Kurioses aus Kirchenbüchern Napoleon hinterließ Spuren in Melle

Von Uwe Plaß

Ein Ausschnitt aus den Kirchenbüchern Oldendorf. Foto: Heimatverein MelleEin Ausschnitt aus den Kirchenbüchern Oldendorf. Foto: Heimatverein Melle

Melle. Vom 5. bis 7. Oktober 2018 findet der deutsche Genealogentag in Melle statt. Anlässlich dieses Ereignisses ist es sicher angemessen, sich mit einem wesentlichen „Werkzeug“ der Familienforscher zu beschäftigen – den Kirchenbüchern.

Melle. Die ältesten Kirchenbücher der Meller Kirchengemeinden stammen aus dem 17. Jahrhundert. Sie gliedern sich in drei Kategorien: Geburten/Taufen, Eheschließungen und Sterbefälle/Begräbnisse. Bis zur Einführung der Standesämter – in Preußen ab 1. Oktober 1874 – waren sie die maßgeblichen Register für Personenstandssachen in Deutschland. Lediglich während der Franzosenzeit unter Napoleon existierten daneben noch sogenannte Zivilstandsregister.

Hohe Kindersterblichkeit

Neben den nackten Zahlen und Abstammungsangaben bieten die Kirchenbücher – und hierbei besonders die Sterberegister – aber auch weitere interessante Informationen über die Lebenswelt der Menschen. Auffallend sind in früheren Zeiten beispielsweise eine hohe Kindersterblichkeit oder Krankheiten, die man heutzutage gar nicht mehr kennt bzw. wo hierzulande niemand mehr dran stirbt.

Blattern – sprich Pocken – sind ein gutes Beispiel dafür. Ebenso existierten tödliche Unfallrisiken, die inzwischen praktisch keine Rolle mehr spielen. Ertrinken in Meller Gewässern und Stürze vom Heuwagen waren früher keine Seltenheit.

Makabre Angaben

Die Kirchenbücher halten aber auch manch kuriose bzw. makabre Angaben bereit. Insbesondere während der französischen Besatzungszeit Anfang des 19. Jahrhunderts kam es zu einigen Vorkommnissen, die trotz ihrer Tragik eben auch kurios sind.

Die französischen Soldaten hatten nicht nur oftmals Frauen aus ihrer Heimat dabei und bekamen in Melle Kinder wie der Sergeant Jean Baptist Guillien und seine Frau Emilie Munier 1803. Einige der hier Einquartierten brachten auch frisches Blut in den Grönegau, indem sie eine Liaison mit einer Mellerin eingingen.

Besatzungssoldaten waren seit jeher auch für ihre Ausschweifungen bekannt. Einem Franzosen vom 45. Regiment wurde im Januar 1805 ein Zechgelage zum Verhängnis. Nach sage und schreibe 21 Glas Branntwein verstarb er. Sein Name ist nicht überliefert. Es ist nur bekannt, dass er ohne Sarg auf dem katholischen Kirchhof beerdigt bzw. verscharrt wurde. Auch seinem Kameraden Bourgine vom selben Regiment erging es schlecht. Er wurde das Opfer eines Duells und wurde auf die gleiche Weise in einer Ecke des Kirchhofs beigesetzt.

Tod durch Freudenschuss

Wenig Glück hatten auch einige Meller während dieser Jahre. Der Heuerling Bals Heinrich Peperkorn aus Bakum, der im Dezember 1812 anlässlich des Krönungstages Napoleons durch eigene Unvorsichtigkeit von einem Freudenschuss tödlich getroffen wurde, war einer davon. Auch der von den Franzosen eingesetzte Bürgermeister Friedrich Christian Kreuzhage fand ein tragisches Ende.

Der Großvater des späteren Erzbischofs Albert Bitter starb am 21. Januar 1813 an den Folgen von Stichverletzungen, die er sich selber beigebracht hatte. Da dies zeitlich mit dem gescheiterten Russlandfeldzug Napoleons zusammenhing, darf man davon ausgehen, dass er in Anbetracht des Zusammenbruchs der französischen Herrschaft den Freitod wählte.

Für die Kirche war das natürlich ein Problem. Für ein christliches Begräbnis war ein Suizid ein Hindernis. Der Pfarrer vermerkte deswegen eine „Art von Melancholie“ als Ursache. Damit war diese Hürde unbürokratisch genommen.

Diese wenigen Beispiele zeigen eins. Die Eintragungen in den Kirchenbüchern sind nicht nur ein notwendiges Instrument kirchlicher Verwaltung, sondern ein lebendiger Spiegel der Verhältnisse längst vergangener Zeiten.