Drei Wochen mit der Angst im Nacken Junger Rödinghausener entfloh 1945 dem Krieg


Rödinghausen. Für einen Moment wird der so fröhliche Ernstaugust Tschaschnig nachdenklich. „Dieser gut dreiwöchige Rückmarsch holt mich in meinen Alpträumen bis heute ein“, erzählt der 92-Jährige. Drei Wochen alle Ortschaften und Menschen gemieden, drei Wochen in Viehunterständen geschlafen, drei Wochen durch Wiesen, Felder und Flüsse gelaufen und geschwommen – drei Wochen Angst.

Als der Krieg ausbrach, war Tschaschnig 13 Jahre alt. Damals habe niemand in seiner Familie geglaubt, dass der Junge noch in den Krieg ziehen müsste. Genau so war’s dann aber: 1944 – Tschaschnig war 18 und hatte gerade mit seiner Lehrerausbildung begonnen – wurde er eingezogen. „Erst zum Arbeitsdienst, dann zur Wehrmacht“, erinnert sich der Ur-Rödinghauser. „Grundausbildung in Braunschweig, dann zum Bewerberlehrgang für Reserveoffiziere nach Bergen-Belsen.“

„Den Nazi-Alltag und die ganze Ideologie hielten wir für normal“

In das dortige Konzentrationslager habe man auf dem Weg zu den Schießständen immer neugierig reingeguckt. „Wir wussten aber nicht, was da los war“, sagt Tschaschnig und schüttelt den Kopf. Und überhaupt, „den Nazi-Alltag und die ganze Ideologie hielten wir für normal, wir kannten ja nichts anderes, eine Alternative gab es für uns nicht.“ Tschaschnig zuckt mit den Schultern.

Ein Fronteinsatz, so erzählt er weiter, ist ihm erspart geblieben. Stattdessen sei er im März ´45 direkt in die „Kriegsschule“ nach Wetzlar gekommen. „Als die Alliierten über den Rhein vorstießen, wurden wir zu den kämpfenden Truppen beordert. Unsere Aufgabe war es, am jeweils nächsten Standort die Quartiere für die Kompanien des Bataillons vorzubereiten.“

„Vorwärts Kameraden! Es geht zurück!“

Zu jenem Zeitpunkt habe kaum noch jemand an ein glückliches Ende des Krieges geglaubt. „Sagen durfte das aber keiner.“ Intern habe der hintersinnige Spruch „Vorwärts Kameraden! Es geht zurück!“ die Runde gemacht. Und es ging zurück, und zwar in Riesenschritten: Von „irgendwo bei Wetzlar“ und Gießen über das Paderborner Land bis in den Harz hinein.

„Ich will nicht in Gefangenschaft. Ich will nach Hause“

Auf dem Weg nach Quedlinburg geriet die Gruppe zwischen den Fronten unter russischen MG-Beschuss. Von einer Seite die Russen, von der anderen die Amerikaner – Tschaschnig und seine Mitkämpfer saßen in der Falle. „Ein Vorgesetzter schlug vor, dass wir uns freiwillig in amerikanische Gefangenschaft begeben sollten“, erzählt er.

Der junge Mann nahm all seinen Mut zusammen und sprach sich dagegen aus: „Ich will nicht in Gefangenschaft.“ „Was wollen Sie denn?“, habe der Vorgesetzte gefragt. „Ich will nach Hause.“ Der Vorgesetzte gab grünes Licht. Tschaschnig kramte Kartenmaterial zusammen und machte sich zu Fuß auf den Heimweg. Am 20. April 1945, noch war Krieg. Ein selbst gewähltes Himmelfahrtskommando.

Belgische Soldaten kontrollierten jeden, der das Boot verließ

Gleich in der ersten Nacht entledigte sich Tschaschnig seiner Uniform und ging in Zivilkleidung weiter. Erkannt zu werden, von wem auch immer, war seine größte Angst. „Ich ging nur über Wiesen und Felder, mied Menschen und Ortschaften, schlief unter freiem Himmel oder in Viehunterständen – bis ich an Himmelfahrt in Kemnade bei Bodenwerder an der Weser ankam.“

Brücken gab’s nicht mehr, eigentlich habe er zum Übersetzen die Fähre nehmen wollen. Ein paar alte Männer, die in ihm offenbar das erkannten, was er war, hielten ihn davon ab. „Pass mal auf, was auf der anderen Seite passiert“, hätten sie ihm gesagt. Tschaschnig passte auf: „Dort kontrollierten belgische Soldaten jeden, der das Boot verließ.“ Der Flüchtige ging noch ein wenig den Fluss entlang, dann fand er einen Rettungsring, packte sein Hab und Gut hinein und schwamm über den Fluss. „Ob das Wasser kalt war, weiß ich gar nicht mehr – es gab wohl Wichtigeres zu bedenken in jenem Moment.“

Immer die Angst im Nacken, entlarvt zu werden

Nach weiteren Tagen auf Wanderschaft – immer die latente Angst im Nacken, vom Falschen entlarvt zu werden – kam der Rödinghauser über Schweicheln und Kirchlengern am 13. Mai 1945 unversehrt und wohlbehalten am Fuße des Wiehengebirges an.

Er verdingte sich zunächst bei einem Bauern, war ein Weilchen Lkw-Fahrer und wurde dann mit einiger Verzögerung doch noch Lehrer und später sogar Rektor. Jetzt ist er seit 30 Jahren im Ruhestand.

Eine Seite aus dem Soldbuch

Jene Stelle am Weserufer bei Kemnade besucht er bis heute regelmäßig – immer am Himmelfahrtstag. Vor einigen Jahren hat er die Stelle gesucht, an der er zu Beginn seiner Flucht Uniform, Pistole und Soldbuch vergraben hatte. „Gefunden habe ich sie aber nicht mehr, die Vegetation hatte sich in 70 Jahren ziemlich verändert.“.

Eine einzelne Seite des Soldbuchs hatte sich Tschaschnig herausgerissen, bevor er es vergrub. „Die hat den ganzen Weg mitgemacht“, sagt er und zeigt das Blatt Papier, das er all die Jahrzehnte in seinem Schreibtisch aufbewahrt hat. Manchmal holt er es heraus und betrachtet es. Dann wird der fröhliche Ernstaugust Tschaschnig wieder nachdenklich.