger trägt er präsent am Hosenbund. Die Laune ist bei ihm so mittel. Verständlich. Natürlich kommt es nicht zum Einsatz. Die Alkohol-Abstinenz war also für die Tonne. Na super.

PS: Habt ihr schon mal einen Stadtmenschen auf einem Dorffest beobachtet? Es ist witzig. Stadtmenschen stellen sich so die Hölle vor. Verzweifelte Blicke, ungläubiges Kopfschütteln, pure Panik strömt aus allen Poren, und sie sind stets kurz vor der Flucht. Gegen 1 Uhr entscheiden sie sich für die Erlösung. „Sorry, bin total müde, ich nehme mir ein Taxi.“ Danach haben sie sich nie wieder gemeldet. Ich persönlich habe tatsächlich mal einen Stadtmenschen erlebt, der beim Schützenfest geweint hat, weil er nicht wusste, wie er nach Hause kommen soll. Es war ein Drama.

Musik & Tanz

Tanzen ist auf dem Dorf eine Besonderheit. Wir schwingen nicht sexy die Hüften oder wackeln mit dem Hintern – nein! Wir stolpern und schleudern durchs Zelt und schwitzen dabei. Das nennen wir dann Discofox. Wir sind absolut textsicher und brüllen jeden Mega-Hit total laut mit.

Manchmal springen wir auch wie bekloppt auf dem Holzboden rum, rennen mit Stühlen oder Bänken durchs Zelt, ziehen die Schuhe aus, tanzen mit unserem Bier oder schmeißen uns auf dem Boden und rudern. All das versteht man auf Dorffesten unter Tanzen. Ja, wir Dorfmenschen machen Party wie eine Horde wildgewordener Wikinger, und das ist super! Nach einer Weile herrscht im Zelt ein Klima wie im australischen Regenwald. Dann heißt es: „It’s gettin’ hot in here, so take off your Schützenweste.“

Dörfliche Besonderheiten

Irgendwann verspürt jeder Dorfmensch das dringende Bedürfnis, jetzt unbedingt ein schönes Fischbrötchen oder ne vernünftige Bratwurst mit Senf zu essen. Das mit dem Fisch entpuppt sich am nächsten Morgen meistens als blöde Idee. Aber die Bratwurst ist ein Muss. Es gibt wirklich nichts Schöneres, als um 3 Uhr nachts auf dem Festplatz zu stehen, in die Sterne zu schauen und sich übel den Gaumen an der heißen Wurst zu verbrennen. Dorf-Romantik pur.

Auch so eine typische Dorfnummer: Wir fotografieren Biergläser, ob leer oder voll. Als seien sie süße Hundewelpen. Iss so. Für uns gibt es kein schöneres Motiv. Auch bei Selfies ist es total wichtig, dass irgendwie das Bier noch mit raufkommt. Unser flüssiger Freund bekommt wirklich immer einen Ehrenplatz.

Exotik am Tresen

Ein allwissender Dorfmensch würde übrigens NIE auf die Idee kommen, irgendwelche exotischen Sachen am Tresen zu bestellen. Leute, die ernsthaft Gin Tonic, Wodka on the Rocks oder anderen kosmopolitischen Firlefanz bestellen, müssen mit purer Verachtung, einem sofortigen Platzverweis sowie lebenslangem Hausverbot für sämtliche Dorfveranstaltungen rechnen. Mal abgesehen davon, dass der Tresenmann auch überhaupt nicht weiß, was dieses Dschinn Tonnik ist?!

Garderobe was?

Wir haben nie so richtig gelernt, was Garderoben sind und wie diese funktionieren. Auf Dorffesten gibt es so einen Schnickschnack schlichtweg nicht. Unsere Jacke schmeißen wir meistens in irgendeine Ecke im Zelt, oder wir finden ein „super geheimes Versteck“ dafür. Problem: Entweder ist das Versteck so gut, dass wir die Jacke am Ende selbst nicht mehr finden, oder es ist eben nicht so gut, sodass wer anders mit unserer Jacke nach Hause geht.

