Experten helfen mit Maßanfertigungen Riemsloherin meistert Alltag mit Prothese und Orthese

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Melle/Riemsloh/Buer. Geschickt saust Jasmin mit dem Roller über den Hof in Riemsloh. Sie kurvt um die Beete, auf den Bürgersteig und wieder zurück. Würde sie keinen Rock tragen, würde niemand bemerken, dass Jasmin Voß eine Orthese und eine Prothese trägt. Für die Zweitklässlerin ist das normal. Die Achtjährige hat seit ihrer Geburt eine Fehlbildung der Beine.

Dysmelie-Syndrom nennen Ärzte diese Fehlbildung. Bei Jasmin hört das linke Bein nach dem Knie auf. In ihrem rechten Bein fehlt das Wadenbein, am Fuß der fünfte Spann. Deshalb trägt sie links eine Prothese, die den Unterschenkel und Fuß ersetzt. Rechts schlüpft sie jeden Morgen in eine Orthese, die dem Bein die nötige Stabilität gibt, um laufen zu können. Treppen steigen, rennen, fangen spielen, Radfahren, das alles kann Jasmin wie jedes andere Kind auch. Und Rollerfahren sowieso, denn damit ist sie am liebsten unterwegs.

Auch Finn-Lennard lebt mit einer Fehlbildung seines linken Fußes. Der Kleine nimmt sie jedoch noch nicht so bewusst wahr. Er ist mit seinen 16 Monaten noch zu klein, um zu verstehen, warum er die mit bunten Autos bedruckte Kinderprothese tragen muss. „Lennard ist ohne Fuß zur Welt gekommen. Der Fersenansatz ist da, aber der Rest ist nicht mitgewachsen“, erzählt seine Mama Jessica Reuters. Laufen hat er zwar auch ohne Prothese gelernt. Doch durch das Laufen auf dem Stumpf gerät ins Wanken, der Höhenunterschied zwischen seinem gesunden und dem kranken Fuß ist zu groß. „Mittlerweile hat er die Prothese gut angenommen. Am Anfang hat er sich noch dagegen gewehrt“, sagt die Bueranerin.

Hilfsmittel nach Maß

„Kinder mit Prothesen und Orthesen zu versorgen, ist schon etwas schwieriger als bei Erwachsenen“, berichtet Oliver Stumpf vom Team RAS in Melle. Er fertigt für Jasmin und Finn-Lennard nach Maß die Hilfsmittel. Die Prothesen müssen bei Kindern viel häufiger angepasst werden aufgrund des Wachstums. Gerade in Wachstumsphasen können Prothesen oder auch Orthesen schnell scheuern oder drücken, weil sich die Gliedmaßen verändern.

Jasmin hat gerade so einen Wachstumsschub. Erst vor einem halben Jahr hat sie eine neue Prothese bekommen. Nun muss diese wieder angepasst werden. „Als sie mit einem Jahr ihre erste Prothese bekam, hat das gar nicht funktioniert. Die Prothese rutschte immer wieder vom Bein“, erinnert sich Jasmins Mutter Barbara Voß. Laufen lernen wollte Jasmin ein Jahr lang nicht. Die Mutter wechselte zu den Meller Orthopädietechnikern. Als Jasmin dann mit zwei Jahren eine neue Prothese bekam, stand sie auf und lief los. „Das war unglaublich. Im Kopf war alles schon da, nur das Werkzeug fehlte“, sagt sie Mutter.

Wenn Kinder „Roboterbein“ sagen

Obwohl das Leben mit der Prothese für Jasmin völlig normal ist, wünscht sie sich manchmal Beine wie sie jedes andere Mädchen auch hat: Wenn es ihr nicht schnell genug geht, wenn sie müde ist oder die Prothese drückt, weil sie gewachsen ist. Oder wenn Kinder in der Schule „Roboterbein“ sagen. Das ist verletzend. Dann hört sie schnell weg. Ihre Freundinnen nehmen gar nicht mehr wahr, dass Jasmins Beine nicht so funktionieren wie ihre eigenen. Denn auf dem Roller oder Waveboard ist Jasmin genauso schnell wie sie. Nur mit dem Fahrrad braucht sie etwas mehr Zeit. „Da fehlt die Kraft, die wir mit dem Knie auf die Pedale bringen“, erklärt ihre Mutter Barbara.

Im Sommer fährt die Zweitklässlerin zum ersten Mal in eine Freizeit für Kinder mit Amputationen und Gliedmaßenfehlbildungen. „Da probieren die Kinder ganz viel aus: schwimmen, tauchen, Kanu fahren, klettern im Hochseilgarten. So Dinge, die wir Eltern unseren Kindern vielleicht gar nicht zutrauen“, erzählt Barbara Voß. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass Eltern von Kindern mit einem Handicap dazu neigen, sehr vorsichtig zu sein. Hobbies, in denen sie möglicherweise Ausgrenzung erfährt, hat Barbara Voß in der Vergangenheit von Jasmin ferngehalten, Ballett zum Beispiel oder Handball. Aber zum Schwimmen geht Jasmin gern. Und wenn ihre beste Freundin da ist, gehen die Mädchen in den Garten oder auf den Spielplatz. Dann spielen sie Fußball. Einen harten Schuss hat Jasmin schon.


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