„Suchen? Die kommen zu mir!“ Meller Künstler Heemann: Werk hängt auch in Hongkong

Von Michael Hengehold


Wellingholzhausen. Er wohnt in Obernüven, aber seine aufwendige Kunst hat es bis nach Hongkong geschafft. Neuerdings steht für Ulrich Heemann allerdings zunehmend die Reduktion im Fokus. Und der Tod. Liegt vielleicht beides an seiner überwundenen Krebserkrankung. Ohnehin haben seine Werke etwas Morbides. Oder geht es doch um Geburt?

„Der ist überstanden“, sagt Heemann zum Krebs, der in ihm vor drei Jahren wucherte. Muss man nichts zu schreiben. Gut, können kann man schon, ein Geheimnis hat er ja nie daraus gemacht, erzählt Heemann auf der Terrasse seines Hauses, das von 2500 Quadratmetern Grün umgeben zwischen Altenmelle und Wellingholzhausen steht. Angefangen hatte dort alles 1972, da stand da nur eine Wehrmachtsbaracke. Heemann hatte gerade sein Studium der Freien Malerei an der Folkwangschule in Essen abgeschlossen und sich sofort darauf an der Kunstakademie in Düsseldorf eingeschrieben: Freie Grafik, Meisterschüler bei Rolf Sackenheim. Für das Studium der Fotografie ist er 1977 nach Essen zurückgekehrt.

Eigentlich ist es ihm egal

Das Handy klingelt mit einem Song von Tom Waits. „Nur kurz“, sagt er und geht ran. Eigentlich keine Anrufe jetzt, wo die Zeitung endlich mal gekommen ist, ihn zu würdigen. Nicht immer nur diese Mini-Artikel mit Foto in Briefmarkengröße. Eigentlich sei es ihm ja auch egal, sagt er, hat aber direkt einen dicken Ordner mit Presseberichten zur Hand.

„Ich war nie angestellt, hatte nie einen Vorgesetzten“

Weiter in der Vita. Ein Sohn. 31. Jurist. „Müssen die Gene der Mutter sein“, scherzt Heemann. Die war Grundschullehrerin in Wellingholzhausen. Er wollte nie Lehrer werden, vor allem nicht Kunstlehrer, weil er Sorge hatte, dass er abends keine Energie mehr für die Kunst hat, wenn er sie tagsüber mit Schülern produziert. „Ich war nie angestellt, hatte nie einen Vorgesetzten, der mir sagen konnte, was ich tun soll.“

Die Can-LP brachte 3600 Euro

Nun, mit 67, wird vieles mühsamer, ist der alte Schwung dahin. „Irgendwann ist die Zeit vorbei – das ist einfach so.“ Nun haut Heemann raus, will die verbleibende Kraft der Kunst widmen, nicht dem Horten. Dem Neuen, nicht dem Alten. Die Plattensammlung – verschenkt an einen langjährigen Freund in Essen. Bestimmt 1000 Stück waren das. Darunter die Erstauflage von „Monster Movie“, das Debütalbum von Can. 500-er Auflage. Hat sein Freund für 3600 Euro verkauft. Geschenkt hin oder her, die werden natürlich geteilt.

So eine Aktie hat keiner

Die Autosammlung – weg. Motorräder – verkauft. Selbst seine Lieblingsmaschine, die Motoguzzi V7 Sport. Für 5000 Mark erworben vor zwölf Jahren, restauriert und nun mit gutem Gewinn veräußert. „So eine Aktie hat keiner. Wegen der Rendite, aber auch, weil sie nicht im Depot liegt, sondern, weil ich viel Spaß damit gehabt habe.“ Jetzt lächelt er: „Da bin ich so viel mit gefahren.“ Erinnert sich an die Zeiten in Italien, wo er die Motorräder billig kaufte und dann aufbrezelte. An die vielen Aufenthalte in Marokko, Algerien, Ägypten. „Ich liebe die Wüste.“

Selbst das Haus in Neuenkirchen, 1980 gekauft, will er losschlagen. Da hatte er sein Atelier, nun holt er alles heim.

