Viele Bahnen geschlossen Wenig Nachwuchs: Stirbt Kegeln in Melle aus?

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Rund 30 Kegelclubs lassen regelmäßig die Kugel auf der Kegelbahn im Hotel Bayrischer Hof in Melle rollen. Foto: David HausfeldRund 30 Kegelclubs lassen regelmäßig die Kugel auf der Kegelbahn im Hotel Bayrischer Hof in Melle rollen. Foto: David Hausfeld

Melle. Noch gehen zahlreiche Kegelclubs (KC) in Melle regelmäßig auf die verbliebenen Kegelbahnen der Stadt um den Präzisions- und Freizeitsport zu betreiben. Viele Bahnen haben in den letzten Jahren jedoch geschlossen und auch frischer Kegelnachwuchs ist rar. Stirbt Kegeln in Melle aus?

Seit 60 Jahren geht der KC „Putz weg“ schon auf die Bahn. Manfred Kleinbuntemeyer ist rund 25 Jahre Mitglied. 1992 zog er nach Wellingholzhausen und lernte kurz darauf den Stellenwert des Kegelns und die Gepflogenheiten des Dorflebens kennen. Sein Nachbar habe ihm damals gesagt: „Wenn du hier was werden willst, musst du zu mir in den Kegelclub – und in den Schützenverein eintreten“, sagt der 74-Jährige mit einem Lachen. Seitdem ist er nicht nur Kegelbruder, fünf Jahre später wurde er auch Schützenkönig. Kegeln bedeute für ihn Unterhaltung, Spaß und Kameradschaft. Im Wettkampf packe ihn aber auch schon mal der Ehrgeiz.

Nicht auf lokale Angebote angewiesen

„Früher gab es eine Menge Kegelvereine“, sagt Kleinbuntemeyer. Allerdings habe es auch weniger Freizeitangebote gegeben. Die Jugend sei heute deutlich mobiler und nicht auf lokale Aktivitäten angewiesen. „Die fahren auch schon mal 60 Kilometer bis in die Diskothek“, sagt er. Der Nachwuchs bleibt aus, und das sei traurig für den Kegelsport. Und er weiß: „Unser Club wird altersbedingt irgendwann nicht mehr existieren.“ Das älteste „Putz-weg“-Mitglied sei 82, das jüngste werde 70 Jahre alt. Die Gründungsmitglieder leben bereits nicht mehr.

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Im Hotel Alt-Riemsloh waren die Bahnen in den 1980er-Jahren mit 40 bis 50 Clubs noch ausgebucht; die Warteschlange auf einen freien Termin lang. Doch mit den Jahren wurde die Nachfrage weniger, berichtet Inhaber Bernd Möller. Kegeln, ja. Aber regelmäßig? „Das wollen viele nicht“, sagt er. „Der Zeitgeist hat sich gewandelt.“ Vor etwa 20 Jahren schloss das Riemsloher Hotel die Kegelbahn, denn der junge Nachwuchs blieb aus. Ob in Riemsloh, Gesmold, Buer oder Melle-Mitte – mindestens sieben Gaststätten mit Kegelbahnen gab es einst in der Region. Heute sind es deutlich weniger.

Drei letzte Bahnen in Melle

Konrad Knemöller betreibt mit der Gaststätte Lindenhof in Wellingholzhausen einen der drei letzten Kegelbahnbetriebe in Melle, neben dem ebenfalls in Welling liegenden Gasthof Schrage und dem Hotel Bayrischer Hof in Melle-Mitte. Seit 26 Jahren rollen die Kugeln im Lindenhof. Etwa 20 Clubs treffen sich hier meist im Monatsturnus. „Das hätte es früher gar nicht gegeben“, sagt er, früher seien die Kegler wöchentlich angetreten. Junge Leute kegeln auch vereinzelt, einen festen Club gründen sie aber immer seltener. „Die Regelmäßigkeit nimmt ab.“

Seit 1978 gibt es Kegelbahnen im Bayrischen Hof. Burkhard Lanfer beherbergt hier rund 30 Clubs. „Das ist schon weniger geworden, als noch vor 20 Jahren“, beobachtet auch er. Das liege auch aus seiner Sicht an den vermehrten „Nebenschauplätzen“.Das Hotel Bayrischer Hof ist einer von drei Betrieben in Melle mit Kegelbahnen. Foto: David Hausfeld

Mindestens ein junger Kegelclub in Welling scheint sich diesem Trend zu widersetzen. 2016 gründete Marius Hasemann mit elf Freunden den KC „Einer kippt immer“. Sie alle sind 22 und 23 Jahre alt. Der monatliche Kegeltermin ist für die Jungs eine feste Instanz, das eigentliche Kegeln aber nur Nebensache. Im Vordergrund stehen die Gemeinschaft, der Spaß und das gemütliche Beisammensein. „Meist fangen wir um 8 Uhr abends an, kegeln bis 11 oder 12 Uhr und gehen dann hoch in die Kneipe“, sagt Hasemann. Der Freundeskreis treffe sich regelmäßig, aber nur „wenn Kegeln ist, sind wirklich alle dabei“.

