Ornithologen von Fall fasziniert Vogelnest kilometerweit umhergefahren: Bachstelzen brüten auf Lkw in Melle

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Sicher aufgehoben: Das Nest der Bachstelzen befand sich auf dieser Strebe des Anhängers und wurde von dem dort angebrachten gelbe Vorlegekeil gegen seitliches Verrutschen gesichert. Foto: Marcel GoseSicher aufgehoben: Das Nest der Bachstelzen befand sich auf dieser Strebe des Anhängers und wurde von dem dort angebrachten gelbe Vorlegekeil gegen seitliches Verrutschen gesichert. Foto: Marcel Gose

Buer. Ein solches Verhalten versetzt selbst erfahrene Ornithologen in absolutes Erstauen: Ein Bachstelzenpaar in Melle-Buer zog erfolgreich seine Jungen auf, obwohl sich das Nest unter einer Lkw-Strebe befand und das Fahrzeug jeden Tag stundenlang kilometerweit unterwegs war.

"Das ist ein absolut Aufsehen erregender Fall, der bundesweit seines Gleichen sucht",  bestätigte Volker Tiemeyer von der Meller Stiftung für Ornithologie und Naturschutz (SON) auf Anfrage unserer Redaktion.

Im Meller Ortsteil Bulsten hatten die Bachstelzen ihr Nest im Unterbau eines LWK-Anhängers angelegt, der abends und nachts auf einem Firmengelände stand. Aber: LKW samt Anhänger und Nest gingen nahezu täglich auf Tour ins benachbarte Rödinghausen und Bruchmühlen. Zwar war die Distanz mit wenigen Kilometern überschaubar und das Fahrzeug kehrte stets nach ein bis zwei Stunden zum Ursprungsort zurück, aber für die Fachleute der Stiftung ist der Fall eine Sensation. "Ein mobiles Vogelnest, aus dem auch noch die Jungvögel erfolgreich ausgeflogen sind, sprengt das bisherige Vorstellungsvermögen der hiesigen Ornithologen", erklärte Tiemeyer. Auch in der Fachliteratur sei ein solcher Fall nicht bekannt.Immerhin habe sich das Nest außerhalb des Reviers der Altvögel bewegt und gerade in der Bebrütungsphase seien Vögel extrem störungsanfällig. 

Die Bachstelzen in Bulsten dagegen müssen sogar in der Brutphase auf dem Nest sitzend mitgefahren sein. "Unglaublich", kommentierte Tiemeyer. Und: „Die ersten Flugversuche der jungen Bachstelzen wurden fernab ihrer Bulstener Heimat in Rödinghausen unternommen, sie kehrten jedoch in ihr Nest unter dem Anhänger zurück und fuhren wieder mit nach Bulsten, wo die Altvögel bereits mit Futter auf sie warteten“.

Der Fahrer des Lkw, Marcel Gose, der das Geschehen über Wochen begeistert beobachtet hatte, zeigte sich erfreut: „Dass alle fünf Jungen dabei überlebt haben, ist echt super.“ 


Eine solche Bachstelze sorgt jetzt in Melle für Furore bei Fachleuten. Foto: Eckhard Lietzow


Stellt sich für Ornithologen die Frage, weshalb immer häufiger Vögel auf – aus menschlicher Sicht – kuriose Standorte für die Anlage ihrer Nester ausweichen. Gerade in urbanen Bereichen passten sich die Vögel an neue, aus Menschenhand geschaffene Strukturen an und nutzen sie als Nest-Standort, erläuterte SON-Vorstandsmitglied Florian Seifert den fachlichen Hintergrund. "Sie sind stets auf der Suche nach einem Standort für ihr Nest, der maximale Sicherheit gegenüber Nesträubern wie Katzen oder neuerdings auch Waschbären bietet." Manche Vogelarten zeigten sich dabei sehr flexibel und griffen auf menschliches Equipment zurück.

Doch es gib auch noch eine weitere plausible Erklärung dafür, dass solche Nest-Standorte zunehmen: "Immer häufiger fehlen geeignete Brutnischen“, betonte Seifert. Selbst die eigentlich so anpassungsfähigen Arten wie Hausrotschwanz, Bachstelze und Haussperling hätten es in Siedlungen und Gewerbegebieten zunehmend schwer, geeignete Nistmöglichkeiten zu finden. Diese Höhlenbrüter finden nämlich in und an modernen, energetisch optimierten Gebäuden ohne Nischen, Ritzen und Zugang zu den Giebel- und Traufbereichen keine Brutmöglichkeiten mehr. 

„Dieser Umstand, ja diese Not der Vögel führt zu Bestandsrückgängen, macht manchmal aber eben auch erfinderisch", berichtete Tiemeyer.


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