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Judenfriedhof: Gräber für die Ewigkeit

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Außerhalb von Buer am Sunderbrook liegt - sorgfältig ausgewählt - der Jüdische Friedhof für Buer und Rabber (Melle und Wittlage) an einem leichten Südosthang - mit schönem freien Blick auf Buer. Der Baumbestand ist schon älter; manche der Bäume neigen sich schräg über die Gräber. Der Friedhof ist etwa 40 mal 20 Meter groß und von einer hohen gepflegten Hecke umgeben. Er liegt im freien Feld und ist von weitem gut zu erkennen.

Der Friedhof wurde im Jahr 1819 von der jüdischen Gemeinde gekauft und wohl 1821 zuerst mit einem Grab belegt. Hier ist ein Zusammenhang mit der Neuanlage des Alten Friedhofes in Buer 1818 zu sehen, denn hier wurden die Gräber nur für eine gewisse Ruhezeit vergeben und nicht für immer. Wenn man Erbbegräbnisplätze genommen hätte, dann hätten das sehr viele sein müssen, was die Gemeinde aber nicht bezahlen konnte. So lag die Schaffung eines Jüdischen Friedhofes nahe. Auf jüdischen Friedhöfen werden die Gräber nicht wieder neu belegt, sie bleiben "auf ewig" dem Verstorbenen vorbehalten.

Die Grabsteine und damit auch die Gräber sind nach Südosten ausgerichtet, so dass die Toten zur Hauptstadt des Judentums, zur Stadt mit dem einstigen Tempel, nach Jerusalem, schauen können und von dort den Messias oder die Auferstehung erwarten. Auf dem Jüdischen Friedhof in Buer ist die Richtung genau über den Bueraner Kirchturm hinweg.

Hebräisch und deutsch

Auf dem Friedhof sind etwa 45 bis 50 Grabsteine erhalten geblieben. Die Inschriften zeigen teils auf Hebräisch, teils auf Deutsch, wer hier begraben liegt und wann der Verstorbene geboren und gestorben ist. Bei einigen Grabsteinen steht auch der Wohnort dabei, zum Beispiel Buer oder Rabber. Manche Grabsteine haben auf der einen Seite eine hebräische Inschrift, auf der anderen Seite eine deutsche.

Auf den Grabsteinen mit deutscher Inschrift findet man Sterbe-Daten: 1858, 1861, 1885, 1886, 1889, 1890, 1898, 1900, 1906, 1909, 1910, 1921, 1928, 1929, 1930, 1935, Gedenkstein 1942 in Shanghai und auf einem neueren Grabstein 1981. Arthur Lieblich wurde 1930 auf dem jüdischen Friedhof in Buer beerdigt. Diese Trauerfeier war die letzte religiöse Handlung in der Synagoge.

1930 war die jüdische Gemeinde in Buer so klein geworden, weil sich Gemeindeangehörige in die größeren Städte zurückgezogen hatten, dass sie sich entschloss, die Synagoge in Buer aufzugeben und in ein Wohnhaus umzuwandeln. Eine jüdische Familie Weinberg aus Tittingdorf, die nur eine bescheidene Wohnung hatte, konnte dann 1931 dort einziehen: Die alten Eltern, drei erwachsene Kinder, von denen zwei in den Folgejahren heirateten und jeweils ein Kind bekamen, wohnten auch dort. Bis auf die alte Mutter Weinberg, die 1942 starb, wurden die anderen Familienmitglieder aus Buer deportiert und kamen durch den Holocaust um.

Grabsteine entehrt

Auch in Buer wurden während der NS-Zeit viele jüdische Grabsteine entehrt und zum Pflastern von Hofraum benutzt. Dabei sind viele ältere Steine verloren gegangen. Die nach dem Kriege noch erhaltenen Steine hat man zum Friedhof zurückgebracht und - nach Auskünften von Julius Lieblich - auf dem Gräberfeld wieder aufgereiht.

Julius Lieblich, der nach dem Kriege in Melle und Buer als Viehhändler tätig war und vielen noch in guter Erinnerung ist, starb 1981 und wurde hier als bis jetzt Letzter bestattet; daran erinnert einer der Grabsteine.

Auf den jüdischen Friedhöfen ist es nicht üblich, einen Blumenschmuck oder andere Pflanzen anzulegen und zu pflegen. So ragt der Grabstein allein in die Höhe, während sich auf dem Boden Efeu oder Gras breit machen darf. Beim Besuch eines Grabes legen die Juden - und jetzt auch wohl Schulklassen und christliche Besucher - einen kleinen Stein auf das Grabmal zum Zeichen des Gedenkens.

