Rommé, Skat, Bridge & mehr Reizen, kloppen, austeilen: Wo Meller mit Leidenschaft Karten spielen

Von Karsten Grosser

Ein Grand, den man wohl nicht verlieren kann. Foto: Karsten GrosserEin Grand, den man wohl nicht verlieren kann. Foto: Karsten Grosser

Melle. Austeilen, reizen, kloppen: Viele Menschen in Melle spielen mit Leidenschaft Karten. Die Jüngeren eher zwanglos, die Älteren oftmals noch in Vereinen organisiert. Die einen pflegen Klassisches wie Skat oder Bridge, die anderen greifen immer wieder zu Neuheiten. Auf den Spuren eines zeitlosen Hobbys.

Die Stille springt einen an. 44 Personen sitzen an elf Tischen im Bayrischen Hof, doch kein Wort durchstößt die Ruhe. Die Gesichter malen Bilder der Konzentration, des Abwartens, des Haderns, des heimlichen Triumphs. Ein verschmitztes Lächeln hier, ein Lippenschürzen dort. Allmählich setzt Gemurmel ein, immer mehr Gespräche beginnen, ein Lachen. Der Geräuschpegel schreibt den Beginn einer Sinuskurve. Angelangt auf dem Höhepunkt, schallt ein "Bitte wechseln" durch den Saal. 41 Frauen und drei Männer erheben sich und finden sich zu neuen Quartetten zusammen. Die Kurve fällt wieder. Kurz darauf startet die nächste Runde.

Die jeweils zwei Gegenübersitzenden spielen beim Kartenspiel Bridge zusammen. Foto: Karsten Grosser

Turniere beim Bridge-Club

Die Mitglieder des Meller Bridge-Clubs treffen sich zweimal wöchentlich zu Turnieren. Donnerstags und montags. Jeweils zwei Personen bilden ein Team, das während der gesamten Veranstaltung zusammenbleibt. Ein Duo, das beim Reizen stumm mithilfe der Bietkarten Informationen über die eigene Karten preisgibt. Gemeinsam Stiche sammelt. Zusammen gewinnt oder verliert. Bei einem Kartenspiel, das permanent gegen das Vorurteil kämpft, ein Zeitvertreib für ältere Damen zu sein. Ein Vorurteil, das in Melle widerlegt wird. Allein die technische Ausstattung beweist, dass Bridge im Heute angekommen ist. Über Eingabegeräte werden Ergebnisse direkt vom Tisch an einen Laptop übermittelt. Das System wertet die Resultate sekundenschnell aus.

Jens Uhlen tippt auf dem Tischcomputer Ergebnisse ein, die direkt an ein Laptop übermittelt werden. Foto: Karsten Grosser

An diesem Tag tritt jedes Paar zu 26 Partien an. Eine einzelne dauert kaum mehr als fünf Minuten. Laufzettel geben vor, wer wann an welchem Tisch auf welchem Platz gegen wen mit welchem Blatt spielt. Der Zufall legt die Kartenverteilung für jeden Platz vor Turnierbeginn einmal fest, danach wird nicht mehr daran gerüttelt. Die sogenannten Boards werden nach Abschluss einer Partie stets wieder in einen speziellen Halter zurückgesteckt, um für die Nachfolgenden identische Ausgangsbedingungen zu hinterlassen. Welches Team macht das Beste draus?

Die Laufkarte für das Paar 14 zeigt an, in welcher Runde es mit welchen Karten an welchem Tisch gegen wen spielt. Foto: Karsten Grosser

Anfängerkurs im Herbst

Nach insgesamt rund drei Stunden Spielzeit spuckt der Rechner die Turniersiegerinnen aus. Es gewinnen Liesel Steffen und Lisa Gehle. Alle klatschen. Gehle ist das einzige noch verbliebene Gründungsmitglied des 1977 entstandenen Clubs. Etwa 20 Personen seien damals dabei gewesen. Heute gehören 73 Mitglieder dem Verein an, darunter fünf Männer. Damit trotzen die Grönegauer dem Trend. Bundesweit sei Bridge auf dem absteigenden Ast, sagt Sportwart Bernhard Bläul. Doch Melle verzeichne Zuwächse. Gleichwohl vermisst auch Bläul Nachwuchs. Der Jüngste ist derzeit rund 50 Jahre alt. Allein 16 Mitglieder gehörten zu einer Ü80-Fraktion, darunter auch die 85-jährige Gehle. Im kommenden Herbst will der Club deshalb wie jüngst schon einmal wieder einen Anfängerkurs starten.

