Inschriften in Sandstein Schnatgänger erkunden historische Grenze in Neuenkirchen

Meine Nachrichten

Um das Thema Melle Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


pm Neuenkirchen. Zu einem ungewöhnlichen Termin trafen sich Mitglieder der Heimatvereine Borgholzhausen und Neuenkirchen. Sie unternahmen einen Schnatgang entlang ihrer gemeinsamen Grenze. Heute die Landesgrenze zwischen NRW und Niedersachsen, trennte sie bis 1866 die Königreiche Preußen und Hannover. Über vierzig Personen ließen sich von Experten informieren und nahmen ein Dutzend historischer Grenzsteine in Augenschein.

Schnatgänge sind Grenzbegehungen. Sie dienten früher der Verständigung über den Grundbesitz einzelner Personen und auch von Gemeinden. Schnatgänge waren gesellschaftliche Ereignisse, die mit Speis und Trank regelmäßig begangen wurden. Dass sie sich großer Beliebtheit erfreuten, zeigt unter anderem eine Arnsberger Amtsmitteilung von 1841. Sie verbot nämlich die sogenannten „Schnadengänge“, weil sie zu „Exzessen“ führten und „keinen offensichtlichen Nutzen“ gewährten.

Experten teilen ihr Wissen

Dieses kuriose Dokument stellte Jürgen Hellweg vom Heimatverein Borgholzhausen vor. Gemeinsam mit Christian Hoffmeister, Vorsitzender des Heimatvereins Neuenkirchen, hatte er zu der Veranstaltung eingeladen. Etliche Vereinsmitglieder waren gekommen, darunter die Bürgermeister von Neuenkirchen und Borgholzhausen, Karl-Heinz Gerling und Dirk Speckmann. Außerdem hatten sich zwei ausgewiesene Experten bereit erklärt, ihr Wissen zu teilen – der Gütersloher Stadtarchäologe Johannes Glaw und Karl-Heinrich Hoyer aus Borgholzhausen, der unter anderem als Stadtführer tätig ist und sich in der Regionalgeschichte sehr gut auskennt.

Zwölf historische Grenzsteine

Der Schnatgang startete am Landweg in Barnhausen. Von dort erwanderte die Gruppe insgesamt zwölf historische Grenzsteine, die heute als Bodendenkmäler unter Schutz stehen. An jedem Grenzstein wurde ein Halt eingelegt, um sich von den Experten informieren zu lassen. Die Grenze verläuft immer in gerader Linie zwischen zwei Steinen. Ein Stein markiert einen Richtungswechsel. Die alten Grenzsteine ragen etwa einen Meter aus dem Erdreich. Meist stecken sie genauso tief im Boden wie sie sichtbar sind. Das Material ist Osning-Sandstein, der behauen und mit Inschriften versehen wurde. Auf der einen Seite ist stets ein großes P für Preußen eingemeißelt, auf der anderen Seite ein H für Hannover. „Wer das P lesen kann, steht in Preußen, wer das H lesen kann, befindet sich in Hannover“, erklärte Johannes Glaw. Er muss es wissen, schließlich hat er 2017 im renommierten Verlag für Regionalgeschichte (Gütersloh) ein Buch über Grenzsteine veröffentlicht.

Salz als begehrtes Schmuggelgut

Über dem Grenzstein mit der Nummer 500, der in der Nähe des Neuenkirchener Berges steht, reichten sich Neuenkirchens Ortsbürgermeister Karl-Heinz Gerling und der Bürgermeister der Stadt Borgholzhausen, Dirk Speckmann, symbolisch die Hand.

An der Grenze von Küingdorf zu Winkelshütten besichtigten die Wanderer die frühere Flachsspinnerei Uffmann. Sie war 1872 gegründet worden und bis 1942 in Betrieb. Heute steht dort noch der alte Torbogen mit einer Inschrift.

Karl-Heinrich Hoyer wusste von Schmugglerbanden zu erzählen. Insbesondere Salz war ein begehrtes Schmuggelgut, denn es kostete in Hannover viel weniger. In Preußen waren 1818 strenge Zollgesetze und hohe Steuern auf Verbrauchsgüter erlassen worden. Aber wer schmuggelte, riskierte sein Leben. Hoyer berichtete von einem Zwischenfall, bei dem Grenztruppen einen Vater von vier Kindern beim Schmuggeln erwischten und auf der Flucht erschossen.

Hoher Informationsgehalt

Nach mehr als drei Stunden Fußmarsch über eine Wegstrecke von insgesamt acht Kilometer endete der Schnatgang in Ober-Kerßenbrock. Abschließend kehrten die Wanderer im Gasthaus Zurmühlen ein, um sich dort zu stärken und einen ereignisreichen Nachmittag ausklingen zu lassen. „Es war eine gelungene Veranstaltung mit hohem Informationsgehalt, alle Teilnehmer waren sehr zufrieden“, fasste Christian Hoffmeister zusammen. „Es dürfte nicht die letzte gemeinsame Veranstaltung der beiden Heimatvereine gewesen sein.“ Dem stimmte Jürgen Hellweg gerne zu.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN