Geografie-Professor erläutert „Meller Straßennamen gehören zur Heimat“

Von Fritz-Gerd Mittelstädt

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Grönegau-Experte und Fachmann für Karten: Fritz-Gerd Mittelstädt. Archivfoto: Conny RutschGrönegau-Experte und Fachmann für Karten: Fritz-Gerd Mittelstädt. Archivfoto: Conny Rutsch

Melle. Straßennamen sind unverwechselbare sprachliche Zeichen, die mit einer Botschaft versehen sind. Mit diesem Thema setzt sich am Beispiel der Meller Straßennamen unser Autor Fritz-Gerd Mittelstädt in folgendem Beitrag auseinander.

Es besteht eine gesellschaftliche Übereinkunft, welche Wegstrecke als lineares Geoobjekt mit welchem Namen versehen ist. Diese Vereinbarung geht in ihrer Zielsetzung weit über eine lokale Festlegung hinaus. In Verbindung mit systematisch zugeordneten Hausnummern lässt sich in der Regel ein Gebäude an einer Straße finden.

Damit diese Orientierung im Gelände längerfristig erfolgen kann, sind Benennungen von Straßen zumeist auf Dauer angelegt; sie finden sich in einer Gemeinde oder in einem Stadtteil in der Regel nur einmal, weswegen Eindeutigkeit gewährleistet ist. Der Straßenname sollte ebenfalls die Bedingung der sozialen Verträglichkeit erfüllen, damit nicht eine vermeidbare Anstößigkeit die Funktion der Orientierung unnötigerweise überlagert und damit sich die Anwohner mit der Bezeichnung ihres Wohnplatzes identifizieren können.

Namen von Straßen orientieren, indem sie auf deren Lage im Gradnetz (Weststraße, Oststraße) wie ebenfalls im Naturraumgefüge Bezug nehmen (zum Beispiel Am Zwickenbach, Else-Alle, Beutlingsallee, Stuckenbergstraße, Osningstraße) oder Einordnungen in das übergreifende Verkehrsnetz mit Verweis auf Zielorte enthalten (Bahnhofstraße, Bakumer Kirchweg, Gesmolder Straße, Buersche Straße, Oldendorfer Straße wie auch Osnabrücker Straße oder Herforder Straße).

Oft standen darüber hinaus alte Flurnamen Pate für Straßenbenennungen, so beispielsweise Auf dem Wunder, Frielings Feld. Besondere Örtlichkeiten sind der Grund für Straßennamen wie Königsbrücker Weg oder Schlossallee.

Mit Vogelnamen

Es finden sich auch Siedlungen, deren Straßen allesamt nach einem übergreifenden Benennungsthema bezeichnet sind. So gibt es in der Wellingholzhausener Gemarkung Placke ein Wohngebiet mit Straßen, die Vogelnamen tragen. In Melle-Mitte findet sich ein Berliner Viertel. Straßennamen wie Hirschberger Straße, Breslauer Straße, Stettiner Straße, Regenwalder Straße oder Danziger Straße und Königsberger Straße verweisen auf die frühere Zugehörigkeit Schlesiens, Pommerns sowie West- und Ostpreußens zum damaligen Deutschen Reich.

Mit einer politischen Botschaft ist ein Name wie „An der Europastraße“ verknüpft, fließt so doch über die kontinentale Zuordnung von Melle die Idee des zusammenwachsenden Europas in eine Straßenbezeichnung ein. In Melle lassen außerdem Straßennamen Traditionen fortleben, die ihre Ursprünge in größeren Städten des Mittelalters haben. Die Krameramtsstraße ist ein Beispiel für eine nach einer Zunft bezeichnete Straße. Sie erinnert an die 1547 entstandene wichtigste Gilde in Melle. Wie andernorts sind auch in der Stadt Melle Straßen nach Heiligen beziehungsweise nach Patrozinien der benachbarten Kirchen benannt (An St. Johann, St.-Annener-Straße) benannt.

