Wenn die eigene Nase herumstolziert Schwere Kost mit Prosastück „Gogols Welt“ in Buer


Buer. Die Handlungsstränge waren nur mühsam nachvollziehbar und auch humorige Elemente fehlten gänzlich in dem surrealistischen Prosastück „Gogols Welt“, das die Canaillen-Bagage auf die „Freilichtbühne“ auf dem Hof Finke-Gröne in Buer brachte.

Das freie Theater aus Bielefeld entführte die 30 Zuschauer in eine Welt mit skurrilen Figuren, in der sich immer wieder Alltägliches mit Absurdem vermischte. So ging es vor der Pause um eine „laufende Nase“ - nein, nicht etwa wegen eines Schnupfens, sondern um eine Nase, die tatsächlich in der Gegend herumläuft. Die Nase stolzierte sogar durch die Stadt und fuhr in der Uniform eines Staatsrates mit der Kutsche. Die Nase war einem unterrangigen Schreiber abhanden gekommen, der mit sehr ausdrucksstarker Mimik und überzeugend von Daniel Scholz dargestellt wurde. Eines Tages erwachte der Schreiber nach dem ganzen grotesken Geschehen wieder mit seiner Nase im Gesicht, als ob nichts gewesen wäre.

Sicht auf die Welt

Direkt nach der Bühnenversion der Novelle „Die Nase“ folgte ohne jeden Schnitt mit nahtlosem Übergang der zweite höchst intensive Ein-Mann-Auftritt von Daniel Scholz. In den „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ ließ er die Zuschauer in die Haut des ukrainischen Autors Gogol schlüpfen. Denn dieser offenbarte in Ich-Form seine Sicht auf die Welt. Sein Wunsch nach mehr gesellschaftlicher Anerkennung gipfelte schließlich in der Überzeugung, der spanische König zu sein. Phantasie und Wirklichkeit gingen dabei beständig ineinander über, Absurditäten stellte Schauspieler Scholz überzeugend wie Banalitäten dar.

Der Traum von einem höheren gesellschaftlichen Stand war, wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, offenbar auch das Thema der Bühnenversion der Erzählung „Der Mantel“, bei der zwölf Schauspieler im Einsatz waren. Die drei „Petersburger Meisternovellen“ von Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809 bis 1852) wurden in der Inszenierung der Canaillen-Bagage zum avantgardistischen Schauspiel „Gogols Welt“ verwoben, das sich an die gleichnamige Romanbiografie von Kjell Johanssons anlehnte. Das Ergebnis war eine Mischung ohne klare Konturen, Handlungen und Aussagen, für die große Masse der Theaterfreunde sicherlich „schwere Kost“.

Mit Musik und Tanz

Gleichwohl brachten die meist jungen Akteure bemerkenswerte schauspielerische Leistungen sowie faszinierende und fesselnde Bilder auf die Bühne. Ukrainisch-russische Gesänge, Musik und Tänze sorgten neben den Kostümen für russische Atmosphäre auf dem Hof Finke-Gröne. Trotz der wenigen Requisiten – ein Pult und drei Stühle – fühlten sich die Zuschauer in das alte Russland versetzt.

Veranstalter Bernd Thye von der Kulturinitiative „Die ARTigen“ freute sich über das kleine, aber interessierte Publikum und sprach von einem „unglaublichen Abend“ und einer „tollen Atmosphäre unter freiem Himmel auf dem Hof Finke-Gröne“. Seinen Dank richtete er unter dem Beifall der Zuschauer an die Gastgeber, die nach dem Bücherflohmarkt das Gelände mit malerischer Kulisse für die Theateraufführung zur Verfügung stellten.


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