Lisa Gehle ist Gründungsmitglied des Meller Bridge-Clubs. Foto: Karsten Grosser

Musik aus dem Fitnessraum

Verstärkung suchen auch die Kartenspieler im SC Melle um Organisatorin Margret Otto. Bis zu 20 Personen treffen sich am ersten und dritten Donnerstag eines Monats im Sportcenter Mellaktiv. An diesem Tag sind es elf. Alle Ü60. Die Musik aus dem angrenzenden Fitnessraum sorgt für dezente Untermalung. Jemand trainiert auf dem Laufband. Man sieht ihn nicht, man hört ihn. Die Schritte klingen im Takt. "Wie kann man bei diesem Wetter nur rennen?", fragt sich Jelena Reinert, die am Tisch der Doppelkopfspieler sitzt und sich über frische Brisen freut, die durch die geöffnete Hintertür einströmen. Die Laune ist so locker wie die luftige Kleidung an diesem sommerlichen Tag.

Was taugt das Blatt? Jelena Reinert und Margret Otto sitzen am Doppelkopf-Tisch. Foto: Karsten Grosser

Am Tisch nebenan klönen drei Damen bei Phase 10. Über eine Kutschfahrt durch Bad Rothenfelde, wo die Menschen in einer Schlange vor einer Eisdiele bis auf die Straße standen. Über die Enkel, die bei der Hitze schlecht schlafen. Und natürlich über das Kartenspiel. "Luzie, du bist die Beste", freut sich Eleonore Asmann, die eine just abgelegte Karte aufnimmt und damit eine Phase beendet. Annelies Wunderlich hakt es auf dem Zettel ab. Nächste Runde.

Luzie Strecke spielt Phase 10. Im Vordergrund sortiert Annelies Wunderlich ihre Karten. Foto: Karsten Grosser

"Das ist Wiedergutmachung!"

Vom Rommé-Trio schallt derweil ein wenig Schadenfreude herüber. Genau genommen nur von den beiden Frauen. "137 Miese. So viel hatten wir ja noch nie", kommentieren es Margarete Vosgröne und Gisela Möllmann. Leidtragender ist Hans Binsau. Doch nicht lange. Schon im nächsten Durchgang wird er alle Karten los, ohne dass die beiden Damen ausgelegt haben. "Das ist Wiedergutmachung!", triumphiert er. Eher dezent denn wortgewaltig. Und unterstreicht damit die gepflegte Atmosphäre im Raum.

Gisela Möllmann (Mitte) spielt mit Hans Binsau und Margarete Vosgröne Rommé. Foto: Karsten Grosser

"Achtzehn, Zwanzig, Zwo"

Lebhafter geht beim Übungsabend des 1. Meller Skatclubs im Westerhausener Gasthaus Hubertus zu. "Das sind aber auch wieder Madenspiele", mäkelt Dirk Fink nach einem verlorenen Spiel. Vom Nebentisch klingt das übliche "Achtzehn, Zwanzig, Zwo" herüber. Woanders wird analysiert: "Ich habe keine vier Jungs. Kannst du nicht zählen." Es wird gefrotzelt, gelacht, diskutiert, gefachsimpelt. Von den 27 Vereinsmitgliedern sind an diesem Abend 14 dabei. Mit Karl-Heinz Wedemeyer verbringt sogar jemand seinen Geburtstag mit seinen Skatbrüdern. Und Skatschwestern. Sechs Frauen gehören zum Skatclub. "Überdurchschnittlich viel", meint der Vorsitzende Hans-Dieter Raddatz.

Hans-Dieter Raddatz (Mitte), Vorsitzender des 1. Meller Skatclubs, spielt eine Karte aus. Foto: Karsten Grosser

Stirbt Skat als Sport aus?

Rund 80 Partien absolviert jeder an diesem Abend. Partien, die nicht nur sichtlich Spaß bringen, sondern auch als Training gelten. Die erste Mannschaft des Vereins ist in der Regionalliga angesiedelt. Quasi die dritte Liga. Vier Leute bilden ein Team, ein Fünfter steht als Auswechselspieler zur Verfügung. Die Zahl der organisierten Skatspieler in Deutschland nehme ab, sagt Raddatz. Melle sei im Raum Osnabrück noch eine Hochburg. Das liege auch an den knapp 20 Mitgliedern der Maurermeister aus Buer. Doch den Vereinen fehlt der Nachwuchs. "Unser jüngstes Mitglied ist 45 Jahre alt", sagt Raddatz und wagt eine düstere Prognose: "Wenn kein Wunder geschieht, ist der Sport in 25 Jahren ausgestorben."