Neben der rein orientierenden Funktion enthalten Straßennamen also historische Informationen und politische Botschaften. Sie rufen mit ihren Namen ebenfalls das Wirken von national und international anerkannten Schriftstellern, Musikern, Wissenschaftlern, Theologen und Politikern in Erinnerung, so auch in der Stadt Melle in der Goethestraße, Händelstraße, Kantstraße, Von-Behring-Straße, Crusiusstraße und der Theodor-Heuss-Straße.

Besondere Ehre

Eine besondere Ehre erweist ein Kommunalparlament, wenn es die Namen verdienter und integrer Mitbürger in sein Straßenverzeichnis aufnimmt. Wenn diese für würdig befunden werden, in Form von Straßennamen im kollektiven Gedächtnis verankert zu werden, dann ist dieser Entschluss grundsätzlich auf Dauer angelegt. Eine Ausnahme einer zeitbedingten und propagandaabhängigen Straßenbenennung ist der Name der ehemaligen Adolf-Hitler-Straße, die es auch in Melle gab (diese Umbenennung der Mühlenstraße erfolgte am 22.03.1933).

Bei der Benennung von Straßen nach lokal wirkmächtigen Persönlichkeiten gilt der Grundsatz, die Bedeutung einer Straße im örtlichen Siedlungsgefüge der Bedeutung der namensgebenden Persönlichkeit anzugleichen. Das ist wahrlich schwer genug, zumal die Grundlage für solche im Raum hervortretenden Bedeutungszuweisungen kaum definiert ist: ist eine Straße bedeutsam, wenn sie lang ist, oder bezieht sie ihre lokale Wahrnehmung über die exponierte Lage im Ort.

Angemessene Straßen?

Diese Frage nach der Bedeutung einer Straße stellte sich zuletzt in Melle, als darüber diskutiert wurde, ob die Anton-Schlecker-Straße umzubenennen sei. Der Verzicht auf diese Maßnahme wurde unter anderem damit begründet, eine 400 Meter lange Straße sei kein zentrales Thema. Dieser Meinung entsprechend dürfte eine deutlich kürzere Straße eine noch geringere Bedeutung für das kollektive Gedächtnis haben. Hat man dann für die Ehrung so um Melle verdienter Persönlichkeiten wie der Heimatforscherin Dr. Maria Heilmann oder des ehemaligen Amtsgerichtsrats Georg Bodenheim die angemessenen Straßen gefunden, sind sie doch deutlich kürzer als die Anton-Schlecker-Straße?

Geistige Ortsbestimmung

Straßen dienen in vielfältiger Weise der Orientierung – sowohl der räumlichen Wegweisung und des Auffindens von Orten im Gelände als auch der geistigen Ortsbestimmung. Die Benennungen von Straßen in ihrer erstgenannten Funktion sind eher unverfänglich, und sie sind schneller und manchmal leichter verständlich, weil sie mit der räumlichen Realität oft in einer sichtbaren Beziehung stehen.

Die zweite allgemein-bildende und politische Funktion von Straßennamen im Kontext des kollektiven Gedächtnisses und der gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung erfordert ein Höchstmaß an Sensibilität während des Prozesses der Namensfindung und danach einen reflektierten Umgang mit dem festgelegten Namen im täglichen Leben.

Als kulturelle Aufgabe

Dann können Straßennamen als kodifiziertes und verbindlich akzeptiertes Auffindungssystem in vielerlei Hinsicht nützlich für die Bevölkerung der Stadt Melle und deren Besucher sein: Sie festigen das topographische Wissen als Grundlage für die Kompetenz der räumlichen Orientierung; sie lassen alte Dorf- und Ortsnamen im Grönegau fortleben und erhalten so sprachliche Zeichen zur gewachsenen innerräumlichen Differenzierung und Gliederung der heutigen Stadt Melle. Und schließlich erfüllen sie mit dem ganzen Spektrum ihrer Namen als verräumlichte Allgemeinbildung eine kulturelle Aufgabe.

Straßennamen gehören zur Heimat und beeinflussen die Orientierung in der Heimat und damit die Aneignung von der Heimat.


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