„Fremde Heimat“ Spannendes Hörerlebnis mit Bläserphilharmonie in Melle-Buer

Von Conny Rutsch

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Als Saxofonsolistin leistete Asya Fateyeva eine herausragende Leistung mit der Osnabrücker Bläserphilharmonie unter der Leitung von Jens Schröer. Foto: Conny RutschAls Saxofonsolistin leistete Asya Fateyeva eine herausragende Leistung mit der Osnabrücker Bläserphilharmonie unter der Leitung von Jens Schröer. Foto: Conny Rutsch

Buer. Chapeau! Mit einem außergewöhnlichen Programm und mit Asya Fateyeva als Solistin gastierte die Bläserphilharmonie Osnabrück unter der Leitung von Jens Schröer am Samstagabend in der Bueraner Martinikirche.

Weitab von publikumslockendem Ohrenschmaus boten über 60 Blasinstrumentalisten mit Werken von Paul Hindemith, Arnold Schönberg, Dimitrij Schostakowitsch und Ingolf Dahl ein spannendes und auch anstrengendes Hörerlebnis. Unter dem Thema „Fremde Heimat“ standen Komponisten im Fokus, die ihre Heimat wegen nationalsozialistischer Anfeindungen verließen oder – wie Schostakowitsch – nur unter Angst zuhause arbeiten konnten und gewissermaßen innerlich emigrierten.

Tradierte Kompositionskunst

Es hieß, sich auf Musik einzulassen, die der Konzertgänger auf dem Land zuhause wahrscheinlich nicht hört. Es ist Musik zum Hinhören, zum Entdecken und zum Genießen schlussendlich auch.

Mit dem letzten Satz, dem „Marsch aus den Sinfonischen Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber“ von Paul Hindemith (1895 – 1963) aus dem Jahr 1943 eröffneten die Bläser den Abend. In Amerika entstand dieses Werk, das von einem Kompositionskollegen Hindemiths für Blasorchester eingerichtet wurde. Ein wenig ist der Romantiker Weber tatsächlich herauszuhören, doch stehen kurze Motive im Vordergrund dieses kurzweiligen Werkes.

Noch vollständig tonal komponierte Arnold Schönberg (1874 – 1951) ebenfalls aus dem Exil 1943 sein „Thema und Variationen op. 43a“ original für Blasorchester. Das streng durchdachte Konzept der Variationen ist für den Zuhörer nicht zu verfolgen, werden doch Motivdetails auf unterschiedlichste Weise verarbeitet. Klangvoll, dann wieder ruhig, fast kammermusikalisch zeigt Schönberg seinen besonderen Weg zwischen tradierter Kompositionskunst und modernen Ansichten.

Mit seiner 9. Sinfonie von 1944/45 komponierte Dimitrij Schostakowitsch (1906 – 1975) in strenger fünfsätziger Form, die zu seiner Zeit schon gar nicht mehr üblich war und zeigt mit Klängen, die an Filmmusik erinnern, seine innere Flucht vor dem sowjetischen Regime. Beinahe belustigend kommen die musikalischen Mittel daher, mit Unterhaltungswert, der doch die nähere Beschäftigung im Nachhinein lohnen würde.

Wahnwitzige Virtuosität

Höhepunkt dieses bis hierher äußerst spannenden Musikabends bildete ohne Frage das Konzert für Altsaxofon und Bläserensemble von 1949, das der in Hamburg geborene Komponist Ingolf Dahl (1912 – 1970) ebenfalls im amerikanischen Exil schuf. Schon 1933 verbot das Ministerium für Propaganda und Aufklärung das Saxofon in Deutschland. Anlehnung an den Jazz sind in diesem Werk unverkennbar, auch Inspirationen aus Werken von Strawinsky oder Aaron Copland sind herauszuhören. Mit nahezu wahnwitziger Virtuosität, dann wieder mit berührendem Einfühlvermögen und unglaublich schönem Ton spielte sich Echopreisträgerin Asya Fateyeva direkt in die Herzen der Zuhörer. Sie verschmilzt mit ihrem Instrument förmlich und zeigt auf beeindruckende Weise die konzertante Spielart des Saxofons. Selbstverständlich ging sie nicht ohne die Zugabe der „Vocalise“ von Sergei Rachmaninoff von der Bühne.

Von Jens Schröer mit einer unglaublichen Übersicht und schnörkellos dirigiert leistete das Riesenaufgebot der Osnabrücker Bläserphilharmonie, die er selbst im Jahr 2011 gründete, eine musikalische Arbeit, die ihresgleichen sucht. Klangvoll, dann wieder feinsinnig und filigran bewältigten die Musiker diese ungewöhnliche Konzertaufgabe. Wie gesagt, Hut ab. Und die Bueraner Kirchengemeinde darf sich über eine Spende der Bläser in Höhe von 500 Euro für die neuen Glocken freuen.


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