Meller Zeit-Lupe Ein echter Fehlkauf: Melles erster Krankenwagen

Von Uwe Plaß

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Melles erster Krankenwagen, noch mit Beschriftung der Stadt Düren, Ein Bild von 1927. Foto: Archiv Heimatverein MelleMelles erster Krankenwagen, noch mit Beschriftung der Stadt Düren, Ein Bild von 1927. Foto: Archiv Heimatverein Melle

Melle. 1927 kam man in Melle zu der Einsicht, dass man einen neuen Krankenwagen bräuchte. Motorisiert sollte er diesmal sein. Leider entpuppte sich das Wunschfahrzeug als Schrott.

Ein Neuwagen kam für die Meller in den Notzeiten der 1920er Jahre nicht in Frage – zu teuer. Daher sah man sich nach einem guten Gebrauchten bei anderen Kommunen um. Von der Stadt Düren kam ein interessantes Angebot. Der dortige Fuhrpark wollte einen Bergmann-Metallurgique-Krankenwagen Baujahr 1914 ausmustern. Der Hersteller dürfte heute nur noch echten Oldtimer-Experten ein Begriff sein.

Kurzentschlossen wurden Gemeindevorsteher Hemminghaus und Heinrich Strakeljahn ins Rheinland geschickt, um den Wagen in Augenschein zu nehmen. Letzterer war Inhaber einer Firma für Nähmaschinen, Fahrräder, Schreibmaschinen und „Autofahrzeuge“. Er sollte den Wagen durchchecken.

Sehr zu empfehlen

Die beiden Meller kamen zu einem eindeutigen Urteil: Der Wagen sei sehr zu empfehlen. Es seien lediglich kleinere Reparaturen wie neue Reservereifen nötig. Für etwas mehr als 2000 Reichsmark bekäme man demnach einen voll einsatzfähigen Krankenwagen. Aus heutiger Sicht mutet es allerdings skurril an, dass das altertümliche Gefährt für den Transport von vier Tragen gleichzeitig ausgelegt war.

Der Männerzweigverein des Deutschen Roten Kreuzes in Melle kaufte also den Krankenwagen. Eine Benutzungsordnung sollte später erlassen werden. Ebenso musste die Frage der Unterbringung noch geklärt werden. Eine Garage war nicht vorhanden, weswegen das Auto zunächst in einer Meller Fabrik provisorisch untergestellt werden musste. Klar war jedoch, dass das Fahrzeug nur von einem „Berufschauffeur“ gefahren werden durfte.

Selbst für einen geübten Fahrer war der Wagen kaum zu handhaben

Laut Tarif vom 31. Mai 1928 konnte der Krankenwagen telefonisch lediglich bei vier Funktionsträgern des DRK angefordert werden. Eine zentrale Notrufnummer gab es nicht. Die Kosten für gefahrene Kilometer, Wartezeit und Desinfektion wurden in Rechnung gestellt.

Nicht einmal zwei Jahre nach der Beschaffung stellte sich allerdings heraus, dass sowohl das Fahrzeug als auch dessen Betrieb erhebliche Defizite aufwiesen. Sogar Polizei und Kreisarzt schritten wegen der Missstände ein. Bei der technischen Durchsicht stellte sich heraus, dass Rauchgase ins Fahrzeug eindrangen. Der Motor wies erhebliche Undichtigkeiten auf, beinahe alle wesentlichen Teile waren verschlissen, Zustand von Lenkung und Federung waren besorgniserregend. Überdies verbrauchte der Wagen zu viel Öl und Kraftstoff und war undicht. Die Expertise der Firma Ossenschmidt & Schlattmann war vernichtend: Selbst für einen geübten Fahrer war der Wagen kaum zu handhaben, sein Gebrauch als Krankenwagen unverantwortlich.

Der Kreisarzt: empört

Auch der Kreisarzt war empört. Decken und sonstige Wäsche wurden nach den Transporten nicht gewechselt. Alles war verdreckt. Ritzen und Löcher in der Karosserie waren mit schmutziger Watte gestopft. Überdies ließen die Fahrer beim Transport der Kranken meist die Türen offen. Mangelnde materielle Ausstattung aber auch fehlende Ausbildung und Aufsicht des Personals machte der Arzt als Ursache für die unhaltbaren Zustände aus.

Eine Reparatur lohnte nicht mehr

Organisatorisch wurden die Krankentransporte daraufhin der Sanitätskolonne des DRK übertragen. Diese gewährleistete eine vernünftige Hygiene und Ausstattung des Fahrzeugs. Dies änderte allerdings nichts daran, dass das Fahrzeug nach nur zwei Jahren schon abgängig war. Eine Reparatur lohnte nicht mehr. Es sollte allerdings noch ein Jahr, bis 1930 dauern, ehe von der Meller Firma Menzefricke ein neuer Krankenwagen Steyr 8/40 PS gekauft werden konnte – diesmal ein Neuwagen.


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