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Weites Land mit dunkler Geschichte Reisegruppe aus Lotte in Namibia unterwegs

Von Ursula Holtgrewe | 13.09.2011, 15:41 Uhr

Deutsche Geschichte, afrikanische Fröhlichkeit, unzählige Eindrücke in unberührter Natur und Einblicke ins Leben der Namibier – die Reisegruppe aus dem evangelischen Kirchenkreis Tecklenburg war auch außerhalb touristischer Pfade in Namibia unterwegs. Sie ließ sich bei der rund 4000 Kilometer langen Bustour von dem Land begeistern, in dem deutsche Kolonialherren eine mörderische Visitenkarte hinterließen.

Interesse für Namibia, mit dem der evangelische Kirchenkreis Tecklenburg eine langjährige Partnerschaft zum Kirchenkreis Otjiwarongo pflegt, nahm die Partnerschaftsausschussvorsitzende Annette Salomo immer wieder wahr. Also organisierte die Alt-Lotterin gemeinsam mit Pastorin Kerstin Hemker eine Reise mit individuellem Charakter. 22 Personen, darunter sieben aus Lotte, begannen in Namibias Hauptstadt Windhuk ihre Busrundreise.

Der Herero-Aufstand

In der Nähe der Stadt Otjiwarongo erklommen sie das Waterberg-Plateau. „Von da aus hat man einen weiten Blick in die Omaheke-Wüste“, erklärt Annette Salomo. In diesem unwirtlichen Ort tobte vor 107 Jahren – Namibia hieß noch Deutsch-Südwestafrika – der Herero-Krieg. Die Hereros begannen einen Aufstand, weil sie wegen der Besetzung um ihre Existenz fürchteten. „Die Deutschen haben die Hereros in die Omaheke-Wüste getrieben und dort Wasserstellen vergiftet“, erklärt Annette Salomo. Das sei der erste Genozid des 20. Jahrhunderts gewesen und habe zwischen 75000 und 95000 Menschen das Leben gekostet.

„Die Hereros fordern noch immer Reparationszahlungen. Deutschland zahlt indes kein Geld, sondern unterstützt Bildungsmaßnahmen“, berichtet die Alt-Lotterin. Der Ausschuss müsse sich wiederholt mit der Geschichte auseinandersetzen, weil die Hereros zur Partnerkirche gehörten. Das Thema Geschichte begegnete den Deutschen auch beim Besuch einer Schule in Khorixas, wo eine Mehrzweckhalle eröffnet wurde. „Die Elftklässler machten einen Test übers Dritte Reich und haben uns gebeten, ihre Fragen zu beantworten“, erinnert sich Annette Salomo. Dort wurden die Gäste eingeladen, sich in der Lokation umzusehen und in die Wohnungen zu schauen. Auch der Besuch eines Altenheims für Deutsche gehörte zum Programm.

In der Lokation hat eine erwachsene Waise zwölf junge Waisen – häufig fehlt die Elterngeneration, weil sie an Aids gestorben ist – aufgenommen und lebt mit ihnen als Großfamilie. „Es hat mich sehr berührt, in die Schicksale der Menschen dort so intensiv blicken zu können“, sagt die Mitorganisatorin. Zu Aids erklärt sie: „Die Rate ist immer noch hoch, aber die Infektionen nehmen langsam ab.“

Verblüffendes gab es auch: Neben einer Tankstelle im Ort Solitaire gab es Apfelkuchen vom Blech – wie zu Hause.

Und immer wieder erhielten die Namibia-Touristen tief gehende natürliche Eindrücke, wenn sie in endlos weiten unbesiedelten Landschaften ausstiegen. Spirituelle Erfahrungen machten sie im Urstromtal des Ugab bei der Fingerklippe, dem „Mukurob“ (Finger Gottes). Die Andacht an dessen Fuß gehörte zu den vielen Reise-Highlights. „Man ist der Schöpfung dort viel näher als hier, weil die Natur unberührt ist“, sagt Annette Salomo.

Beeindruckend waren überdies die Wanderung durch unwegsames Gelände am Brandbergmassiv zu den zwischen 2000 und 6000 Jahre alten Felsenmalereien „White Lady“, der Besuch der deutschen Stadt Swakopmund, die Sussusvlei-Oase, deren See aufgrund der immensen Niederschläge im Frühjahr viel Wasser zeigte, und Beobachtungen wilder Tiere im Etoscha-Nationalpark – nicht zu vergessen die Treffen mit Bischof Kameta und mit dem deutschen Botschafter Egon Kochanke, der die Gäste in sein Wohnzimmer einlud.

Die Rückreise kam für manche noch zu früh. Wahrscheinlich ist: Sind die Eindrücke erst einmal verarbeitet, wächst die Neugier auf Namibia erneut.