Meller Zeitlupe Die Legende von Mathilde und der Diedrichsburg

Von Uwe Plaß


Melle. Immer wieder liest man in der lokalen Geschichtsschreibung davon, dass Mathilde (895-968), die Gemahlin Heinrichs I., auf der Diedrichsburg geboren sei. Eine Königin und Heilige – viel mehr geht nicht. Leider ist die Geschichte wohl nur ein Märchen.

Es sind zwei Dinge, die in dieser Geschichte miteinander verwoben sind: Die ungeklärte Herkunft des Namens Diedrichsburg und die wenigen Angaben zur Herkunft Mathildes. Sicher ist, dass Mathilde aus der Familie des sogenannten „Sachsenherzogs“ Widukind (Wittekind) stammte; dem Gegner Karls des Großen in den Sachsenkriegen. Ihr Vater war Graf Dietrich. Die junge Grafentochter wurde in der Reichsabtei Herford erzogen. Dort war ihre Großmutter Äbtissin.

Im Jahre 909 kam der spätere ostfränkische König Heinrich I. nach Herford, um um die Hand Mathildes anzuhalten. Diese war zwar erst dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Das war damals aber gerade vor dem Hintergrund der geringen Lebenserwartung ganz normal. An dieser Brautwerbung setzt die Verbindung zur Diedrichsburg an. In den Quellen heißt es nämlich, dass Mathilde nur einen Tag brauchte, um die Einwilligung ihres Vaters zu erhalten. Justus Möser nimmt ausgehend von den damaligen Wegeverhältnissen eine Zeit von etwa fünf Stunden von Herford zur Diedrichsburg an.

Es ist sicherlich richtig, dass Mathilde auf der elterlichen Burg geboren wurde. Allerdings ist die Verbindung zur Diedrichsburg, die dann folgt, reichlich konstruiert. Ja, sie liegt innerhalb einer Tagesreise von Herford. Das gilt allerdings für viele andere Orte – insbesondere das für die Widukindsche Familie so bedeutende Enger – auch. Der Lokalpatriot verweist an dieser Stelle auf den Namen der Burg. Es wird behauptet, dieser Name rühre von Graf Dietrich, dem Vater Mathildes, her. Dies ist jedoch sehr fragwürdig. Eigentlich weiß man von der alten Diedrichsburg nämlich fast nichts.

Der heutige Turm ist eine romantische Neuschöpfung des 19. Jahrhunderts. Zuvor gab es dort zwar schon einmal eine sehr alte Befestigung. Deren bauliche Überreste waren jedoch schon beim Neubau seit Jahrhunderten verschwunden und sind auch archäologisch bislang nur spärlich nachweisbar. Lediglich der Name Diedrichsburg (manchmal auch Dirksburg) hatte sich an der Erhebung erhalten. Verschiedenste Ursprünge wurden in diesen Namen reininterpretiert. Mal stammte er von der Sagengestalt Dietrich von Bern, mal von Ritter Dietrich von Vincke, mal handelte es sich um die sagenumwobene Teutoburg, die dem Teutoburger Wald seinen Namen gab.

Justus Möser und nach ihm viele Grönegauer bevorzugten Graf Dietrich als Namensgeber. Namensursprung der Burg nicht belegbar, Geburtsort von Mathilde auch nicht, lediglich die Entfernung würde passen – schon ist die Legende von der Königin von der Diedrichsburg fertig.

Die Meller haben dies dankbar aufgenommen. Man errichtete sogar einen Gedenkstein zu Ehren Mathildes an der Diedrichsburg, und auch Wilhelm Fredemann griff das Thema in seinem Werk „Mathilde und ihr Nachbar“ gerne auf. Vermutlich muss man aber doch unserer Nachbarstadt Enger den Vortritt lassen. Nach dem Tod ihres Mannes 936 zog Mathilde sich für längere Zeit auf ihre Güter im Raum Enger/Herford zurück und gründete 947 das Stift Enger. In der dortigen Stiftskirche befindet sich auch heute noch das Grab Widukinds.