Seele lässt sich nicht einmauern Kritische Zukunftsvision auf der Meller Bühne

Von Petra Ropers

Kein Frieden ohne die Freiheit zu denken und zu glauben: Eine kritische Zukunftsvision brachte das TZE-Theater auf die Bühne. Foto: Petra RopersKein Frieden ohne die Freiheit zu denken und zu glauben: Eine kritische Zukunftsvision brachte das TZE-Theater auf die Bühne. Foto: Petra Ropers

Melle. Kriege gehören der Vergangenheit an. Zwischenmenschliche Konflikte gibt es nicht mehr. Jeder kennt und akzeptiert seinen Platz. Eine „Perfekte neue Welt“? Ein kritisches Zukunftsbild zeichnete am Sonntag das TZE-Theater in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (EFG).

Die Schlussfolgerung scheint beim Blick in die Zeitungen und in die Geschichtsbücher gar nicht so abwegig: Religion war und ist eine wesentliche Antriebsfeder zahlloser Konflikte und Kriege. Um die Menschheit vor der dauerhaften Auslöschung zu bewahren, scheint die Abschaffung jeglicher Religion deshalb die einzige Lösung. Und das federführende Institut geht noch einen Schritt weiter: Der Mensch selbst als wandelndes Gefahrenpotenzial wird mithilfe eines implantierten Chips befriedet und gleichgeschaltet.

Verbotene Gedanken

Doch das glatte, weiße Bild bekommt Risse. Ausgerechnet Tami, eine der führenden Mitarbeiterinnen des Instituts, ertappt sich bei verbotenen Gedanken, gefährlichen Fragen und bei Sehnsüchten, die es gar nicht geben dürfte: Eine intelligente, zeitkritische Zukunftsvision brachte das „Theater zum Einsteigen“, kurz TZE, auf die bewusst minimalistisch ausgestattete Bühne im Saal der EFG Melle.

Gemeinsam mit wechselnden Laien-Schauspielern aus Kirchen und Gemeinden verwirklicht der Autor und Regisseur Ewald Landgraf seit einigen Jahren das Theaterprojekt, für das er bereits mehrere Stücke schrieb. Theaterbegeisterte Mitglieder der EFG Bünde und Gastschauspieler brachten die „Perfekte neue Welt“ nun in einer bemerkenswert souveränen Aufführung nach Melle. Der Regisseur selbst schlüpfte dabei in die Rolle von Institutschef Narcanti, der zum vermeintlichen Wohl der Menschheit auch den letzten Funken Religion noch ausmerzen will.

Der Untergrund lebt

Doch der Untergrund lebt – und glaubt. Das bekommt auch Tami (Damaris Plutschinski) zu spüren, die plötzlich mit jenem Mann in Kontakt kommt, der einst der beste Programmierer des Instituts war und der heute der meistgesuchte Rebell ist. JT (Manni Schwierk) hat erkannt: „Die Seele lässt sich nicht einmauern.“

Gleichgeschaltete Soldaten mit einem leeren Lächeln auf den Lippen (Simon Spiller/Johanna Otto), Mitarbeiterin Beta (Tamara Kunze), die nur zu gerne die verordnete Kurzzeitpartnerschaft mit Narcanti verlängern würde, Tamis Freund Panto (Harald Goebel) im Zwiespalt der Loyalitäten und Flüchtling Mira (Katharina Hachenberg), die zunehmend unter ihrem lebenslangen Versteckspiel leidet: In der atmosphärisch dichten Inszenierung prallten die Welt- und Wertvorstellungen mit zunehmender Härte aufeinander.

Doch Frieden, so viel wird schnell ersichtlich, ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Und er findet sich nicht dort, wo der Mensch zur Maschine wird. Die Seele lässt sich eben nicht einmauern. Und das ist auch gut so. Denn sie beflügelt auch die Leidenschaft für das Theater, die den Besuchern einen ebenso unterhaltsamen wie nachdenkenswerten Abend bescherte.