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Neue Hilfe für Lungenkranke Eine medizinische Revolution aus Melle

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Riemsloh. Bei FLO Medizintechnik in Melle-Riemsloh sind sie überzeugt, nicht weniger als eine Revolution in Gang zu setzen. „Wir haben den Allradantrieb der Beatmungstechnik entwickelt“, sagt Produktmanager Falko Menzel stolz. Sieben Millionen Menschen in Deutschland leiden an der Lungenkrankheit COPD. Viele benötigen Beatmung. Mit dem „Lippenbremsenmodus“ im Be- und Entatmungsgerät Vigaro kann ihnen auf völlig neue Weise geholfen werden.

Dass sie in dem kleinen Meller Unternehmen mit acht Angestellten nicht an Größenwahn leiden, beweist das Deutsche Zentrum für Lungenforschung (DZL), ein Zusammenschluss universitärer und anderer Einrichtungen, die sich der Erforschung von Atemwegserkrankungen widmen. Das DZL finanziert eine Studie, in der die Erfolge der neuen Beatmungstechnik im Vergleich mit dem bisherigen Standard wissenschaftlich abgesichert werden sollen. (Für die Studie können Betroffene sich bewerben, Infos weiter unten.)

Aufgeblasen wie ein Michelin-Männchen

Während bisherige Atemhilfen Patienten nur bei der Einatmung unterstützen, sorgt die Meller Neuentwicklung dafür, dass auch die Ausatmung unterstützt wird. Und gerade die ist das Problem der COPD-Patienten. Weil die Atemwege ihre Elastizität verloren haben, fallen sie bei der Ausatmung zusammen. So sammelt sich eine immer größer werdende Menge verbrauchter Luft in der Lunge an, die nicht mehr abgeatmet werden kann. Die Lunge überbläht sich und hat bei der Einatmung viel weniger Raum für frische Luft. Der Patient fühlt sich aufgeblasen wie ein Michelin-Männchen.

Mit dem Vigaro können Patienten viel tiefer ausatmen. „Sie bekommen mit jedem Atemzug mehr frische Luft in die Lungen, die Überblähung geht zurück, der Schlaf wird erholsamer und die Patienten fühlen sich deutlich leistungsfähiger“, erläutert Menzel. „Beatmungsspezialisten haben uns gesagt, dass es seit 20 Jahren keine Innovation in diesem Bereich gab und wir da etwas Sensationelles hätten. Das war für uns ein Ritterschlag.“

Drei Millionen Menschen sterben jährlich an COPD

Die Idee für ein Gerät zur Be- und Entatmung wurde nicht im Grönegau geboren, sondern von Stephan Rüller, Schlafmediziner im Forschungszentrum Borstel (bei Hamburg). Weltweit leiden 210 Millionen Menschen an der Chronisch Obstruktiven Lungenerkrankung (COPD), einer dauerhaften Verengung der Atemwege. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sterben drei Millionen jährlich daran. Rüller hatte bei seinen Patienten beobachtet, dass sie die sogenannte Lippenbremse auch bei Nutzung eines Beatmungsgeräts anwenden. Dabei kräuselt der Patient seine Lippen und atmet durch die so erzeugte „zu kleine“ Öffnung des Mundes aus. Dadurch entsteht bei der Ausatmung eine kurzfristige Druckerhöhung, die den Kollaps der Atemwege verhindert.

Von den Großen kam nichts, erst das kleine Meller Unternehmen überzeugte

Dieses Prinzip, so Rüllers Idee, müsste doch auch in ein Beatmungsgerät zu integrieren sein. Jahrelang hatte er versucht, diese Innovation in Kooperation mit den großen Namen der Medizinbranche zu leisten, doch trotz zahlreicher Gespräche geschah nichts. Erst das kleine Meller Unternehmen FLO legte innerhalb weniger Monate einen Prototyp vor und überzeugte. Zwei Jahre wurde weiterentwickelt, seit 2016 kommt das Gerät in mittlerweile 30 Fachzentren deutschlandweit zum Einsatz. Stephan Rüller: „Es gab Patienten, die wegen ihrer Luftnot die Wohnung nicht mehr verlassen konnten und nun sogar wieder einkaufen gehen oder in Urlaub fahren können.“

In der Region war die Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin am Krankenhaus St. Raphael in Ostercappeln die erste, die auf Vigaro setzte. 30 Patienten sind dort in den vergangenen zwölf Monaten auf die neue Form der Beatmung umgestellt worden. „Keiner will zur herkömmlichen Beatmungsform zurückkehren“, berichtet Chefarzt Christoph Hünermann. Deutschlandweit wurden inzwischen 147 Patienten mit Vigaro ausgerüstet.