Zu Beginn eines Übungsabends wird ausgelost, wer an welchem Tisch spielt. Foto: Karsten Grosser

"Das Schönste ist es, ein Spiel umzubiegen."

Dabei sei das Erlernen des Stichspiels gar nicht so schwer, meint Raddatz. Die Regeln seien stringent, das Reizen eigentlich eine reine Rechenaufgabe. Skat allerdings gut zu spielen, das dauere schon etwas. Und damit meint der Vorsitzende nicht die sogenannten Omaspiele mit vier Buben und reichlich Assen auf der Hand. Sondern eher die knappen Partien. Gerade die seien es dann auch, die den Spaß bringen würden. Wenn man aus Automatismen ausbreche, um die Gegner zu verunsichern. Oder wie Dirk Fink es formuliert: "Das Schönste ist es, ein Spiel umzubiegen."

Taugt das Blatt? Foto: Karsten Grosser

Spieleabend beim TSV Westerhausen

Karten, aber nicht nur, kommen jeden zweiten Montag eines Monats im Vereinsheim des TSV Westerhausen auf den Tisch. Spieleabend. Während die Älteren doppelkopfen, probieren sich die Jüngeren immer wieder an neuen Herausforderungen aus. Brettspiele, Würfelspiele, Kartenspiele. Titel, die noch nicht so alt sind wie Rommé oder Skat. Das innovative Abluxxen oder das hektische Ligretto zum Beispiel. "Cindy und Benny Lüdtke fahren regelmäßig zu Messen und bringen Neuheiten mit", erklärt Frank Strötzel. Der Vorsitzende des TSV macht als Initiator des Spieletreffs selbst gerne mit. "Das ist wie ein Familienabend", beschreibt er die Stimmung. Auch Nichtmitglieder dürfen mitkniffeln und mittaktieren.

Die Charts der Stadtbibliothek

Ein buntes Angebot an Spielen hält auch die Stadtbibliothek bereit. Die Auswahl in den Schränken inmitten der Bücherregale ist groß. Kartenspiele indes seien weniger beliebt als zum Beispiel Brett- und Würfelspiele, sagt Leiterin Ulrike Koop. Ausreißer nach oben seien das kooperative Ablegespiel The Game, die lustigen Hinverzwirbler Dodelido und Die fiesen 7 sowie die Kartenspielversion des Kinderspiels Stone Age Junior. Die diesjährigen Renner mit mehr als zehn Ausleihen kommen aus anderen Spielegattungen. Wie zum Beispiel das dynamische Geschicklichkeitsspiel Klask oder das abstrakte Shiftago mit seiner hochwertigen Ausstattung. Für eine schnelle Runde zwischendurch scheint Würfel-Ligretto beliebt zu sein. 

Das Ausleihangebot der Stadtbibliothek Melle umfasst auch viele Spiele. Foto: Karsten Grosser

Als einen unerwarteten Hit bezeichnet Koop das Ratespiel "Fast vergessene Begriffe vergangener Jahrzehnte". Die Dauerbrenner-Charts mit insgesamt mehr als 230 Ausleihen führten Die Siedler von Catan, Rechenkönig und Geisterwäldchen an. Durchschnittlich werde in der Stadtbibliothek ein Gesellschaftsspiel neunmal pro Jahr ausgeliehen. Ein Wert, den Koop besonders hervorhebt. Denn bei vergleichbaren Bibliotheken liege diese Zahl nur bei drei bis vier. 

Ideen aus dem Zeltlager

Bei Spielwaren Hanke verkaufen sich derweil klassische Kartenspiele sehr gut. Uno und Skip-Bo zählt Inhaber Dirk Blaue beispielsweise auf. Aber auch Schwarzer Peter und Quartette. Spiele, die seit Generationen die Grenzen zwischen den Generationen aufheben. Spiele für alle. Spiele, die sich als preiswerte Geschenke eignen. Doch auch moderne Kartenspiele entwickeln sich allmählich zu Klassikern. Dobble etwa. Wer reagiert am schnellsten und entdeckt auf zwei Karten die identischen Motive? Oder Werwölfe von Düsterwald. Ein Großgruppenspiel, das vor allem in Zeltlagern dazu auffordert, seine Identität zu vertuschen. Das so gut bei Jugendlichen ankommt, dass sie es nach der Heimkehr selbst haben wollen, wie Blaue aufgefallen ist.

