Ehemaliges Hermann-Göring-Heim Fachwerkbau in Melle mit dunkler Vergangenheit

Von Uwe Plaß

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Die Feierhalle des damaligen Heimes mit Reichsadler und Hitler-Büste. Repro: Uwe PlaßDie Feierhalle des damaligen Heimes mit Reichsadler und Hitler-Büste. Repro: Uwe Plaß

Melle. Was wird aus der alten Jugendherberge? Darüber wird immer wieder diskutiert. Der ursprüngliche Zweck des Gebäudes gerät dagegen zunehmend in Vergessenheit.

Am 9. Oktober 1937 war ganz Melle auf den Beinen. Seit Tagen hatte man die Stadt auf Hochglanz gebracht. Hakenkreuzfahnen und Girlanden dominierten die Straßen der Innenstadt. Und natürlich Uniformen. Die durften im NS-Staat natürlich nicht fehlen. Zahlreiche NS-Organisationen – Hitlerjugend, SA und wie sie alle hießen – waren aufmarschiert. Außerdem war Prominenz nach Melle gekommen, die die man sonst nur aus der Zeitung kannte: Gauleiter Carl Röver und Reichsjugendführer Baldur von Schirach waren ranghohe NS-Funktionäre. Über 10.000 Menschen kamen zusammen.

Großveranstaltung

Dieser ganze Aufwand war einem besonderen Anlass geschuldet. Nach nicht einmal einem Jahr Bauzeit wurde das Hermann-Göring-Heim für die Hitlerjugend (HJ) feierlich eingeweiht. Nachdem die prominenten Ehrengäste sowie der Meller Kreisleiter Seidel und Bürgermeister Lindemann Ansprachen gehalten hatten, wurde die Fahne der HJ vor dem Gebäude gehisst. Mit dem Absingen des HJ-Liedes, welches von Schirach selbst für den Propagandafilm „Hitlerjunge Quex“ verfasst hatte, endete der Festakt am Grönenberg.

Anschließend machte man sich auf den Weg über die Grönenberger Straße zum Rathaus. Die Ratsherren hatten sich dort eine besondere Überraschung überlegt. In einer kleinen Feierstunde wurden von Schirach und Röver zu Ehrenbürgern der Stadt Melle genannt. Auch Hermann Göring wurde diese Ehre in Abwesenheit zuteil. Melle befand sich damit in schlechter Gesellschaft mit vielen anderen Städten. Zum Abschluss des offiziellen Aktes nahm von Schirach noch die Parade der vorbeimarschierenden der beteiligten NS-Formationen ab.

Renommierter Architekt

Der Tag war eine klassische Großveranstaltung nationalsozialistischer Art gewesen: Massenaufmärsche, schwulstige Reden und jede Menge schmückendes Beiwerk. Der Bau selber ist im sogenannten Heimatschutzstil errichtet worden. Auch die Lage in der Nähe der ehemaligen Burg Grönenberg und dem Ehrenmal für die Gefallenen ist natürlich nicht zufällig, sondern ganz im Sinne der NS-Ideologie gewählt worden.

Für den Bau hatte man einen sehr renommierten Architekten gewinnen können. Hanns Dustmann wurde später Reichsarchitekt der Hitlerjugend und war auch nach dem Krieg ein gefragter Mann. Sein Meller Werk diente sogar bei Ausstellungen und in Katalogen als ein vorbildhaftes Gebäude für die Zwecke der Hitlerjugend.

Inszenierung

Nachdem es seiner Nutzung übergeben worden war, fanden dort zahlreiche Aktivitäten statt. Neben den regelmäßigen Pflichttreffen von Meller Hitlerjugend und Bund deutscher Mädel (BDM) diente es auf überörtlicher Ebene als Gebietsführerschule. Auch Konzerte und Lesungen wurden veranstaltet. Die Feierhalle, an deren Kopfende eine Hitler-Büste einem Altar gleich stand auch für Festveranstaltungen für die Meller Bevölkerung offen. Kreisleiter Seidel heiratete sogar dort.

Die ganze Inszenierung des Gebäudes, die dazu diente, die Jugend schon frühzeitig in der NS-Ideologie zu erziehen, ist natürlich heute nicht mehr erkennbar. Mit dem Kriegsende verschwanden nicht nur der Hitler-Kopf und der Name des Hauses sondern auch alle anderen braunen Utensilien. Die Besatzungstruppen beschlagnahmten es bis 1949. Die wechselhafte Nutzung in der Nachkriegszeit mit Um- und Anbauten tat ein Übriges.

Es bleibt zu hoffen, dass das schöne Gebäude mit seiner unschönen Vergangenheit bald wieder eine sinnvolle Nutzung bekommt.

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