Die jüdischen Grabmale zeigen meistens kein Symbol, so auch hier in Buer. Aber auf dem Grabmal des Abram Weinberg aus Rabber, der 1875 im Alter von 76 Jahren starb, ist ein Anker abgebildet, was sicherlich symbolisch zu deuten ist. Bei Nachforschungen ergab sich, dass dieses für jüdische Gräber seltene Symbol auch auf dem Jüdischen Friedhof in Wangen zu sehen ist.

Außerdem zeigt die große Menora (siebenarmiger Leuchter) vor der Knesseth (Parlamentsgebäude) in Jerusalem eine Person aus der jüdischen Geschichte, die einen Anker auswirft: Zeichen der Hoffnung und des Ankommens im Hl. Land und einstens bei Gott. Beim jüdischen Pessachfest, das acht Tage dauert, wünschen sich die Juden in aller Welt am Schluss des ersten Abends, des Seder-Abends, den Hoffnungswunsch: "Nächstes Jahr in Jerusalem!" Der Anker mag auch dafür stehen, dass das Schiff den Betreffenden zum Heiligen Land bringt.

Außerdem sind auf einigen Grabmalen auf diesem Friedhof Rosen zu sehen, auf anderen Herzen mit Flammen oder Knospen in der oberen Mitte der Herzen. Ein oben runder Grabstein von 1910 ist mit einem Blüten-Kranz umgeben, was an den Jugendstil erinnert. Einige Grabsteinsäulen drücken die klassizistische Zeit aus mit Säulen, Giebeln, Friesen und Kugeln.

Der Gedenkstein für Rosalie Weinberg, der nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellt wurde, berichtet, dass sie, die 1873 geboren wurde, am 9.11.1942 in Shanghai gestorben sei. Damit ist dokumentiert, dass sie wie weitere 20000 deutsche Juden ab 1938 aus Deutschland floh und ins ferne China reiste, denn nur in Shanghai konnten sie ohne Visum und Pass einreisen. Aber selbst dort war die Judenverfolgung durch die Naziregierung aktiv und wollte mit den Japanern zusammen, die inzwischen Shanghai eingenommen hatten, dort Vernichtungslager einrichten. Es kam zur Einweisung der Juden in ein Stadtviertel als Ghetto.

Jüdische Friedhöfe sind für die Ewigkeit angelegt. Es gibt keine Ruhezeit oder Verfallszeit für die Gräber. So werden die Gräber auch nicht nacheinander neu belegt. Der Jüdische Friedhof in Buer ist also kein Museumsstück, sondern ein aktiver Friedhof.

Hier könnte auch ein Schild am Eingangstor hängen, wie es in Wangen beim jüdischen Friedhof ist: "Männliche Besucher tragen beim Betreten des Friedhofes eine Kopfbedeckung. Am Sabbat (Samstag) und an jüdischen Feiertagen ist der Friedhof nicht zu betreten."

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Friedhof nicht passierbar, es war alles zugewachsen. Er ist dann zuerst einmal vom Wildwuchs befreit worden. Ein Rinnsal musste verrohrt werden, damit das Wasser nicht durch den Friedhof läuft. Ein neues Eingangstor aus verzinktem Eisen wurde vom Land Niedersachsen bezahlt.

Die Zuwegung zum Jüdischen Friedhof in Buer ist asphaltiert. Eine Ruhebank außerhalb des Friedhofes ist aufgestellt und gewährt einen beeindruckenden Blick auf Buer.

Schülerdokumentation

Der Jüdische Friedhof in Buer gehört jetzt zur jüdischen Gemeinde in Osnabrück. Die Erich-Maria-Remarque-Schule in Osnabrück will sich 2006 an der Ausschreibung "denkmal - aktiv" beteiligen mit einer Dokumentation über den jüdischen Friedhof in Buer.

Der Landesverband der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen hat im Jahr 2005 eine Zusammenstellung der jüdischen Friedhöfe veröffentlich; fünf der über tausend Seiten beschäftigen sich mit dem jüdischen Friedhof Melle-Buer.

Im "Meller Jahrbuch Nr. 2, 1984, Der Grönegau" findet man einen Artikel zu diesem Friedhof mit dem Titel "Der 'Gute Ort' in Buer". Unter "Google" im Internet findet man bei den Stichworten "Shanghai und Juden" die Beschreibung des Schicksals der Juden dort.


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