Aktuelle Kartenspiele stehen im Regal bei Spielwaren Hanke in Melle. Foto: Karsten Grosser

Und was empfiehlt der Spielwarenexperte sonst noch? "Noch mal", sagt Blaue und holt die kleine Schachtel aus dem Regal. Noch mal? So lautet der Titel eines äußerst kurzweiligen Würfelspiels, bei dem der Name Programm ist. Eine Partie folgt der anderen. Auch wenn ein anderer würfelt, darf man selbst ein Ergebnis eintragen. Unter den recht neuen Kartenspielen hat Blaue zudem The Game als Tipp ausgemacht. Eine kooperative Aufgabe, bei der das Ablegen von Zahlenkarten wegen eingeschränkter Kommunikation zur Herausforderung wird.

Ganz im oben im Regal für Kartenspiele stehen aber auch bei Hanke Skat und Doppelkopf. "Die gehen immer", sagt Blaue. Irgendwann sei ein Blatt eben verbraucht. Quasi gezinkt, weil etwa wegen Abriebs oder einer Eselsecke jeder weiß, welche Karte der Kreuz Bube ist. Oder die Herz Dame. 

Skat für die Herren, Canasta für die Damen

Skatblätter werden auch beim Deutschen Roten Kreuz in Melle-Mitte gebraucht und regelmäßig ausgepackt. Dienstags und donnerstags ab 13 Uhr treffen sich die Senioren im DRK-Zentrum, donnerstags kommen zudem die Damen zum Canastaspielen hinzu. "In getrennten Räumen", sagt DRK-Mitarbeiterin Anke Beineke. Das habe sich im Laufe der Zeit so entwickelt. Weil die Herren zu laut reizen? "Vielleicht, weil die Frauen zu viel quasseln", witzelt Beineke. Kaffee und Plätzchen werden gemeinsam verzehrt.

Locker aus dem Handgelenk fliegt der Kreuz König in die Tischmitte. Foto: Karsten Grosser

Spielen im Freundes- und Familienkreis

Wo wird noch gespielt? In Neuenkirchen trifft sich alle 14 Tage die Doppelkopf-Runde des TV Neuenkirchen in der Gaststätte Marathon. Auch in anderen Meller Kneipen werden regelmäßig Karten gekloppt. Mal um ein wenig Kleingeld, oft um die Ehre, beim Preisskat oder Preisdoppelkopf auch mal um einen Schinken. Die hier genannten Treffs stehen deshalb auch exemplarisch für viele privat organisierte Runde im Freundes- und Familienkreis. Gerade die Jüngeren verabreden sich eher zwanglos und legen sich nicht auf ein bestimmtes Spiel fest.

Blick in die Kartenhand einer Bridge-Spielerin. Foto: Karsten Grosser

Boom der analogen Spiele

Eine These, die durch die Zahlen der Branche gestützt wird. Die Umsatzzuwächse in den vergangenen drei Jahren zeugen von einem Boom der Brett- und Kartenspiele. Besonders freut es die Verlage, dass sie wieder eine Zielgruppe erreichen, die schon ein wenig verloren schien: die 15- bis 30-Jährigen. Die Menschen, die mit digitalen Spielen aufgewachsen sind, entdecken nun vermehrt auch das analoge Spiel. Nur eben nicht in Vereinen.

Dabei bieten die Termine in den Vereinen auch einen Vorteil: Verlässlichkeit. Wer die Liebe zu einem Kartenspiel entdeckt, kann seine Passion regelmäßig ausleben. Wie zum Beispiel Ute Spannhoff, Präsidentin des Meller Bridge-Clubs. Sie spiele fast jeden Tag, weiß Bernhard Bläul. Der Sportwart selbst profitiert sogar im doppelten Sinn, denn seine Spielpartnerin ist seine Ehefrau Ursula. Leidenschaften, die verbinden.

Bernhard Bläul ist Sportwart des Meller Bridge-Clubs. Foto: Karsten Grosser