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Osnabrücker Studenten und ihr Honorarprofessor Fritz-Gerd Mittelstädt auf Spurensuche in Melle „Wir wollen sehen lernen“

Von Conny Rutsch


Melle. Geschichte geht auch in Flip-Flops. Wenn allerdings Fritz-Gerd Mittelstädt, Honorarprofessor in Osnabrück, seine Studenten zur Stadtexkursion nach Melle einlädt, dann ist festes Schuhwerk angebracht. Fast sechs Stunden Stadtansichten wollten am Montagnachmittag erlaufen werden. Der Umgang mit Kompass oder wahlweise Armbanduhr – Stundenzeiger auf die Sonne ausrichten, die Mitte zwischen der 12 und dem kleinen Zeiger ist dann Süden – lernte sich dabei auch.

„Das Schlechteste für den Geografieunterricht ist, im Klassenraum zu sitzen“, erklärte Fritz-Gerd Mittelstädt und hatte seinen Lehramtsstudenten die Aufgabe erteilt, die Stadt Melle in ihrer Lage und Struktur sowie den Sehenswürdigkeiten pädagogisch-didaktisch aufzuarbeiten.

„Die Komplexität des Raumes ist der Mittelpunkt einer Exkursion“, sagte er, und demzufolge begann der große Spaziergang im Meller Berg auf dem Plateau des früheren Berghotelgeländes mit herrlichem Blick über Melle. Anhand alter Stadtansichten arbeiteten die Studenten den Strukturwandel der Stadt auf: Industrieansiedlungen an der Bahnlinie, Gewerbegebiete an der Autobahn, Stadtkern.

Und dann ging es durch Bahnhofs- und Mühlenstraße bis zur Kreissparkasse und dem „Haus vor Melle“. Hier lebte die Schriftstellerin Johanna von Voigts, Tochter des Osnabrücker Politikers Justus Möser, die einen regen Briefwechsel mit Goethe unterhielt.

An jedem Haltepunkt hatten die Studenten Vorschläge parat, wie Schülern mit praktischen Aufgaben die Stadtentwicklung oder der Kirchenbau nahegebracht werden kann. So hatte eine Gruppe der zukünftigen Lehrer die Aufgabe, in der Matthäuskirche Altar und Kunstobjekte auf einen zuvor in die richtige Himmelsrichtung gebrachten Grundriss aufzukleben.

„Wir wollen sehen lernen“, war das Motto des Honorarprofessors Mittelstädt. Wie ist an der Nordseite der Matthäuskirche zu erkennen, dass die Einwohnerzahl der Stadt gestiegen war? Das Kirchenschiff musste nach Süden hin verbreitert und als Stütze an der Nordseite ein zusätzlicher Pfeiler angebracht werden, der über ein Fenster hinweg läuft. Daher besitzt die Kirche zwei Dachfirste.

Dass auch in der Petrikirche überall Hinweise und Spuren zur Geschichte zu entdecken sind, führten die Studenten lehrreich und interessant aus. Einzelheiten wie das fürstbischöfliche Wappen direkt über dem Altar oder der Verzicht auf den leidenden Christus am Kreuz, dafür die Marterwerkzeuge künstlerisch am Altaraufbau eingearbeitet, erklärte Fritz-Gerd Mittelstädt zusätzlich.

Dass eine Motte nicht nur ein ungebetener Gast im Kleiderschrank, sondern auch der Fachbegriff für eine einfache mittelalterliche Burganlage wie der ehemaligen Landesburg Grönenberg ist, zeichnete er dann kurzerhand in das Notizheft der mitwandernden Berichterstatterin.

Die Alte Posthalterei, das Gymnasium, der Planetenweg oder das Heimathofgelände: Die jungen ortsfremden Menschen waren sehr gut vorbereitet und öffneten mit ihren Ausführungen einen ganz neuen Blick auf die Struktur der Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten. Die Elsepromenade bildete den Abschluss dieser geografischen spannenden Stadtexkursion.

Und noch etwas: Dass Fritz-Gerd Mittelstädt bei seinen Studenten sehr beliebt ist, bewies er nicht nur mit einer Einladung zu Getränken und Schokolade in seinen Garten. Stellvertretend für alle Studenten drückten es Catharina Girmann und Ulf Grädtke aus: „Er unterrichtet spannend, humorvoll und hochinteressant.“