Eine traditionsreiche Speise Beim Gesmolder Pickert irrt Wikipedia

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Gesmold. Die Internetseite Wikipedia weist auf ihrer Seite über Melle eine besondere kulinarische Spezialität aus: den Gesmolder Pickert. Allerdings hat sich im Text ein Fehler eingeschlichen.

Das fiel unserem Mitarbeiter aus Westfalen auf, der sich dann auf die Suche nach dem Gesmolder Pickert machte. Wer weiß wohl besser Bescheid in Sachen Pickert als der Heimatverein Gesmold? Wikipedia spricht von zwei verschiedenen Arten des Pickert: dem Kastenpickert und dem Lappenpickert. „Der echte Gesmolder Pickert ist immer ein Kastenpickert“, lässt Maria Brunsmann, erste Vorsitzende des Heimatvereins, wissen. „Der Teig wird vorbereitet und in einer langen Kastenform im Ofen gegart. Nach der Zubereitung im Ofen werden Scheiben des Pickerts in der Pfanne angebraten.“

Genau hier liegt Wikipedia falsch, in Gesmold ist nur der Kastenpickert heimisch, nicht der Lappenpickert, wie angegeben. Der Pickert war früher ein Fasten- und Arme-Leute-Essen, ohne Fleisch, hergestellt aus dem, was man auf dem Land genug hatte: Kartoffeln, Eier und etwas Mehl. Traditionell verzehrt wird das gehaltvolle Gericht bei der Pickertvisite.

Im Heimathaus Gesmold gesellt sich zur Vorsitzenden eine weitere Dame, da geraten die beiden Frauen ins Erzählen: „Zur Pickertvisite kamen die Hausfrauen zusammen, der Pickert wurde bestrichen mit Butter, Marmelade oder Rübensirup zum Kaffeekränzchen gegessen. Anschließend wurde gestrickt.“

Die Erinnerungen reichen zurück bis in die eigene Kindheit, zu den eigenen Großeltern, von denen man auch das Rezept übernommen hat. Als der Sohn von Frau Brunsmann einmal das Rezept wissen wollte, war das gar nicht so einfach, denn die eigene Großmutter hat früher gesagt: „Man muss den Teig hören, wenn er vom Löffel fällt.“ Eine Anleitung, wie viel Gramm von welcher Zutat benötigt wird, gibt es nicht, es handelt sich um ein Familienrezept, es wird mehr aus Gefühl gekocht.

Die Tradition des Pickerts lebt in Gesmold heute noch, auf dem größten Volksfest im Grönegau, denn auf der Gesmolder Kirmes wird Pickert verkauft. Die Pfadfinder Sankt Georg bekommen von Gesmolder Hausfrauen den Pickert gespendet, der dann für den guten Zweck verkauft wird. Dort erfreut er sich großer Beliebtheit, sowohl bei den älteren Leuten als auch bei den Jungen, die den Pickert hier kennenlernen.

Was wäre eine Recherche, ohne den Pickert probiert zu haben? Eine Gesmolder Hausfrau lädt unseren Reporter spontan zum Pickertessen ein: „Ich habe noch einige Kartoffeln, kommen Sie doch morgen vorbei!“ Direkt beim Öffnen der Haustür fällt ein liebevoll vorbereiteter Tisch auf, mit Pickert, Aufstrich und Kaffee, eben allem, was dazugehört. An Gastfreundschaft kaum zu übertreffen, gibt es einiges über den Pickert zu erfahren. Zum Beispiel welche Zutaten möglich sind, dass man die dicksten frischen Kartoffeln für den Pickert verwendet oder alte Kartoffeln, um diese aufzubrauchen.

Unser Mitarbeiter aus Soest in Westfalen probiert hier zum ersten Mal Gesmolder Pickert und ist überrascht: „So locker hätte ich mir das Gericht nicht vorgestellt, eher wie ein Kuchen“, ist sein erster Eindruck, beim zweiten Eindruck überzeugt der Geschmack.

Wer jetzt Lust auf Pickert bekommen hat, wird in Gesmold und Umgebung fündig, einige Gaststätten bereiten die Spezialität zu. Der Pickert ist ein geselliges Essen, oft kehren in den Wirtschaften Vereine oder andere Gesellschaften ein, um zusammen beim Kaffee den Pickert zu essen. Die Nachfrage ist zwar nicht so groß wie beim Grünkohl, sei aber stets vorhanden, heißt es in einer Gasstätte.

Für den Pickert existieren übrigens allerlei Rezepte und Tipps zur Zubereitung, jeder hat sein spezielles Rezept, man wird sich nie auf ein Rezept einigen können. Die Angaben variieren bei den Eiern zwischen vier und zehn Eiern, der Zugabe von Mehl oder Haferflocken und eigentlich allen Zutaten.

Aber alle befragten Gesmolder waren sich indes darüber einig, dass die Tradition nicht verloren gehen darf.


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