Beitrag in „Meller Zeitlupe“ Streit im Meller Gesellschaftsclub

Von Uwe Plaß

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Melle. Gesellschaftliche Konventionen und Ehrbegriffe unterliegen einem stetigen Wandel. Was heute normal ist, konnte früher einen Skandal darstellen. Das zeigt ein Vorfall von 1860 im Meller Gesellschaftsclub.

Die Meller Clubgesellschaft war die Honoratiorenvereinigung in Melle. 1847 gegründet fand sich hier alles, was Rang und Namen hatte in der Stadt: Gewerbetreibende, Ärzte, Beamte usw. Nur Männer, versteht sich. Ab und zu veranstaltete man allerdings auch Veranstaltungen mit Damen. Tanzveranstaltungen etwa gehörten dazu.

Auch im Jahre 1860 – Melle gehörte damals noch zum Königreich Hannover – fand einer dieser Bälle statt. Man kann sich die Situation genau vorstellen. Festlich gekleidete Damen und Herren der Meller Elite, eine Kapelle und natürlich ein Saal mit Tischen und Stühlen sowie einer Tanzfläche. Es wurde gegessen, getrunken und ganz sicher auch viel geraucht. Die Stimmung war prächtig und gerade die jüngeren Gäste belegten die Tanzfläche.

Mit Vergnügungsordnung

Dann geschah das Unerhörte. Der Amtsassessor Christiani, der erst kurz zuvor in den Club aufgenommen worden war, hatte mehrfach Damen zum Tanz aufgefordert. Das war ja an sich normal. Irgendwie muss man ja zusammenkommen, wenn man tanzen möchte. Christiani hatte aber die Frechheit besessen, die Damen aufzufordern, bevor die Musik begonnen hatte. Das ging nun gar nicht. Der Tanzdirektor, der über die Einhaltung der Vergnügungsordnung wachte, musste einschreiten und den jungen Beamten auf seine Taktlosigkeit hinweisen.

Rüder Umgangston

Der Amtsassessor gab sich angesichts dieser Maßregelung einsichtig und bekundete sein Bedauern. Eigentlich wäre damit die Sache erledigt gewesen. Der Tanzdirektor muss jedoch vom Benehmen des jungen Mannes mächtig angefressen gewesen sein. Auf dessen Entschuldigung reagierte er lediglich mit den Worten: „Ja, bitte, quatschen sie sich aus.“

Diesen rüden Umgangston empfand wiederum Christiani als ehrenrührig. Man kann sich vorstellen, dass die Stimmung der Veranstaltung angesichts der Auseinandersetzung im Keller war. Christiani beschwerte sich im Nachgang bei der Direktion des Clubs. Briefe gingen hin und her, aber eine Entschuldigung gab es nicht. Im Gegenteil, die Leitung des Clubs stellte sich vollständig hinter den Tanzdirektor. Für den Amtsassessor gab es nun nur eine Konsequenz, wollte er seine Selbstachtung bewahren. Er trat aus dem Club aus.

Solidarität der Beamten

Nun zeigte sich das Standesbewusstsein der damaligen Zeit. Natürlich hatte Christiani sich an dem Abend nicht richtig benommen. Er hatte sich aber entschuldigt. Ihn jetzt so aus dem Club zu drängen empfanden die übrigen Beamten unter den Clubmitgliedern als Beleidigung für ihren gesamten Berufsstand. Solidarisch mit ihrem Kollegen kündigten praktisch alle Beamten ihre Mitgliedschaft in der Meller Clubgesellschaft. Darunter befanden sich so prominente Namen wie der ehemalige Clubdirektor Oberamtmann Jacobi, Amtsrichter Wedekind, Wegebauinspektor Hagenberg, Amtsrichter Nieberg, Amtsassessor Ludowieg, der spätere Landgerichtspräsident Richard und der spätere Regierungspräsident Stüve.

Einige Beamte – Jacobi und Wedekind etwa – traten Jahre später wieder ein und auch sonst normalisierten sich die Verhältnisse wieder. Bald schon war der Club wieder der Treffpunkt für alle führenden Köpfe Melles. Die Angelegenheit hatte aber gezeigt, dass es unter den Clubmitgliedern einen erheblichen Korpsgeist wenigstens innerhalb der Beamtenschaft gegeben hatte. Ein harmloser Tanz hatte dies deutlich zu Tage gefördert.


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