zuletzt aktualisiert vor

„Zerstörer der Oper“ Voller Leidenschaft: Eberhard Straub las in Gesmold aus seinem Buch über Wagner und Verdi

Von


Gesmold. Die Kaffeemaschine war zu laut. Darum konnten die Zuhörer den Autor Eberhard Straub im hinteren Teil der Orangerie von Schloss Gesmold nicht hören. Flugs spielte die Pianistin Conny Rutsch noch ein Stück, und dann erzählte Straub aus seinem Buch „Wagner und Verdi“. Und es wäre schade gewesen, wenn jemand nicht alles mitbekommen hätte.

Ja, er erzählte. Obwohl das Publikum im Rahmen des Meller Sommers zu einer Lesung in das Bio Café gekommen waren, nahm der habilitierte Historiker nicht einmal sein Buch in die Hand. Er saß stilvoll vor einer Bücherwand und fasste sein Werk zusammen, ohne Manuskript.

Und nicht ein Zuschauer langweilte sich, da Straub die Leidenschaft für das Thema anzumerken war: „Beide Komponisten sind ein Lebensthema für mich.“ Er habe jetzt nochmals zwei, drei Jahre die neuen Forschungsergebnisse gesichtet und dann ein Jahr geschrieben. „Das Schreiben ist ja Handwerk. Das geht dann recht schnell.“

Die beiden Musiker werden meistens in ihren Unterschieden verglichen, Straub beschäftigt sich hingegen mit den Gemeinsamkeiten. 1864 wurden Verdi und Wagner in einer französischen Musikzeitung als Zerstörer der alten Oper bezeichnet, die nichts von Musik verstehen und grausamen Lärm machen. Und die französische Presse war in solchen Dingen damals meinungsbildend für ganz Europa.

Beide Musiker hatten ein humanistisches Gymnasium besucht, Verdi kannte die deutschen Klassiker und Wagner die italienischen. Das zeige sich auch in Wagners Opern, in denen immer wieder italienische Motive auftauchten, hob Straub hervor. Einig waren sich die beiden führenden Musikdramatiker des 19. Jahrhunderts zum Beispiel auch in ihrer Kritik am Theater. Verdi verdiente bereits mit seiner ersten Oper „Nabucco“ so viel Geld, dass er es sich leisten konnte, auf der von ihm vorgegebenen Aufführungspraxis zu bestehen. Wagners Weg führte nach Bayreuth und den allseits bekannten Festspielen. Die allgegenwärtige Frage, ob Verdi und Wagner Nationalisten gewesen seien, beantwortete Straub mit dem Hinweis, dass beide sehr viel Zeit ihres Lebens im Ausland, in Wien, Paris, London und Wagner auch in italienischen Städten verbracht hätten. Die „Meistersänger“, die häufig als nationale Oper bezeichnet würde, sei doch eigentlich eine italienische Komödie.

Die Meller Pianistin Conny Rutsch begleitete die Buchvorstellung musikalisch. Zu Beginn lud sie die Zuhörer mit dem „Einzug der Gäste“ aus Tannhäuser ein. Insgesamt hatte sie Stücke ausgewählt, die hervorragend in die Atmosphäre der Orangerie und der Lesung passten. Sie spielte bekannte Werke der beiden Komponisten, wie den Gefangenenchor aus „Nabucco“ oder den Brautchor aus „Lohengrin“, aber auch eher unbekannte Klavierstücke von Wagner, die die Besucher neu entdecken konnten. „Ein Albumblatt“ hatte Wagner für die Fürstin Metternich geschrieben, und „Ankunft bei den schwarzen Schwänen“ kam ihm in den Sinn, als er in Paris vor den Tuilerien schwarze Schwäne schwimmen sah.

Leider ging das perfekte Klavierspiel von Conny Rutsch im Lärm etwas unter. Denn während sie spielte, wurden Bestellungen aufgenommen und die Zuhörer hörten nicht, sondern unterhielten sich. Das lässt sich in einem Café aber wohl nicht vermeiden.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN