„Ich wollte noch einmal die Sonne sehen“ Holocaust-Überlebende berichtet in Melle von Nazi-Schrecken

Von Martin Heuer


Neuenkirchen. „...da kam ein amerikanischer Jeep auf uns zu und plötzlich waren wir frei!“ - als Erna de Vries diesen Satz über die Lippen bringt, löst sich die Anspannung im Dorfgemeinschaftshaus Neuenkirchen. Eine Stunde lang hat die Holocaust-Überlebende den Schülern der Wilhelm-Fredemann-Oberschule aus erster Hand von den Schrecken der Nazi-Herrschaft berichtet.

Die 94-jährige hat bei ihren Schilderungen kein Kapitel ausgelassen: Von den ersten Übergriffen fanatischer Jugendlicher über die Reichspogromnacht bis hin zur Deportation nach Auschwitz-Birkenau erspart sie ihren jungen Zuhörern bei klarem Verstand keine der Greueltaten, die sie als junges Mädchen in der Nazi-Zeit ertragen musste.

Anfeindungen werden schlimmer

1923 in Kaiserslautern geboren, verbringt die Tochter einer jüdischen Mutter zunächst eine schöne Kindheit, ehe der protestantische Vater 1931 an den Folgen eines Herzfehlers stirbt. Die elterliche Spedition wird zunächst weitergeführt, doch 1935 muss die Familie die Lizenz für das Geschäft abgeben.

Danach nehmen die Repressalien gegen Juden spürbar zu. Erna Korn, so ihr damaliger Name, erlebt, wie sich Bekannte und Nachbarn abwenden, befreundete Kinder nicht mehr mit ihr spielen dürfen und der Beiname Sarah in ihren Pass geschrieben wird. Die gute Schülerin („Ich wollte immer Ärztin werden“) muss die Schule wechseln, kommt in eine jüdische Sonderklasse.

„Die Anfeindungen wurden immer schlimmer, Menschen haben uns auf der Straße beleidigt oder vor uns ausgespuckt“, schildert Erna de Vries unaufgeregt, mit ruhiger Stimme. Etwas emotionaler berichtet sie dann von den Vorgängen am 10. November 1938. „Ein Fahrer erzählte uns , dass Horden von SA-Leuten unterwegs waren und die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte einwarfen. In der Wäschenäherei, in der die junge Erna seit einiger Zeit arbeitete, empfingen sie Uniformierte mit den Rufen „Juden raus“. „Ich hatte nur meine Mutter im Kopf“, erinnert sie sich.

Mobiliar zertrümmert

Als sie zu ihrem Haus zurückkehrt, ist nichts mehr, wie es war: Das Mobiliar zertrümmert, die Scheiben zu Bruch und Wasser ins Haus geleitet. „Als meine Mutter die Zerstörung sah, ist sie zusammengebrochen.“ Erna flieht zur Verwandtschaft in Köln und beginnt später in einem Krankenhaus eine Ausbildung zur Krankenschwester. In dieser Zeit erlebt sie auch, wie viele Juden angesichts der Aussichtslosigkeit das Leben nehmen.

Nach ihrer Rückkehr dann die größte Katastrophe. Im Juni 1943 hält ein Pkw mit Saarbrücker Kennzeichen vor ihrem Haus. Uniformierte steigen aus und wollen ihre Mutter deportieren. Doch die Tochter will bei ihr bleiben. Gegen den Willen ihrer Mutter fleht Erna so lange, bis auch sie mitgenommen wird. Mit dem Gefängnistransport geht es nach Auschwitz-Birkenau.

„Nach unserer Ankunft mussten wir uns ausziehen, wurden tätowiert und rasiert“, erinnert sich die 94-Jährige. Nach vier Wochen im Quarantäneblock („Wir lagen vier Wochen in der prallen Sonne und hatten Decken voller Ungeziefer“) musste sie zur Selektion in den Block 25, dem Todesblock. „Wir wussten, am nächsten Tag die Vergasung anstand“.

„Menschen haben geweint“

Beim Zählappell am nächsten Morgen bot sich ein einziges Chaos. „Die Menschen haben gebetet und geweint. Ich habe nur in den Himmel geguckt, denn ich wollte noch einmal die Sonnen sehen“, lautet die Erinnerung, Dann ruft ein SS-Mann ihre Nummer auf. „Du hast mehr Glück als Verstand“, begrüßt sie der Aufseher. Denn alle Halbjüdinnen werden ab sofort in der Waffenproduktion eingesetzt.

Sie wird nach Ravensbrück verlegt und muss ihre Mutter zurücklassen. „Du wirst erzählen, was man uns angetan hat“, lautet deren Gruß bei der Verabschiedung. Ihre Mutter stirbt kurze Zeit später in der Gaskammer. Erna macht sich kurz vor Kriegsende unter Kontrolle ihrer Bewacher auf den langen Marsch, ehe das Zusammentreffen mit dem US-Jeep ihre Freiheit besiegelt.

„Meine Geschichte ist eine Geschichte von vielen: Mein Schicksal teilen Millionen“, stellt Erna de Vries klar, während die 17-jährige Pia Lapatke, Schülerin der Klasse 10c, nach dem ergreifenden Vortrag resümiert: „Mir hat es gut gefallen. Das war mal etwas, was man nicht aus Geschichtsbüchern lernt“.