„Häufig sehr herausfordernd“ Die Mädchen-WG am Meller Berg

Von Michael Hengehold


Melle. In der Jugendhilfeeinrichtung Haus Sonnenblick leben Mädchen, die in oder mit ihren Familien nicht mehr zurechtkamen. Seit gut zehn Jahren existiert die Einrichtung in Melle. Ein Besuch in der Mädchenwohngruppe.

Chantal möchte die 17-Jährige genannt werden. Ausgerechnet. Das Mädchen lebt nicht bei seiner Familie („Zuhause hat es nicht mehr geklappt“), sondern im Haus Sonnenblick. In der Meller Mädchenwohngruppe ist zwar auch nicht immer alles eitel Sonnenblick, aber meistens. „Jugendhilfe bedeutet nicht, den ganzen Tag Probleme zu wälzen“, sagt Geschäftsführer Thomas Brodhuhn.

„Chantal, heul leise!“ aus „Fack ju Göhte“ ist der Jugend als Zitat so vertraut wie älteren Jahrgängen Bogarts „Ich seh dir in die Augen, Kleines“. Nun ist Chantal im Film nicht die hellste Birne am Leuchter, aber zur Anonymisierung im Zeitungsbericht hat der Teenager sich den Namen nun mal selbst ausgesucht. Neben „Chantal“ sitzt „Maria“, ebenfalls 17, und auch sie heißt nicht wirklich so.

„Aber geht jetzt“

„Mal gut und mal schlecht“, sei es in der Mädchenwohngruppe, berichten die beiden. Gut, „wenn man sich mit allen gut versteht und lachen kann“, erklärt Maria, „Alle“, das sind bis zu sechs weitere Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren, die in oder mit ihren Familien nicht mehr zurechtkamen. Schlecht, wenn es wieder mal Stress gibt. „Zickenkrieg“, sagt Maria, „wegen Jungs oder Klauen. Oder weil eine was benutzt hat, was ihr nicht gehört.“ Seit 2016 lebt sie in der Mädchen-WG am Meller Berg, die es seit gut zehn Jahren gibt. Anfangs habe sie schon sehr dagegen angekämpft, „aber geht jetzt“, sagt Maria. „Hier ist es schön, nur viel lieber hätte ich eine eigene Wohnung.“

„Das ist oft ein sehr schönes Zusammenleben“

Natürlich ist das so, erklärt Thomas Brodhuhn, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe Hünenburg in Riemsloh, zu der das Haus Sonnenblick gehört, „wir begleiten die Mädchen in einer Lebensphase, in der sie sich eigentlich abnabeln wollen und sollen“. Dazu kümmern sich sechs Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen auf fünf Stellen um ihre ausschließlich weiblichen Schützlinge. „Das ist oft ein sehr schönes Zusammenleben“, betont Gruppenleiterin Isabel Haarmann, denn „Jugendhilfe ist eben auch Alltag. Die kommen von der Schule, wir essen zusammen – ganz normal.“

Die Themen sind ebenfalls dieselben, wie sie es wohl zuhause wären. Jungs, na klar. Maria darf sich mit ihrem Freund nur dreimal die Woche treffen und das nervt. Wenn sie 18 ist, will sie mit ihm zusammenziehen. Außerdem geht sie gerne Reiten. Chantal früher auch, „aber zur Zeit mach ich gar nix.“ Rauchen und Alkohol sind auch erst mit der Volljährigkeit erlaubt – das wäre wahrscheinlich in der Familie kein Thema, aber dort fußte das nicht auf Freigebigkeit, sondern mangelnder Fürsorge. Erziehungsabbruch nennen die Fachleute das.

Der Weg in die „Verselbstständigung“

„Der Trend geht zur Vermeidung von HzE“, erläutert Isabel Haarmann, „Hilfe zur Erziehung. Besser ist Sozialarbeit zuhause, in der Familie.“ Erst wenn das Jugendamt sagt, „das geht gar nicht mehr, die muss da raus – dann kommen wir ins Spiel.“ Nicht, dass in der Folge alles sofort gut wäre: „Was dann kommt, ist häufig auch sehr herausfordernd“, aber im Haus Sonnenblick können sie den Mädchen etwas geben, das die bislang nicht kennengelernt haben: Verlässlichkeit, Kontinuität, sich sicher fühlen. Ziel der Arbeit ist immer die „Rückführung in die Familie“, wie das im Pädagogendeutsch heißt. Deswegen ist die Arbeit mit den Eltern ebenfalls ein wichtiger Bestandteil. Oder, wenn die Mädchen volljährig sind, wird der ‚Weg in die Verselbstständigung‘ beschritten, auch so ein Fachwort-Ungetüm.

Früher war Jugendhilfe viel restriktiver

„Beziehung ist Hauptbestandteil der Arbeit; den Mädchen hier einen schönen Ort zu bieten“, fasst Haarmann Alpha und Omega des Wohngruppenlebens zusammen. Noch vor 20 oder 30 Jahren sei Jugendhilfe „viel restriktiver“ (beschränkender) gewesen. Heute wird für ein neues Mädchen das Zimmer in dessen Lieblingsfarbe gestrichen.

Selbstmordgefährdung oder Drogen sind Ausschlusskriterien

Besonders gerne ziehen die jungen Klientinnen natürlich trotzdem nicht ein, schließlich müssen sie ihre Familien und Freunde verlassen, ihr Umfeld. Eigentlich ihr ganzes bisheriges Leben. In dem sicherlich einiges im Argen lag, aber zumindest ist das Arge vertraut. Gegen ihren Willen werden sie aber nicht nach Melle verpflanzt. Brodhuhn: „Ein gewisses Einverständnis, sich darauf einzulassen, muss da sein. Wir setzen deshalb auch immer erst auf einige Tage probewohnen.“ Und andersrum schauen die Betreuerinnen, wer und was da auf sie zukommt. „Massive Suizidalität“, wenn also die Gedanken immer wieder um den Freitod kreisen oder Drogenabhängigkeit sind zum Beispiel Ausschlusskriterien. „Wir schauen schon: Wie massiv ist die Störung? Da muss man kritisch bleiben. Mit dem Menschen, der sich vorstellt, aber auch gegenüber sich selber. Und man muss immer auch schauen: Wie ist das Team derzeit aufgestellt?“, sagt die Gruppenleiterin. „Die Leute, die hier arbeiten, müssen stark sein, damit man sich auch anlehnen kann. Aber Stärke und Macht sind zwei verschiedene Dinge.“

Natürlich haben die Mädchen auch Freunde draußen

Deshalb dürfen die Mädchen auch manches mitbestimmen. So dürfen sie erst mit 16, 17 einen eigenen Fernseher im Zimmer haben, das im Übrigen nach eigenen Vorstellungen gestaltet werden darf. Die TV-Regel haben die Jugendlichen selber aufgestellt. Bis sie alt genug sind, versammeln sie sich um Fernseher im Gemeinschaftsraum. Und Geburtstage „sind immer ein Riesenritual“. Da wird schon Wochen vorher geplant; welche Deko, was es zu Essen gibt. Und wer eingeladen wird, denn natürlich haben die Mädchen auch Freunde draußen. Aus der Schule oder so. Ganz normal halt. Nur, weil sie in einer betreuten WG leben, heißt das ja nicht, dass ihr soziales Leben komplett um das Haus kreist. „Zum Geburtstag dürfen sie sich richtig verwöhnen lassen“, sagt Isabel Haarmann, „aber manche wollen den Kuchen auch unbedingt selber backen“.