„Wirr wie die Fliegen, emsig wie die Bienen“ Ehemalige Waldorfschüler berichten in Melle über ihre Berufe

Von David Hausfeld

Aus ihrer Biografie haben ehemalige Waldorfschüler in der Freien Waldorfschule Melle berichtet. Foto: David HausfeldAus ihrer Biografie haben ehemalige Waldorfschüler in der Freien Waldorfschule Melle berichtet. Foto: David Hausfeld

Melle. Was werden Waldorfschüler? Antworten auf diese Frage erhielten Schüler der Oberstufe der Freien Waldorfschule Melle und deren Eltern von zehn ehemaligen Waldorfschülern aus Köln, Berlin oder Hamburg. Die Berufe reichen vom Unternehmer bis zum „Lebenskünstler“.

„Ich war eine Herausforderung als Schüler“, erzählt Christoph Daniel Jia. „Meine Lehrerin wollte mich auf ein Internat schicken. Damals gab es noch kein Ritalin“, sagt er mit einem Lachen.

Jia ist ehemaliger Waldorfschüler, und das Lernen fiel ihm nicht immer leicht, berichtet er. Insbesondere Fremdsprachen, allen voran Englisch, waren zu Schulzeiten nicht seine Stärke – trotz Auslandsaufenthalten in den USA und in Russland.

Heute ist Jia Besitzer einer Firma in China, hat jahrelang in Schanghai gelebt und wohnt nun mit seiner Familie in Berlin. Außerdem spricht er fließend Englisch, Chinesisch und Russisch. Wie ist das passiert?

„Zukunftsforscher“

Die beiden Besuche im Ausland waren seine zwei „Aufwacherlebnisse“, sagt er. „Ich konnte überhaupt kein Englisch.“ Anschließend in der Oberstufe riss er sich zusammen und begann zu lernen. Sein neuer Klassenlehrer hatte dabei großen Einfluss auf ihn, weil er an seine Stärken glaubte, sagt Jia, bevor er die herzliche Art seines Lehrers imitiert.

Nach dem Abitur machte Jia eine Ausbildung zum Zimmermann und wollte danach eigentlich Medizin studieren. Am Ende wurde er Diplom-Ökonom, ging nach Berlin und arbeitete fortan für Daimler-Chrysler als „Zukunftsforscher“ in einer Denkfabrik (Thinktank). Das Unternehmen beauftragte ihn mit dem Aufbau eines Kompetenzzentrums in China. Hier gründete er schließlich ein Beratungsunternehmen mit Zweitsitz in Berlin.

Jia steht auch heute noch hinter dem Waldorf-Konzept: Mit dem „World Waldorf Camp“ gründete er eine Non-Profit-Organisation, die Waldorf-Camps für chinesische Familien anbietet.

Schüler der ersten Stunde

Insgesamt zehn ehemalige Waldorfschüler aus dem gesamten Bundesgebiet hat Alexa Pelzer, Geschäftsführerin der Meller Waldorfschule, eingeladen, um ihren persönlichen Lebenslauf vorzustellen. Unter anderem aus Köln, Bochum und Hamburg sind sie angereist und berichten zunächst im Plenum vor rund 60 Schülern und Eltern aus ihrer Biografie.

Mit Nele Dieterich, jetzt Studentin für Grundschullehramt an der Universität Münster, und Yann Hamacher, Auszubildender bei einem Meller Motorradbauer, sind auch zwei Meller Waldorfschüler der buchstäblich ersten Stunde anwesend.

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Aus ihrer Biografie haben ehemalige Waldorfschüler in der Freien Waldorfschule Melle berichtet. Foto: David Hausfeld

Fabian Spindler ist der Musiklehrer der Schule. „Während meiner Schullaufbahn hätte wohl niemand gedacht, dass ich mal hier sitze“, sagt er. Von der Grundschule wechselte er auf die Gesamtschule. In der sechsten Klasse habe dort sein Lehrer gesagt: „Du, mit dir, das wird nichts. Du schaffst vielleicht den Hauptschulabschluss.“ Über Umwege ist er schließlich auf der Waldorfschule in Herne gelandet. Hier kamen ihm die handwerklichen Kurse zugute. „Dieses Sitzen und Lernen, Lernen und Lernen, das war nichts für mich“, resümiert Spindler. Eine gute Sache hat die Gesamtschule dann aber doch noch für ihn parat gehabt. Auf ihr konnte er die Klarinette lernen, der Grundstein für seine spätere musikalische Ausbildung.

„Mal was Normales machen“

Simon Pelzer, der Sohn von Alexa Pelzer, besuchte hingegen von der ersten Klasse an die Waldorfschule in Witten, und das „mit Höhen und Tiefen“. Anschließend wollte er unbedingt weg von Waldorf und endlich „mal was Normales machen“, wie er sagt. Es folgte eine Lehre zum Veranstaltungstechniker, die ihn jedoch nicht glücklich machte. Heute hat auch er zur Waldorfpädagogik zurückgefunden. Pelzer studiert zum angehenden Waldorf-Lehrer. „Ich will mit Menschen arbeiten, am Menschen arbeiten“, sagt er. Und auch rückblickend will er seine Waldorf-Zeit in Witten nicht missen. „Ich bin froh, dass ich auf der Schule war“.

Die vorgetragenen Berufslaufbahnen sind häufig von verschiedenen Abzweigungen geprägt: vom abgeschlossenen BWL-Studium zur Diplom-Journalistin, von der Bundeswehr ins Philosophie-Studium, von der Physiotherapeutin zur Reiseveranstalterin oder vom Veranstaltungstechniker zum angehenden Waldorf-Lehrer.

„Was will ich?“

Bei Marian Conens steht als Beruf „Lebenskünstler“ auf dem Namensschild. Eine Bezeichnung, die Alexa Pelzer wählte – aber mit Conens abstimmte. Während der Schulzeit stellte der sich die Frage: „Was will ich?“ Unter anderem betrieb er für drei Jahre ein Postkartenunternehmen, das mit Sprüchen und Zitaten bedruckte Karten verkaufte. Seit etwa vier Jahren lebt er auf einem Gutshaus in Hugoldsdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Laut Conens bietet der Besitzer des Hauses mehreren Menschen Wohnraum, aber vor allem Freiraum – zum Leben, Denken und Arbeiten. Woran? Da hält Conens sich vage. Das Haus sei nach den Worten Schillers „Schone fremde Freiheit und zeige deine Eigene“ entstanden. Seinen Lebensunterhalt finanziert er über Schenkungen von Freunden.

Nach der Plenumsrunde haben die Oberstufenschüler und ihre Eltern Gelegenheit, die Gastredner in Kleinrunden individuell zu befragen. Gab es bei den überwiegend positiven Resümees auf die Waldorf-Zeit auch negative Erfahrungen? Christoph Daniel Jia wünscht sich rückblickend, dass die Waldorfschulen bei allen Freiheiten die sie ihren Schülern geben, trotzdem die Grundlagen und Standards in Fächern wie Deutsch oder Mathematik den Lehrplänen gemäß gut machen und nicht vernachlässigen. „Wirr wie die Fliegen, emsig wie die Bienen“, lautet sein Ratschlag.