Vom Wort bis zur Rechenaufgabe Grundschüler in Riemsloh programmieren mit Calliope

Von Kirsten Muck


Riemsloh. Klein und handlich ist der Minicomputer Calliope. Die blaue Platine mit Sensoren, Knöpfen und Lämpchen, die aussieht wie ein Sheriff-Stern, soll schon Grundschülern das Programmieren ermöglichen. Und das funktioniert gut, stellen die Drittklässler der Grundschule Riemsloh fest. Sie testen derzeit den Kleinstcomputer.

Der Umgang mit Calliope ist kinderleicht. Tom (9) öffnet den Browser, tippt m7r.de in die Tastatur, öffnet den Editor und gibt dort Befehle ein. In einem pinkfarbenen Feld mit 25 Quadraten setzt er in ausgewählte Quadrate ein Kreuz. Diese Kreuze sollen leuchten. Anschließend legt er in einem weiteren Eingabefeld die Farbe fest: blau. Im nächsten Feld tippt er „Hallo“ ein. Fertig. Tom speichert seine Eingaben und startet die Simulation. Auf dem Bildschirm blinkt ein blauer Stern, danach erscheinen fünf Buchstaben: H-A-L-L-O. Alles richtig. Er schiebt die hex-Datei aus dem Editor in den Ordner Calliope und überspielt so die Daten auf den Minicomputer. Schon erscheinen auf der mit Technik vollgepackten Leiterplatte ein blauer Stern auf der LED-Matrix, gefolgt vom Wort „Hallo“. „Das ist gar nicht so schwer“, stellt er fest. Seine Mitschüler nicken zustimmend.

Eine von 30 Grundschulen in Niedersachsen

Dass die kleine Dorfgrundschule als erste in Melle über einen Klassensatz Calliope verfügt, hängt mit einem Pilotprojekt des Landes Niedersachsen zusammen. Die Schule hatte sich auf dieses zweijährige Projekt „Informatische Bildung und Technik in der Grundschule“ beworben und den Zuschlag erhalten. Nun ist sie eine von 30 in Niedersachsen, die den Kleinstcomputer im Unterricht testet und über ihre Erfahrungen berichten muss. Denn langfristig soll die informatische Bildung ein fester Bestandteil des Lehrplans werden. Die Sachkundelehrerinnen Daniele Wagner und Anke Bolte sind verantwortlich für die Umsetzung des Projekts in Riemsloh. Etliche Fortbildungen zum Calliope haben sie schon hinter sich. Kindern einmal das Programmieren beizubringen, hätten sie sich vor einigen Jahren noch nicht vorgestellt. „Aber davor darf man sich nicht verschließen“, meint Daniele Wagener.

Computer kennt nur „Ein“ und „Aus“

Was viele Schüler und auch Erwachsene verkennen, ist: Wer ein Handy und Tablet bedienen kann, hat noch lange keine Ahnung von Computern. Auch wenn Kinder und Jugendliche den Eindruck machen, als seien sie digital schon gut gebildet, offenbaren sich im Informatikunterricht doch erstaunlich große Wissenslücken. „Es um die Dinge, die dahinter stecken“, erklärt Anke Bolte. „Darum, zu verstehen, dass ein Computer eigentlich nur „Ein“ oder „Aus“ kennt, und dass wir ihn mit Befehlen füttern müssen, damit er das tut, was wir wollen“, sagt sie.

Kopfrechnen mit Calliope

Am Anfang geben die Schüler kurze Befehlsabfolgen ein, eben ein Wort anzeigt, oder ein Lichtsignal. „Wir haben auch ein Kopfrechentraining programmiert“, berichtet Milena. Tom startet das Programm: Auf der LED-Matrix erscheinen Aufgaben wie 4 x 4 oder 5 x 6. Die Aufgaben laufen in Endlosschleife durch. Wie viele Aufgaben in dem Training vorkommen, bestimmen die Kinder selbst, indem sie beliebig viele Eingabefelder ausfüllen und aneinanderhängen.

Auch ferngesteuerte Autos bauen

„Wir wollen das Interesse am Programmieren wecken und Grundlagen vermitteln“, sagt Anke Bolte. Die Fachsprache spiele dabei eine genauso große Rolle wie das Programmieren selbst. Dass das gut klappt, zeigen die vier Grundschüler, die schon nach wenigen Sekunden in Gedanken versunken vor dem Surface Book sitzen und weitere Befehlen eintippen. Fortgeschrittene Schüler können mit dem Calliope auch Roboter programmieren oder ferngesteuerte Autos bauen. Das Internet ist voll mit Anleitungen für Programmierungen. Bis zum Ende des Schuljahres 2018/19 läuft die Testphase.

Kritik von Bildungsexperten

Der Minicomputer wird über die gemeinnützige Calliope GmbH aus Berlin vertrieben. Kritiker werfen den Geschäftsführern vor, Wirtschaftslobbyismus zu betreiben. Denn die Initiatoren des Calliope-Projekts haben sich mit Google einen global agierenden Internetriesen als Sponsor ins Boot geholt. Das stößt vielen Bildungsexperten bitter auf, da sie die Einflussnahme des Großkonzerns auf Unterrichtsinhalte befürchten.

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