zuletzt aktualisiert vor

Wer trägt eigentlich Haarersatz? Meller Perücken-Expertin: Nicht alle Frauen mit Glatze haben Krebs

Meine Nachrichten

Um das Thema Melle Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Melle. Friseurmeisterin Eva-Maria Brömmelhaup hat mehr als 30 Jahre Berufserfahrung. Lange Zeit als Inhaberin des Salons Meier, nun als Perücken-Expertin im P24-Studio in Melle. Im Interview im Rahmen unserer Serie „Mein Job und ich“ spricht sie über den schönsten Schmuck von Frauen, dankbare Kunden und Männer, die zu Frauen werden wollen.

Frau Brömmelhaup, wer kauft Perücken?

Überwiegend Menschen, die krank sind. Menschen, bei denen beispielsweise wegen einer Chemotherapie die Haare ausfallen. Oder die wegen einer Immunkrankheit unter Haarausfall leiden.

In den Regalen hier sehe ich nur Frauenköpfe.

Ich habe um die Ecke auch noch einen jungen Mann stehen (lacht). Männer gehen mit dem Problem anders um. Aber es stimmt: Der Anteil der Frauen unter den Kunden ist größer. Für uns Frauen sind Haare unser schönster Schmuck.

Sind Frauen eitler als Männer?

Mit Eitelkeit hat das nicht viel zu tun. Bei Frauen mit Glatze setzt das jeder mit Krebs gleich, obwohl es ja gar nicht so eine Erkrankung sein muss. Doch unabhängig von der wirklichen Ursache: Es stören die mitleidigen Blicke der anderen. Wenn eine Frau zum Bäcker geht und die Leute dann tuscheln, guck mal, die hat keine Haare mehr, die hat Krebs. Diese Blicke braucht man nicht, schon gar nicht wenn man tatsächlich eine Krebserkrankung hat. Diese Frauen wollen genauso behandelt werden wie sonst auch.

Wie viel Mut gehört dazu, dann ins Perückenstudio zu kommen?

Das ist ein schwerer Weg, weil die Haare langsam ausfallen. Nach der zweiten, dritten Chemo geht es meistens los. Es ist schon erschreckend, wenn du morgens aufwachst und das Kopfkissen liegt mit Haaren voll. Dann ist die erste Angst: Perücke? Mein Gott! Das sieht dann doch jeder. Das ist heutzutage aber nicht mehr so. Es gibt so tolle Perücken, vorne mit sogenanntem Filmansatz. Das sieht dann so aus, als würden die Haare aus der Kopfhaut sprießen. Dennoch: Viele kommen mit einem mulmigen Gefühl zu uns. Doch dann finden wir die richtige Haarfarbe und den richtigen Schnitt, sodass die meisten wieder mit einem Lächeln rausgehen und dankbar sind, sich mit einer Perücke identifizieren zu können. Manche entscheiden sich aber auch gegen eine Perücke und setzen lieber eine Mütze oder Kappe auf.

Wie stecken Sie das weg, oft mit schwerkranken Menschen zu tun zu haben?

Mein Traum war es, Krankenschwester zu werden. Ich wollte immer gerne in den Pflegebereich. Man darf das natürlich nicht zu nah an sich heranlassen, die Leidensgeschichten nicht mit nach Hause nehmen. Bei Kindern finde ich das allerdings schwierig.

Kinder?

Bei Mädchen können Immunerkrankungen schon mit acht oder neun Jahren auftreten, sodass sie überhaupt keine Körperbehaarung mehr haben. Eltern sind darüber meist noch trauriger und schockierter als die Kinder selbst. Um diese Kinder zu unterstützen, zahlen wir die Kosten, die bei Vorlage eines Rezepts über die Krankenkassenzuzahlung hinausgehen. Das ist eine Charity-Aktion, die noch bis Juni läuft.

Gibt es auch heitere Situationen mit Kunden?

Ja, zum Beispiel mit Männern, die langsam zu einer Frau werden wollen. Sie kommen von weit her und suchen hier die Anonymität. Diese Männer verwandeln sich dann schon bei mir in eine Frau. Mit diesen Männern habe ich spaßige Unterhaltungen. Da sind schon einige nette Dinge passiert.

Zum Beispiel?

Was soll ich denn da jetzt erzählen? Weil ich in diesen Gesprächen sehr direkt bin, frage ich nach, wann derjenige es überhaupt gemerkt hat, dass er lieber eine Frau wäre. Ich selbst kann mich ja nicht in einen solchen Menschen hineinversetzen. Diese Geschichten sind dann sehr nett und wir lachen zusammen. Es sind schon ganz lustige Typen dabei. Perücken sind eben eine erste Etappe auf dem Weg zur Geschlechtsumwandlung. Bei einem meiner Kunden steht jetzt die Operation an. Der will sich anschließend wieder bei mir melden.

Juckt es eigentlich unter einer Perücke?

Ganz ehrlich? Ich habe keine Glatze, das kann ich nicht sagen. Aber die Unterlagen sind schon sehr anschmiegsam.

Erkennen Sie, wenn jemand in der Öffentlichkeit eine schlecht sitzende Perücke trägt?

Das sehe ich sofort. Seitdem ich im P24-Studio arbeite, gucke ich die Leute anders an. Mittlerweile sehe ich jede Perücke. Ich sehe gute. Und ich sehe auch ganz viel schlechte. Aber die sind nicht von mir.

Wie lange hält eine Perücke?

Eine Kunsthaarperücke bei guter Pflege bis zu einem halben Jahr, eine Echthaarperücke rund ein Jahr.

Vom wem kommt das echte Haar?

Vor allem aus Asien, insbesondere aus Indien. Dort lassen sich Frauen die Haare lang wachsen und schneiden sie dann ab.

Was sind die angesagten Frisuren?

Was man beim Friseur sieht, erhält man auch bei mir auch. Zum Beispiel asymmetrische Haarschnitte, die gerade modern sind. Bei den Farben sind es dunkle Ansätze und helle Längen.

Welche Hilfe gibt es für Männer, bei denen das Haupt allmählich lichter wird?

Die jungen Männer laufen aktuell ja oft mit einem Undercut herum. Die Haare an den Seiten ganz schmal, eine Tolle nach hinten gelegt. Das lässt sich auch mit Haarersatz machen, ohne dass man es als einen solchen erkennt. Der Haarersatz wird für vier bis sechs Wochen fest auf die Kopfhaut geklebt. Man kann damit duschen, schwimmen, tauchen, in die Sauna gehen, alles. Dieses neue Verfahren habe ich mir kürzlich bei einem Seminar zeigen lassen. Demnächst werden wir das anbieten.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN