Maria Breecks dramatische Irrwege Erlebte Geschichte gegen das Vergessen

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Gesmold. Dicht an dicht reihen sich die in bleistiftdünner Sütterlinschrift verfassten Zeilen aneinander. „Meine Ausweisung nach Westdeutschland am 3. Juni 1946“, beginnt das Dokument, das bis heute erhalten blieb.

Maria Breeck, geb. Klötzel, schrieb es in jenem Zug, in dem sie aus Schlesien einer ungewissen Zukunft entgegen fuhr. Anderthalb Jahre voller Angst und Schrecken lagen da bereits hinter ihr. Die Geschichte ihrer Flucht hat die 82-Jährige nun aufgeschrieben und mit Unterstützung des Heimatvereins in ein Buch gefasst.

Bereits vor über zehn Jahren begann Maria Breeck, während eines Reha-Aufenthaltes in Bad Laer für ihre Familie ihre Erlebnisse zu Papier zu bringen – angeregt durch einen Winter, der mit minus 20 Grad ebenso kalt war wie jener, in dem sie mit ihrer Familie vor dem näherrückenden Krieg flüchten musste. Ihre Geschichte, die typisch ist für unzählige andere, dürfe nicht in einer Schublade verschwinden, befand der Heimatverein. Auf vielfaches Drängen hin fand sich Maria Breeck deshalb bereit, ihre Erinnerungen zu veröffentlichen.

Es sind Erinnerungen an eine zunächst unbeschwerte Kindheit im schlesischen Waldkirch bei Trebnitz. Ihre Leser nimmt die Autorin hinein in eine ländliche Idylle, in der die Bauern im Winter die Pferde vor die Schlitten spannen, in der der Nachtwächter um Mitternacht zur Ruhe bläst und der Bäcker mit dem Planwagen ins Dorf kommt. Die Vorboten des Schreckens sieht die gerade Achtjährige am 9. November 1938 bei einem Besuch in Trebnitz: Die jüdische Synagoge brennt, aus dem Fenster des jüdischen Kaufhauses fliegen zerfetzte Federbetten. „Hier geschieht etwas Schlimmes“, rät ihre Tante Mutter und Tochter, die Stadt schnell zu verlassen. Niemand ahnt zu jenem Zeitpunkt, dass schon wenige Jahre später der Krieg mit all seinen Schrecken über die Heimat hereinbricht.

Tiefflieger griffen an

Am Weihnachtsabend des Jahres 1944 fallen die ersten Bomben auf den Nachbarort. Am 21. Januar 1945 macht sich der Flüchtlingstreck auf den Weg. Hunger, eisige Kälte und Erschöpfung machen den Flüchtlingen zu schaffen. Pferde brechen zusammen, bleiben als faulende Kadaver am Straßenrand liegen. Tiefflieger greifen den Treck an, der sich bald nur noch mühsam vorwärts schleppt. Im Nachhinein weiß Maria Breeck den Wink des Schicksals zu schätzen, der den Treck wegen Überfüllung der Stadt weiterschickt. Denn schon wenige Tage später geht Dresden in Schutt und Asche unter.

Auch die Hoffnung auf Sicherheit im Sudetenland erfüllt sich nicht. Russisches Militär erreicht das Dorf, in dem sie mit ihrer Familie untergebracht ist – und mit ihm kommen Plünderungen, Schläge und Vergewaltigungen. Selbst am Ende seiner Kräfte, muss das junge Mädchen miterleben, wie die Mutter erkrankt und schließlich auf der Flucht stirbt. Sie selbst wird gezwungen, harte Feldarbeit zu verrichten, sogar Leichen zu verscharren.

Angst, Hunger und Verzweiflung sind die ständigen Begleiter – auch dann noch, als sie am 9. Juni 1946 mit ihrem Vater am Meller Bahnhof ankommt. Er wisse nicht, wo er sie unterbringen solle, erklärte ihnen der Flüchtlingsbetreuer und verlangte von den insgesamt fünf Familien, die Nacht auf dem Bahnsteig zu verbringen. Die Flüchtlinge wehren sich gegen die Zumutung und werden schließlich nach Gesmold gebracht. Für Maria Breeck sollte der Meller Stadtteil, in dem sie mit Christian Breeck die Liebe fand, zur neuen Heimat werden.

Die Erinnerungen jedoch sind geblieben. In ein Buch gefasst, wenden sie sich gegen das Vergessen – als lebendige, erlebte Geschichte und als eine Mahnung, dass sich das Leid und das Unrecht des Krieges nie wiederholen dürfen.

Die „Irrwege meiner Flucht“ sind im Verlag 24 unter ISBN 978-3-9812893-3-6 erschienen. Das 140-seitige Buch ist bei der Buchhandlung Sutmöller, bei Tabakwaren Kretschmann, dem Verbrauchermarkt Breeck und bei der Bäckerei Prinz erhältlich.


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