Jens Kurby über Schokolade und Erste-Hilfe-Partys Meller DRK-Experte benennt größten Fehler bei Erster Hilfe

Von Karsten Grosser

Jens Kurby, Ausbildungsbeauftragter beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Melle, zeigt bei einer Puppe, wie eine Herzdruckmassage ausgeführt wird. Foto: Karsten GrosserJens Kurby, Ausbildungsbeauftragter beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Melle, zeigt bei einer Puppe, wie eine Herzdruckmassage ausgeführt wird. Foto: Karsten Grosser

Melle. Die Tafel Schokolade als Dank für eine Erste Hilfe ist die Ausnahme. Aber Jens Kurbys Motivation liegt auch gar nicht darin, Anerkennung zu erhalten. Der Ausbildungsbeauftragte beim Deutschen Roten Kreuz in Melle macht seinen Job aus Überzeugung. „Ich möchte den Leuten zeigen, dass es wichtig ist, Menschen helfen zu können.“ Im Interview spricht der 39-jährige Gesmolder unter anderem über den größten Fehler bei der Ersten Hilfe und Erste-Hilfe-Partys.

Herr Kurby, wie vielen Menschen haben Sie schon das Leben gerettet?

Oh Gott, da ich früher schon als Urlaubs- und Krankheitsvertretung im Rettungsdienst gefahren bin, kann ich keine exakte Zahl nennen. Darüber habe ich mir auch noch nie Gedanken gemacht. Zumal man als Rettungssanitäter auch nicht immer erfährt, wie es den Patienten anschließend ergeht.

Zeigen sich mitunter Menschen dankbar für die geleistete Erste Hilfe?

Ja. In diesem Jahr hatte ich geholfen, als ich privat unterwegs war. Ein älterer Herr lag auf der Straße, war wohl wegen eines Sturzes etwas durcheinander und hatte eine größere Kopfplatzwunde. Wir haben ihn mit einer Rettungsdecke versorgt, ihm von der Straße geholfen und den Rettungsdienst alarmiert. Der Mann hat sich später mit einem Blumenstrauß und einer Packung „Merci“ bedankt. Eine solche Rückmeldung zu erhalten, das fand ich schön. Nicht wegen der Schokolade, sondern allein wegen der Geste.

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Wie oft erleben Sie es, dass falsche Erste Hilfe geleistet wird?

Falsche Erste Hilfe gibt es nicht. Nichts zu machen ist das Einzige, was man falsch machen kann. Ein Bewusstloser ohne Atmung – schlimmer geht es nicht mehr. Man kann dessen Situation nur verbessern. Das müssen die Leute verstehen. 75 Prozent der Deutschen erkennen einen Herzkreislaufstillstand, aber grob nur 20 Prozent fangen an mit der Wiederbelebung. Und wenn es nach einem Unfall mal zu blutig sein sollte und man sich eine Versorgung nicht zutraut, dann sollte man wenigstens den Rettungsdienst rufen. Das ist das Minimum. Sich psychologisch um die Leute zu kümmern, ist auch viel wert.

Hätten Sie ein gutes Gefühl, wenn Sie sich den Fall vorstellten, Sie selbst würden Erste Hilfe benötigen? Ist die Allgemeinheit gut genug geschult?

Die aus meinen Kursen herausgehen ja. Pro Jahr bilde ich etwa 1500 aus. Wenn ich einmal umkippen sollte, hoffe ich, dass einer von diesen 1500 neben mir steht. Je mehr ich hier ausbilde, desto sicherer fühle ich mich hier in Melle. Es ist also reiner Eigennutz. (lacht)

Und wenn nicht? Reicht es, zu Beginn seiner Autofahrerkarriere einen Ersten-Hilfe-Kurs zu absolvieren?

Das wäre schön. Tatsächlich haben Fahranfänger sicherlich schon nach einem Jahr wieder viel vergessen. Das merke ich auch, wenn Firmen neue Erste-Hilfe-Beauftragte zu Kursen anmelden. Bei Mitarbeitern von Unternehmen, die ihre Leute zum vierten, fünften, sechsten Mal schicken, bei denen flutscht das. Es bringt eben etwas, sein Wissen alle zwei Jahre aufzufrischen. Aber bei vielen Menschen liegt der Erste-Hilfe-Kurs zehn, zwanzig, dreißig Jahre zurück. Zwar wird die Zahl der Menschen, die freiwillig in unsere Kurse kommt, größer, aber dennoch macht diese Gruppe nur einen Bruchteil aller Kursteilnehmer aus.