Der „4 Quadranten Trigger“

Eine ganze Patentfamilie schützt die Neuentwicklung vor Nachahmern. Doch erst der von FLO entwickelte „4 Quadranten Trigger“, kurz 4Q, ermöglichte die Umsetzung des im Patent beschriebenen Algorithmus. Der steuert den Lippenbremsenmodus bedarfsgerecht – für Menzel der „Allradantrieb der Beatmungstechnik“.

„Nicht weiter designen – bauen!“

Schön sieht er allerdings nicht aus, der kleine graue Kasten mit nur wenigen Knöpfen, die ihn leicht bedienbar machen. „Das liegt daran, dass wir nur Ingenieure beschäftigen, aber keine Designer“, erläutert Falko Menzel, „und als wir das Gerät fertig entwickelt hatten, kam aus Borstel die Ansage: nicht weiter designen – bauen! Schwerkranke Menschen warten darauf.“


Infos zu COPD und zur Teilnahme an der Studie

Was ist COPD?

Husten, Bronchitis und Atembeschwerden sind die typischen Anzeichen von COPD. Exakte Zahlen gibt es nicht, aber Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland zehn bis zwölf Prozent der Erwachsenen über 40 Jahren unter einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung leiden. Chronisch-obstruktiv bedeutet hier: dauerhafte Verengung der Atemwege. COPD steht für die englische Bezeichnung Chronic obstructive pulmonary disease.

Ursachen

In der westlichen Welt werden 80 bis 90 Prozent der COPD-Fälle durch Rauchen verursacht. Bis zu 50 Prozent der älteren Raucher haben eine COPD. Dabei wird das Risiko durch die Gesamtzahl der lebenslang gerauchten Zigaretten bestimmt – anhand der so genannten Packungsjahre (Packungen mal Jahre). 20 Packungsjahre können zum Beispiel bedeuten: 10 Jahre 2 Schachteln pro Tag geraucht oder 20 Jahre eine Packung pro Tag.

Gibt es eine Therapie?

Ärzte, Biologen und Chemiker forschen weltweit zu den Grundlagen von COPD: Wie entsteht sie, welche Gene sind dafür verantwortlich, welche Umwelteinflüsse lösen den Husten aus? Noch gibt es keine geeignete Therapie. Doch neueste Forschungsergebnisse machen zumindest Hoffnung.

Verbreitung

Man geht davon aus, dass COPD in der Liste der häufigsten Todesursachen weltweit im Jahr 2030 den vierten Platz einnehmen wird (hinter der koronaren Herzerkrankung, dem Schlaganfall und HIV/Aids.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind 2012 mehr als drei Millionen Menschen an COPD verstorben, was sechs Prozent aller Todesfälle entspricht. Eine Analyse von mehr als zwei Millionen Datensätzen zeigt, dass die COPD-bezogene Sterblichkeit in den vergangenen 50 Jahren (in den USA) dramatisch gestiegen ist.

In Deutschland beteiligte sich die Medizinische Hochschule Hannover an der internationalen BOLD-Studie. Von 683 Menschen über 40 Jahren wurde bei über 13 Prozent eine COPD diagnostiziert. 7,4 Prozent wiesen eine leichte, 5 Prozent eine mittelgradige und 0,8 Prozent eine schwere Krankheitsform auf.

Die Studie

An der Studie des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) zu Vigaro beteiligen sich fünf Forschungseinrichtungen: das Forschungszentrum Borstel, die LungenClinic Grosshansdorf, das Universitätsklinikum Lübeck, die Thoraxklinik Heidelberg sowie die Medizinische Hochschule Hannover.

Patienten, die an COPD leiden, können sich für die Studie melden, die untersucht, ob diese neue Beatmungsform im Vergleich zur Standardbeatmung ihre Leistungsfähigkeit und Mobilität verbessert.

Auf der Homepage des DZL gibt es dazu einen Fragebogen, der mithilfe von zehn Fragen Hinweise zur Eignung gibt.

Die Auswertung der Studie soll im Herbst 2020 abgeschlossen sein.

Kontakte:

  • Forschungszentrum Borstel
  • 23845 Borstel

    Tel. 0 45 37 / 1 88-80 80

    E-Mail: lippenbremse@fz-borstel.de

  • LungenClinic Grosshansdorf
  • 22927 Großhansdorf

    Tel. 0 41 02 / 6 01-24 54

    m.gleiniger@lungenclinic.de

  • Universitätsklinikum Lübeck
  • 23538 Lübeck Tel.

    Tel. 04 51 / 5 00-4 50 45

  • Thoraxklinik Heidelberg
  • 69126 Heidelberg

    Tel. 0 62 21 / 3 96-12 01

  • Medizinische Hochschule Hannover
  • 30625 Hannover

    Tel. 0 5 11 / 5 32-98 85

    Quellen: lungeninformationsdienst.de, lungenaerzte-im-netz.de

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