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Meller lebt seit zwei Jahren in Japan Frederik Zohm berichtet aus Tokio: „Man fühlte sich wie auf einem Trampolin“

Die Familie ist bereits ausgeflogen, Frederik Zohm harrt noch in Tokio aus –aus Verantwortungsgefühl seinen Mitarbeitern gegenüber. Foto: privatDie Familie ist bereits ausgeflogen, Frederik Zohm harrt noch in Tokio aus –aus Verantwortungsgefühl seinen Mitarbeitern gegenüber. Foto: privat

Buer. Seit knapp zwei Jahren arbeitet der gebürtige Meller Frederik Zohm als Leiter des Einkaufs für einen großen Autobauer in Tokio, wo er mit Frau und vier kleinen Kindern lebt. Am Telefon berichtet er, wie er den Tag des Erdbebens erlebt hat. Das Gespräch wurde am Dienstagabend geführt.

„Herr Zohm, wie ist Ihre Situation in Tokio?“

„Nun, es ist schon so, dass die Live-Ticker einen nervös werden lassen und die japanische Regierung nur mäßig aussagekräftige Informationen herausgibt. Der Krisenstab der Deutschen Botschaft in Tokio hat entschieden, dass keine aktuelle Bedrohung durch Radioaktivität vorliegt. Wer beruflich abkömmlich ist, kann ausfliegen. Für die, die verantwortungsvolle Aufgaben innehaben, wird keine Empfehlung für eine Ausreise ausgesprochen.“

Zohm berichtet, dass er eine extrem hohe Verantwortung für seine Mitarbeiter empfinde und so lange bleibe, bis die Vorgesetzten andere Anweisungen geben. Es sei schwer zu beurteilen, wie dramatisch die Situation der AKWs ist und inwieweit deren Betreiber die Wahrheit wirklich öffentlich machen.

„Ich bin froh, dass meine Familie mit dem vor eineinhalb Wochen Neugeborenen nach Deutschland ausfliegen konnte. Sie sind inzwischen gut angekommen.“

„Reagieren die Japaner tatsächlich so gelassen, wie die Fernsehbilder es zeigen?“

„Als das Erdbeben am Freitag begann, schauten sich unsere japanischen Mitarbeiter an, rannten dann ins Freie hinaus auf einen firmeneigenen Sportplatz. Man schaute nach rechts und links, ob einem etwas auf den Kopf fallen kann, und fühlte sich wie auf einem Trampolin. Die größte Angst hatte ich nicht um mein Leben, denn es war nicht davon auszugehen, dass sich ein Loch auftut und man darin versinkt, sondern um meine Frau, die mit unserem ein paar Tage vorher geborenen Kind noch im Krankenhaus war. Die drei anderen befanden sich in der Obhut meiner Schwiegermutter, die allerdings auch keine Erfahrung mit Erdbeben hat. Die Kindergartenkinder allerdings sind mit Katastrophenübungen so vertraut, dass meine Tochter beim Beginn des Bebens gleich unter den Tisch kroch, wie sie es gelernt hat.“

Dass die Japaner zunächst sehr gefasst mit der Situation umgegangen sind, zeigt die Reaktion seiner Sekretärin. Da der U-Bahn-Verkehr eingestellt wurde, nahm Zohm sie im Auto mit und bot ihr an, damit weiterzufahren. Mit Blick auf die langen Staus allerdings lehnte die Sekretärin ab und machte sich zu Fuß auf nach Hause. Sie war von 17 bis 1 Uhr früh unterwegs.

„Die Japaner nehmen ihr Schicksal an und teilen ihr Leid nicht gerne mit anderen, um diesen nicht mit ihren Sorgen zur Last zu fallen. Der eigentliche Schicksalsschlag allerdings ist auch nicht das Erdbeben, obwohl es das längste und stärkste war, sondern die unglaubliche Flutwelle.“

Zohm betont, dass das japanische Fernsehen eine völlig andere Berichterstattung ausstrahlt, als man das in Europa gewohnt ist.

„In und um Tokio leben 34 Millionen Menschen, die nicht evakuiert werden können. Die Medien versuchen daher, beruhigend auf die Menschen einzuwirken.“

Obwohl die Radioaktivität eine Bedrohung darstellt, die man weder sehen noch riechen kann, fühlt Zohm keine konkrete Angst um sein Leben. Allerdings ist er in Sorge um seine Familie, die ihn vermisst und die er vermisst. Andererseits erfährt er große Anteilnahme von Freunden und erhält zahlreiche Hilfsangebote. Vor allem aber sieht er sich in der Verantwortung seinen Mitarbeitern gegenüber.

„Unsere Firma kann es sich nicht leisten, ihre Mitarbeiter konkreten Gefahren auszusetzen, daher vertraue ich auf ihre Verantwortung.“

„Verändert sich mit den Geschehnissen in Japan Ihre Einstellung zur Atomenergie?“

„Natürlich denkt man in diesem Fall wieder neu über die Atomkraftwerke nach. In Japan übrigens wächst das Unverständnis darüber, dass in Deutschland diese Diskussion wieder entfacht ist. Gerade die Japaner sind überzeugt davon, dass Deutschland die sichersten Atomkraftwerke hat. Hier würde niemand auf die Idee kommen, Menschenketten zu bilden und gegen die Atomkraftwerke zu demonstrieren.“


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