Aus welchem Antrieb kommen diese Menschen zu Ihnen?

Meistens, weil im Familienumfeld etwas passiert ist und sie gemerkt haben, dass die erste Versorgung nicht so gut geklappt hat. Gerade in unseren Erste-Hilfe-Kind-Kursen sind Eltern, die zum Beispiel bei einem Fieberkrampf des eigenen Kindes hilflos waren und gefühlt eine endlose Zeit hilflos auf das Eintreffen des Rettungsdienstes warten mussten. Im vergangenen Jahr haben wir so zwei privat organisierte Kurse zusammenbekommen.

Nachdem zuletzt ja wegen der vielen umsorgenden Väter und Mütter der Begriff Helikoptereltern geprägt wurde, müssten es doch eigentlich noch mehr sein.

Ist aber nicht so. Dabei wäre es hilfreich, weil Kinder nicht einfach kleine Erwachsene sind. Bei Kindern müssen teilweise andere Erste-Hilfe-Maßnahmen ergriffen werden.

Welche?

Bei einer Wiederbelebung muss die Drucktiefe angepasst und entsprechend verringert werden. Zudem muss man bei Kindern mit weniger Luft beatmen. Außerdem fangen wir in solchen Fällen bei Kindern und Säuglingen mit der Beatmung an, weil deren Hauptproblem dann meistens der Sauerstoffmangel ist. Bei Erwachsenen hingegen ist häufiger das Herz Ursache für einen Herz-Kreislauf-Stillstand, sodass wir mit der Herzdruckmassage anfangen.

Was steht bei den Kursen Erste Hilfe bei Kindern zudem im Vordergrund?

Hauptproblem ist das Verschlucken, weil kleine Kinder immer alles in den Mund nehmen und sie nach dem Geschmack entscheiden, ob sie damit spielen oder nicht. Dann auch Vergiftungen. Reinigungsmittel riechen zum Beispiel nach Apfel, sodass Kinder das auch mal schlucken.

Gibt es auch Teilnehmer, die einen Erste-Hilfe-Kurs als Belustigung betrachten?

Unter den Kursteilnehmern aus Firmen sind es zum Glück nur wenige.

Und bei Führerscheinneulingen?

Da ist die Zahl derer, die hier genervt sitzen, leider deutlich höher. Aber wir haben unser Konzept ja dahingehend geändert, dass es nicht mehr den reinen Kurs für Führerscheinbewerber gibt, sondern der Rotkreuzkurs ist für alle Teilnehmer offen. Nun sitzen samstags in den Kursen zwei, drei Leute aus Betrieben, Führerscheinbewerber und Mitglieder aus Sportvereinen zusammen. In dieser Mischung lassen sich die Jugendlichen sehr schnell mitreißen. Die Kurse sind nicht mehr so theorielastig wie früher mit verstaubten Folien. Wir haben heute einen großen praktischen Anteil mit Gruppenarbeit und Stationstraining. 60 bis 70 Prozent der Zeit sitzen die Teilnehmer gar nicht auf ihren Stühlen, sondern sie üben praktisch etwas. Erste Hilfe kann ich nicht über einen Film oder Folien lernen. Ich muss selber mal einen Verband gewickelt oder an der Puppe gedrückt haben.

Ab welchem Alter sind Erste-Hilfe-Kurse empfehlenswert?

Wir gehen bereits in den Kindergarten, um mit den Vorschulkindern zum Beispiel zu besprechen, welche Notrufnummer man wählt. Und wir legen spielerisch Verbände an. Mit den Schülern in den vierten Klassen übe ich bereits die Wiederbelebung. Die können schon drücken mit ihren zehn Jahren. Und dann haben wir auch noch die Schulsanitäter. In vielen Meller Schulen wie Ratsschule, IGS oder Gymnasium gibt es Schulsanitäter, die während eines gesamten Schultages Dienst haben. Die können etwa in den Pausen kleine Notfälle versorgen. Den richtigen Rotkreuzkurs empfehle ich ab 14 Jahren.

Neuerdings fahren Sie ja auch selbst zu den Leuten und veranstalten Erste-Hilfe-Partys …

Genau, das ist ein Erste-Hilfe-Kurs im eigenen Wohnzimmer. Mit diesem praxisorientierten Training wollen wir Leute erreichen, die nicht den ganzen Tag bei uns sitzen wollen. Zum Beispiel Familien oder Freundesgruppen. Ich habe das vor einigen Jahren schon einmal im Bekanntenkreis gemacht, und das kam gut an.