Die monatliche Verabredung ist ein festes Cliquentreffen, und die Gruppe nimmt ihre selbst auferlegte Verpflichtung sehr ernst. Bereits tags darauf klären die Kegler den nächsten Termin, und den gilt es einzuhalten. In „99 Prozent“ der Fälle funktioniert das laut Hasemann auch. In Wellingholzhausen hat Kegeln unter den Freundeskreisen so etwas wie Tradition. „Viele von unseren Jungs im Ort kegeln. So sind wir auch dazu gekommen“, sagt Hasemann.

Nachwuchs fehlt nicht nur im Kegelclub

„Putz weg“ und „Einer kippt immer“ sind im Gasthof Schrage in Wellingholzhausen zu Hause. Seit rund 40 Jahren wird hier gekegelt. Einmal im Jahr findet hier mit dem Grönegauer Kegelcup ein Turnier statt, 2018 in seiner zehnten Auflage. Heute beherbergt Gastwirt Hendrik Schrage im Wechsel rund 50 Clubs. Einige sind von Anfang an dabei, werden aber nach und nach altersbedingt aufhören.

Neue Clubs rücken laut Schrage „relativ konstant“ nach, doch merkt auch er den fehlenden Nachwuchs. „Viele Kegelklubs entstehen aus Cliquen in den Jahrgängen“, sagt er. Nach der Schule würden sich diese Gruppen oft trennen. Einzelne ziehen weg zum Studieren, und nicht immer kommen sie zurück. Laut Vater Hans Schrage spielten früher außerdem mehr Clubs unter der Woche. „Man ging von 20 bis 23 Uhr kegeln und war um 6 Uhr wieder auf der Arbeit“, sagt er. „Heute konzentriert es sich immer mehr auf das Wochenende.“ Doch der Platz am Wochenende ist begrenzt. Für den Betrieb wäre es erfreulicher, würden sich die Clubs gleichmäßig auf die Woche verteilen.

Laut Schrage Junior ist nicht nur das Kegeln in der Krise: „Das Freizeitverhalten hat sich geändert“, ein Problem, das nicht nur Kegelclubs, sondern auch Sport- oder Schützenvereine spüren.


Als Kegeln kriminell wurde

Kegeln war bereits vor Jahrhunderten eine beliebte Freizeitbeschäftigung in Europa, später auch in Teilen Nordamerikas. Insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika wurde der Präzisionssport wegen Glücksspielähnlicher Zustände gewissermaßen kriminell. Denn: Europäische Auswanderer gingen in der damals noch neuen Welt gerne in die Vollen mit schlimmen Folgen.

Oft – so kannten es viele Immigranten aus ihrer Heimat– ging es beim Kegeln um hohe Wetteinsätze.

Existenzgefährdende Verluste, Betrügereien und Schlägereien waren die Folge, was bereits auf dem alten Kontinent zu Kegelverboten führte. Auch in Connecticut in den USA wurden 1837 entsprechende Konsequenzen gezogen: Das Spiel auf neun Kegel wurde verboten.

Das Kegelverbot hatte jedoch einen angenehmen Nebeneffekt: Findige Kegler erfanden das Bowling, um das Verbot zu umgehen. Aus dem Spiel auf neun – in einer Raute formierten – Kegel, wurde ein Spiel auf zehn Pins, die in einem Dreieck aufgestellt wurden.

Zehn Pins statt neun Kegel und ein Bowlingball mit einem Durchmesser von 21,8 Zentimetern sowie drei Löchern für Daumen, Mittel- und Ringfinger statt einer Kegelkugel: Das sind die markantesten und bekanntesten Unterschiede zwischen Bowling und Kegeln. Die Balllauffläche der Bowlingbahn ist in der Regel 18,29 Meter lang und gleichbleibend 1,05 Meter breit. Dazu kommt eine Anlauffläche von mindestens 4,57 Meter Länge.(Quelle: Deutscher Kegler- und Bowlingbund)

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