„Was soll mir das Bild denn jetzt sagen?“„Nichts.“

Der ewige Kreislauf aus Haben und Loslassen, Geburt und Sterben. Sein Über-Thema. „Unglaublich, wie sehr ich die Vergänglichkeit liebe.“ In Heemanns Bildern, seit vielen Jahren übermalte Fotografien, weiß man nie so genau, ob die Menschen darauf jetzt im Lehm versinken oder daraus hervorgehen. Und wenn ihn einer fragt: „Was soll mir das Bild denn jetzt sagen?“, dann antwortet er: „Nichts“. Denn es sagt jedem etwas Eigenes. Selbst dem Erschaffer, der sich am meisten freut, wenn er nach dem Prozess wie ein Unbeteiligter darauf schauen kann. „Ich fange nie so an, dass ich etwas sagen will. Es kommt einfach aus mir raus.“

Vielleicht 2000 Werke hat er so geschaffen, schätzt der 67-Jährige. Angefangen hat er mit der figürlichen Malerei. Aber in altmeisterlicher Technik schaffte er nur drei, höchstens vier Bilder im Jahr. „Ich hatte den Kopf voller Ideen und konnte das nicht umsetzen, weil es mich zeitlich auffraß.“ Und überhaupt war er so „nur fünf Prozent der Zeit kreativ. Der Rest war nur Ausmalen. Davon wollte ich weg.“

„Du bist gar kein Künstler“

Krise. „Es kam eine Zeit, da dachte ich: du bist gar kein Künstler. Du kannst das gar nicht.“ Der Zweifel verging. Heemann arbeitete abstrakt. Eigentlich heißt es informell, erklärt er, weil ja gar nichts abstrahiert wird, dafür bräuchte es nämlich zunächst etwas Konkretes. Und schuf Grafiken. Als er noch seine Atelierausstellungen an Adventswochenenden veranstaltet hat, haben sie ihm die förmlich aus den Händen gerissen. „Da hab ich manchmal an einem Wochenende so viele Grafiken verkauft - die konnte ich gar nicht so schnell einpacken, wie die Leute die haben wollten.“ Soll jetzt nicht angeberisch rüberkommen, war eben so.

„Siebdruck hat er auch gemacht, „da war ich richtig, richtig gut“. Aufwands-Höhepunkt: ein Werk, das er 103-mal bedruckt hat. Immer wieder noch eine Schicht und noch eine. In einer Galerie haben sie ihn damals gefragt, ob er sie verarschen wolle, das sei doch nie im Leben Siebdruck. So gut war er.

Eigentlich aber ist er den Wichtigen der Branche nicht hinterhergelaufen. „Ich konnte mich nie gut vermarkten, war nie mit einer Mappe unter dem Arm unterwegs, habe nie geschaut, was sich verkaufen lässt. Aber ich finde, das ist alles in Ordnung so. Es war toll, sich für so vieles zu begeistern.“

Hundertwasser mit seinen Riesenauflagen!

In den 90-ern war die Grafik tot. Hundertwasser mit seinen Riesenauflagen! Droese, der seine Bilder für Zwölfneunundneunzig bei Aldi verschleudert hat! „Da wusste ja keiner mehr, was man noch kaufen kann.“

„Suchen? Die kommen zu mir!“

Das Beste kommt zum Schluss. Als die Digitalfotografie in den Nuller Jahren technische Höhen erklomm, konnte Heemann endlich tun, „was ich immer tun wollte“. Seit bald 20 Jahren fotografiert er nun und bearbeitet viele Bilder digital, reiht die Motive, bemalt sie. „Das ist das Beste, was mir als Künstler passieren konnte. Ich liebe die Reihung.“ So entstehen seine Lehm-Menschen, die oft nackt oder nur halb bekleidet aus dem Ton kriechen. Wo sucht er die Models dafür? „Suchen? Die kommen zu mir! Ich muss schon lange nicht mehr suchen.“

Tänzer mögen seine Werke, er ihre Fähigkeit, vor der Kamera zu agieren. Aber auch andere Menschen, bekannte und ihm zunächst unbekannte, wollen in einem echten Heemann verewigt werden. Wie der Chefarzt aus dem Süddeutschen; neben ihm liegt seine Frau, schwellende Brüste, Bikini-Streifen.

Was keinen Käufer findet, will er verbrennen

Derzeit zeigt die Nord-Art in Büdelsdorf (Rendsburg) noch bis Oktober zwei Heemanns, die größte jurierte Schau zeitgenössischer Kunst in Europa. 3000 Bewerbungen aus 100 Ländern, nur 50 Deutsche werden genommen. Heemann ist zum neunten Mal dabei, so oft durfte keiner. „Uli, wenn es um Fotografie geht, kommt man an dir nicht vorbei“, habe eine Kuratorin ihm mal gesagt. Sechs seiner Großformate hat er auf Nord-Art verkauft. Sieben Meter breit. Eins hängt jetzt in einem Museum in Hongkong.

Was keinen Käufer gefunden hat, bis er 75 ist, will er verbrennen - alles. Vergänglichkeit. Er liebt sie.

Derzeit arbeitet er an seinem Sarg

Derzeit arbeitet er an seinem Sarg. Eine einfache Holzkiste. Aber mit einem Bild von ihm auf dem Deckel, wie er da so liegt, vergnügt. Heemann grinst. „Das wird super.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN