Infrastruktur und Technik fehlen Schneckentempo bei Digitalisierung an Meller Schulen


Melle. Digitalisierung an Schulen: Ein tolles Stichwort, unter dem sich der Laie alles und nichts vorstellen kann. Bedeutet Digitalisierung, dass ein Internetanschluss und einige Whiteboards vorhanden sind? Oder arbeiten in einer digitalisierten Schule Kinder mit Tablets und programmieren sie kleine Roboter? Die Realität an Meller Schulen liegt irgendwo dazwischen, wobei die Unterschiede in der Ausstattung enorm sind.

In einem Punkt sind alle Meller Schulen gleichermaßen abgehängt. Der Breitbandanschluss fehlt. Selbst wenn Lehrer mit ihren Schützlingen an Tablets arbeiten und Lernapps nutzen wollten, würde die Technik bei dem zu verarbeitenden Datenvolumen streiken. Deshalb erschöpft sich die Digitalisierung im Grönegau derzeit im Benutzen von Whiteboards, Beamern, Dokumentenkameras und PCs in Computerräumen. Tabletklassen gibt es noch nicht. Die Ratsschule richtet zum kommenden Schuljahr als erste Meller Schule eine solche Klasse ein. In Neuenkirchen träumen die Lehrer von derlei Ausstattung. Sie warten immer noch auf den von der Stadt versprochenen Computerraum, der schon 2017 eingerichtet werden sollte. Mithilfe von Sponsoren hat die Oberschule immerhin 20 PCs anschaffen können.

WLAN fehlt

Doch es ist nicht nur die Hardware, die fehlt. Die Infrastruktur hinkt den Anforderungen der Digitalisierung erheblich hinterher. Die Breitbandversorgung fehlt, ist aber den Schulleitern bis zum Ende des Jahres versprochen worden. Und es fehlt das WLAN, über das beispielsweise Inhalte vom Tablet eines Schülers auf die digitale Tafel projiziert werden könnten.

Oft wenig Kenntnisse

Computerunterricht beginnt laut Lehrplan schon in der dritten Klasse. Dort werden Basics gelehrt: Wie schaltet man einen Computer an? Wie speichert man eine Datei? Wie bearbeitet man Bilder? In den weiterführenden Schulen geht es dann um das Arbeiten mit dem Office-Paket. Powerpoint-Präsentationen oder die Datenverarbeitung in Excel stehen auf dem Stundenplan. Außerdem beschäftigen sich die Schüler mit den sozialen Netzwerken und der Datensicherheit im Internet. „Obwohl die Kinder jeden Tag mit Medien zu tun haben, besitzen sie oft wenig Kenntnisse im Umgang mit Computern“, hat Anne Triller von der Oberschule Neuenkirchen festgestellt. „Das ist nicht das, was sie mit ihren Handys und Tablets machen“, erklärt sie. Deshalb steht der Umgang mit dem Office-Paket auch in Klasse 7 immer noch im Stundenplan, obwohl viele Kinder schon in der Grundschule zum ersten Mal mit dem Programm in Kontakt kommen.

Lieder und Sprechübungen vom Handy

Diese Grundausbildung ist jedoch nur ein kleiner Teil des digitalisierten Klassenzimmers. Im Fachunterricht, also in Englisch, Deutsch oder Mathe, werden moderne Medien sehr unterschiedlich genutzt. Michaela Langfermann, Lehrerin an der Gesmolder Grundschule, nutzt die Laptops gerne für die Freiarbeit. Ihre Viertklässler sollen dann in Lernprogrammen beispielsweise Matherätsel lösen oder eigene Geschichten schreiben. Auch Recherchen für Referate erledigen die Grundschüler selbstständig am Laptop. Ein Tabletcomputer für jedes Kind, das wäre ihr größter Wunsch. Das Handy und ein Bluetooth-Lautsprecher seien für die Lehrer mittlerweile genauso wichtig für den Unterricht wie die kopierten Arbeitszettel, meint Schulleiter Uwe Kattlun. Lieder im Musikunterricht, Hörverständnis-Übungen im Deutschunterricht, Sprechübungen in Englisch – das alles laden sich die Lehrer auf ihre Handys und spielen es über den Lautsprecher ab.

Minicomputer für Drittklässler

An der Bueraner Grundschule geht die Digitalisierung ab dem neuen Schuljahr noch einen Schritt weiter. Calliope heißt der Mini-Rechner, mit dem die Drittklässler in Buer künftig das Programmieren erlernen sollen. Konrektor Peter Meyer ist jetzt schon stolz darauf, die Minicomputer als erste in Melle auszuprobieren. Der Minirechner wird bereits in anderen Bundesländern an Pilotschulen getestet.

Whiteboards mit unterschiedlicher Software

Die Gründe für das Schneckentempo in der Digitalisierung sind vielfältig. Die mangelnde Breitbandversorgung ist nur eines der Probleme. „Die Qualität der Software für die digitalen Tafeln war lange nicht gut genug, um die Whiteboards sinnvoll zu nutzen“, erklärt Peter Meyer, Konrektor der Lindenschule Buer. Außerdem seien Whiteboards von unterschiedlichen Herstellern mit unterschiedlicher Software im Gebrauch gewesen. „Wenigstens kriegen wir jetzt eine einheitliche Software“, sagt er. Am besten wäre aber ein einheitliches Tafelsystem in jeder Schule.

Lehrer bemängeln zudem oft, dass sie mit der Technik alleine gelassen werden. Hier und da mal eine Fortbildung reicht nicht aus, um Kinder und Jugendliche systematisch an die digitalisierte Welt heranzuführen. Auch da gibt es erheblichen Nachholbedarf, schon in der Lehrerausbildung.

Zweifel an Verlässlichkeit

William Pollmann, Schulleiter des Gymnasiums, hat häufiger beobachtet, dass Lehrer die Verlässlichkeit des Systems anzweifeln und dann lieber wieder zu herkömmlichen Unterrichtsmethoden greifen. „Ein stabileres Netz wäre eine Voraussetzung dafür, dass wir digital arbeiten können“, stellt er fest. Dann könnte man auch Tabletklassen einrichten. „Das ist die Zukunft. Nur fragen Sie mich nicht, wann?“, sagt er und lacht.


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