Kleines Wunder nach dem Krieg Das Lied von der Meller Glocke

Von Uwe Plaß

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Die Abnahme der Glocken von St. Matthäus im Jahr 1917 wurde im Bild festgehalten. Repro: Heimatverein MelleDie Abnahme der Glocken von St. Matthäus im Jahr 1917 wurde im Bild festgehalten. Repro: Heimatverein Melle

Bitte, nicht schon wieder! Das dachten die Bewohner des Grönegaus als während des Zweiten Weltkriegs erneut die Kirchenglocken zu Rüstungszwecken abgenommen wurden – wie schon 1917. Für die Matthäus-Gemeinde gab es Jahre später aber ein unerwartetes Happy End.

Melle. Schon das Jahr 1917 war schmerzlich. In der Endphase des Ersten Weltkriegs war der Rohstoffmangel für die Kriegswirtschaft unübersehbar. Metallsammlungen wurden veranstaltet und es dauerte gar nicht lange, bis man auf die Idee kam, die tonnenschweren Kirchenglocken zu Granaten und Kanonen zu verarbeiten. Lediglich besonders historisch und künstlerisch wertvolle Glocken wurden verschont. Überdies sollte jede Gemeinde eine Glocke behalten können.

1925: Ein neues Geläut

So verblieb nur die kleinste Glocke im Turm der Matthäuskirche. Erst 1925 war die Gemeinde in der Lage, ein neues Geläut anzuschaffen. Anlass war das 25-jährige Ortsjubiläum von Dechant Dreck. Als die drei neuen Glocken festlich geschmückt vor der Kirche eintrafen, wurden sie vom emeritierten Erzbischof Albert Bitter geweiht. Für den greisen Würdenträger, der im Jahr darauf starb, muss dies ebenfalls ein besonderer Moment gewesen sein.

Für Generationen sollten diese Glocken zum Gebet rufen. Es waren ihnen allerdings nicht einmal 20 Jahre vergönnt. „Zur Erweiterung der Reserven unserer Rohstoffwirtschaft werden gegenwärtig überzählige Kirchen- und Rathausglocken abgenommen.“ So hieß es lapidar wie zynisch im „Meller Kreisblatt“ vom 22. Mai 1942. Was ist denn bitteschön eine überzählige Kirchenglocke?

Wiederum traten die beiden größten Glocken – die St.-Matthäu-Glocke und die Mutter-Gottes-Glocke – den Weg zu den Schmelzöfen an. Erstere diente auch als Kriegergedächtnisglocke, die zweite als Friedensglocke.

Der Glockenfriedhof in Hamburg

Nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs lag Deutschland in Schutt und Asche. Melle war von britischen Truppen besetzt, Tausende von Vertriebene aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße mussten aufgenommen werden.

In dieser Situation passierte etwas, das man als kleines Wunder auffassen kann. Auf dem „Glockenfriedhof“ in Hamburg lagerten noch mehr als 10000 Kirchenglocken, die das Kriegsende vor der Einschmelzung bewahrt hatte. Unter der Nr. 5-60-49 B auch die St. Matthäus-Glocke. Der Buchstabe B hatte ihr Dasein bewahrt. In der A-Kategorie befanden sich die Glocken mit der geringsten Wertigkeit. Die Friedensglocke hatte dieses Schicksal ereilt.

1957: Ein neues Geläut II

Nach zahlreichen bürokratischen Hürden trat die Glocke im April 1948 ihre Heimreise an. Auch andere Kirchengemeinden des Grönegaus hatten Glück. Bei der Rückführung erwarb sich Stadtrentmeister i. R. Geile große Verdienste um die Rückführung, der persönlich nach Hamburg reiste.

Man kann die Bedeutung dieses Ereignisses nicht hoch genug einschätzen. In einer Zeit, als alles am Boden lag und unzählige Menschen auf Nachricht von ihren Angehörigen hofften, kehrte nach Jahren völlig unverhofft die alte Glocke zurück – ein Symbol der Hoffnung für viele.

Das volle Geläut gab es erst 1957 wieder. Diesmal war es das 25-jährige Ortsjubiläum von Dechant Hesse, welches den Rahmen für eine große Spendensammlung bildete und den Guss einer neuen Friedensglocke ermöglichte. Anders als ihrer Vorgängerin sind ihr schon über sechzig Jahre vergönnt.


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