Ohrfeige für den Zeugen Unfallfluchten in Melle: Polizisten berichten von ihren Erfahrungen

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Wer sich nach einem Unfall – wie bei diesem gestellten Foto – einfach aus dem Staub macht, begeht Fahrerflucht und handelt damit nicht nur moralisch verwerflich. Er macht sich auch strafbar. Foto: Jörn MartensWer sich nach einem Unfall – wie bei diesem gestellten Foto – einfach aus dem Staub macht, begeht Fahrerflucht und handelt damit nicht nur moralisch verwerflich. Er macht sich auch strafbar. Foto: Jörn Martens

Melle. Ein kleiner Rempler, eine kleine Schramme und dann nix wie weg: Das Thema Unfallflucht beschäftigt auch die Polizei in Melle fast täglich. Drei Polizisten berichten von ihren Erfahrungen.

Jährlich passieren im Meller Stadtgebiet rund 1500 Unfälle, bislang sind es knapp 800: „Die Zahl der Unfallfluchten steigt leicht an. Sie bewegt sich bei rund 300 Fällen pro Jahr. Wir werden wohl in diesem Jahr eher bei 400 als bei 300 landen“, prognostiziert Thomas Barre. Somit machen die Unfallfluchten rund ein Viertel aller Unfälle im Stadtgebiet aus.

Betrunken gefahren

Betrunken, kein Führerschein, das Auto hat kein Kennzeichen, Angst vor einer Höherstufung in der Versicherung, oder der Partner soll nicht wissen, wo man gewesen ist, als es krachte: Es gibt viele Gründe, warum Autofahrer vom Unfallort das Weite suchen, erzählen Thomas Barre sowie seine Kollegen Norbert Viere und Christian Schulze vom Meller Kommissariat.

„Ganz schön hart“

Dabei kann die Flucht vom Ort des Geschehens böse Folgen haben: „Das Thema wird oft heruntergespielt, aber eine Unfallflucht ist keine Bagatelle, sondern eine Straftat“, betont Schulze. Je nachdem wie der Richter entscheidet, muss der flüchtige Fahrer mit einer Geldstrafe oder mit einem Führerscheinentzug rechnen: „Meistens werden neun bis zwölf Monate verhängt, das trifft ganz schön hart“, meint Barre.

Er und seine Kollegen raten Autofahrern, darüber nachzudenken, ob es sich lohnt, einfach wegzufahren, denn: „Der Schaden bei einem so blöden Unfall ist ja eh da.“ Was den einen oder anderen Zeitgenossen jedoch zum Wegfahren treibt, ist neben der Angst vor einer Höherstufung auch der mit einem Unfall verbundene Aufwand: Abwicklung mit der Polizei, Werkstatt und Versicherung. Von daher nehmen viele in Kauf, dass ihr Vergehen nicht entdeckt wird.

Doch das geht manchmal schneller, als man denkt, weiß Viere. Ihm ist ein Fahranfänger in Erinnerung, der mit einem hoch motorisierten BMW einen Unfall baute und dann wegfuhr. Pech für den 18-Jährigen: Ein Kennzeichenfragment sowie mehrere Fahrzeugteile blieben am Unfallort zurück. So konnte der Halter schnell ermittelt werden.

Schnell in die Werkstatt

Die Beamten trafen den 18-Jährigen denn auch zu Hause an, den Wagen allerdings nicht. Der stand schon in der Werkstatt. Für die Beamten war es somit ein Leichtes, die Puzzleteile zusammenzusetzen und eine Verbindung zwischen dem Fahrer und dem Unfall herzustellen.

„Bei kleinen Parkplatzremplern einigen sich die Beteiligten oft schon vor Ort“, führt Thomas Barre aus. Es gibt aber auch ein Dunkelfeld: „Es wird versucht, etwas zusammenzustricken, was sich aufgrund der Spurenlage aber nicht so abgespielt haben kann wie geschildert“, unterstreicht Viere. An diesem Punkt setzt die diffizile Ermittlungsarbeit an: „Ein spannendes Feld“, urteilt Viere.

Besser die Polizei rufen

40 Prozent der Unfallfluchten können aufgeklärt werden, bei normalen Straftaten liegt die Aufklärungsquote bei 60 Prozent.

Was tun, wenn der Geschädigte nicht vor Ort ist? Einen Zettel an die Windschutzscheibe zu kleben ist nicht verboten: „Das reicht aber nicht aus. Es gibt eine Wartepflicht“, erklärt Christian Schulze. In jedem Fall sollte die Polizei gerufen werden.

Und wie lang soll gewartet werden? „Kommt auf den Einzelfall an. Die Polizei zu rufen ist immer richtig. Dann ist man auf der sicheren Seite“, empfehlen die Beamten, denn vielfach sind kleine Rempler mit verbalen Auseinandersetzungen verbunden.

Einkaufswagen im Spiel?

Sie appellieren auch an diejenigen, die beobachtet haben, dass sich jemand aus dem Staub macht, sich zur Verfügung zu stellen: „Es hat schon mal einen Fall gegeben, bei dem ein Zeuge eine Ohrfeige gekriegt hat. Aber davon sollten sich potenzielle Zeugen nicht abschrecken lassen“, erwähnt Viere mit Blick auf einen Vorfall, der im Kreisel an der Weststraße passierte: Missachtung der Vorfahrt, Auffahrunfall, Stinkefinger und Beleidigung: „Der Zeuge wollte schlichten und erhielt mit den Worten ‚Wir brauchen dich nicht‘ eine Ohrfeige. Wirklich unglaublich“, schildert der Ordnungshüter.

Und wenn einfach ein Einkaufswagen am Supermarkt ein Fahrzeug beschädigt? Auch das kann eine Strafverfolgung zur Folge haben. Also: Immer am besten die Polizei rufen.


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