Ein völlig legitimes und schickes Outfit ist auf Dorffesten Karohemd mit Jeans. Das geht einfach immer. In Sachen Klamotten sollte man sich sowieso nicht zu viel Gedanken machen, weil wir es meistens schaffen, Bier über die Hose zu kippen, mit der Bluse im Stacheldraht hängen zu bleiben oder beim Festplatz-Anwohner ins Blumenbeet zu fallen. Das Outfit sollte also möglichst robust und praktisch sein.

Der Nachhause-Weg

Jeder Dorfmensch hat es schon mal erlebt: Die Sonne ist bereits aufgegangen, der DJ ist schon längst im Bett, das Zelt wird bereits gefegt – aber wir möchten trotzdem noch nicht nach Hause. Es ist einfach jedes Mal ein trauriger Abschied, wenn man ein Dorffest verlassen muss. Fühlt sich ein bisschen an wie Liebeskummer. Das Gute ist aber, dass wir unsere ganz eigene „Afterhour“ haben: Nennt sich Spiegeleier essen und hat eine jahrtausendalte Tradition. Das haben die Urmenschen schon so gemacht.

Es ist übrigens verboten, dass eingefleischte Dorfmenschen vor 6 Uhr morgens ein Fest verlassen. Falls man es trotzdem wagt, muss man mit einer schriftlichen Mahnung des Bürgermeisters rechnen, munkelt man.

Der eigentliche Weg nach Hause wird natürlich zu Fuß oder mit dem Rad bestritten (falls es nicht geklaut wurde). Schätzungsweise hat jeder Dorfmensch mindestens ein Fahrrad im Schuppen stehen, das total verbeult und im Grunde komplett schrottreif ist. Wegen der „Acht“ im Vorderrad eiert es dezent, aber egal, fährt ja noch! Obwohl das Heim nur 200 Meter vom Festplatz entfernt ist, brauchen wir meistens um die zwei Stunden nach Hause.

Fünf Gründe

Das kann folgende Gründe haben:

  • 1. Wir haben eine neue „Abkürzung“ ausprobiert. Leider ging die in die falsche Richtung, und wir sind im Nachbarort gelandet. Neeeeein!
  • 2. Auf dem Rückweg haben wir noch Bekannte getroffen, mit denen wir noch über den Sinn des Lebens philosophieren und den „Kleinen Feigling“ trinken mussten. Den hatten wir noch in der Jackentasche.
  • 3. Wir hatten noch die „super“ Idee, mal in dieses verlassene Spukhaus am Ortsrand einzusteigen. „Ups, ist gar nicht so verlassen“, haben wir dann bemerkt, als der aggressive Hofhund auf uns zugerannt kam.
  • 4. Wir kamen mit der „Acht“ im Rad doch nicht mehr so gut klar und sind daher mehrmals auf dem knallharten Dorf-Asphalt gelandet. Dabei ist uns auch noch das Handy aus der Hosentasche gefallen, und wir mussten den Akku im Gras suchen.
  • 5. Und natürlich der Klassiker: Wir hatten noch die prima Idee, ein paar Straßenschilder rauszureißen und mit nach Hause zu nehmen, um den kompletten Flur mit Sand und Erde einzusauen. Das Straßenschild nach dem Fest ist auf dem Dorf wie der Stempel aus der Disco: Wenn man am nächsten Morgen keines hat, dann war man auch nicht da!

Und seien wir ehrlich: Mussten wir nach einem Dorffest nicht alle schon mal ins eigene Haus einbrechen oder im Garten schlafen, weil wir keinen Schlüssel dabeihatten? Aber na ja, schließlich gilt ja: Alles zu Hause lassen, was man verlieren könnte.

Unsere Lieblingshits:

  • Nur noch die Schuhe an (Mickie Krause)
  • Highway to Hell (AC/DC)
  • So ein schöner Tag (Tim Toupet)
  • Pure Lust am Leben (Geier Sturzflug)
  • Wahnsinn (Wolfgang Petry)
  • Sweet Caroline (DJ Ötzi)
  • Die Gefühle haben Schweigepflicht (Andrea Berg)
  • Country Roads (Hermes House Band)
  • Is this the way to Amarillo (Tony Christie)
  • Und natürlich der PUR-Party-Hitmix, den alle Dorfmenschen selbstverständlich auswendig können.

Jetzt schon ein Ohrwurm? Gern geschehen.


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