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Vergangenheit trifft Zukunft? Dampflok schnauft von Mettingen bis nach Osnabrück

Von Ulrike Havermeyer | 01.12.2015, 13:48 Uhr

Passend zur Adventszeit ist der historische Nikolaus-Express der Eisenbahn-Tradition Lengerich wieder über die Gleise der Tecklenburger Nordbahn von Mettingen gen Osnabrück gefahren. Wir haben Heizer Stephan Jeggle zwar nicht beim Kohlen schaufeln geholfen, uns aber - zumindest in der Theorie - von ihm erklären lassen, wie eine Dampflok funktioniert.

Schippe um Schippe schwarz glänzender Kohlebrocken schaufelt Stephan Jeggle in die Feuerbüchse der „78468“. Sein Kollege Felix Reckert schiebt den Reglerhandhebel zur Seite: Schnaufend beschleunigt die Tenderlok ihre Fahrt und bahnt sich den Weg über die Dörfer in Richtung Hasestadt. Jeggle blickt auf das Manometer, liest den Druck ab und greift neuerlich zur Schippe: Feuerklappe auf - Kohlen rein. Ich kneife die Augen zusammen und überprüfe noch einmal ganz genau die Silhouette des Heizers und seines Lokführers: Nein, keine Fäden zu erkennen. Ich bin definitiv nicht in die Kulisse der Augsburger Puppenkiste geraten - und die beiden fröhlich dreinblickenden Männer in Schwarz sind mitnichten die Marionettenfiguren Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, sondern zwei Mitglieder der „Eisenbahn-Tradition Lengerich“ aus Fleisch und Blut. Von Mettingen aus steuern sie den Nikolaus-Express nach Osnabrück - und wieder zurück. Insgesamt dreimal pendelt die Dampflok mit ihren neun historischen Personenwagen an diesem verregneten Tag auf der Strecke der Tecklenburger Nordbahn. 

Vom Sonderzug zur täglichen Verbindung?

Schnell und bequem, in klimatisierten Wagen und am liebsten im 30-Minuten-Takt mit der Bahn von Recke über Mettingen, Westerkappeln und Lotte nach Osnabrück und zurück fahren: Ginge es nach der neu gegründeten Bürgerinitiative zur Reaktivierung der Tecklenburger Nordbahn , würde ein solches Angebot in wenigen Jahren realer Alltag sein. Inklusive gut ausgebauter Haltepunkte in den Anliegergemeinden und einer funktionierenden Schiene-Bus-Anbindung. Ganz so komfortabel, wie sich die Eisenbahn-Enthusiasten die Verbindung der Zukunft wünschen, ist der Nikolaus-Express zwar nicht - aber wer sich mit einer Holzklasse-Ausstattung und dem beißenden Geruch von verbrannter Kohle in der Nase anfreunden kann, bekommt zumindest einen Eindruck, wie sich der Weg über die Gleise ins Oberzentrum - selbst mit einem Vehikel Baujahr 1923 - schon jetzt gestaltet: durchaus zügig und vor allem - stressfrei. Für Autofahrer wie mich eine ganz neue Perspektive - nicht nur, was den Blick aus dem Drehfenster in der Führerhausvorderwand betrifft.

Drei Tonnen Kohle auf der Schippe

Während Stephan Jeggle mal wieder beherzt zur Schippe greift, um das rund 2000 Grad Celsius heiße Feuer am Lodern, dadurch das Wasser am Verdampfen und folglich den Kesseldruck entsprechend hoch zu halten, hat Lokführer Felix Reckert neben dem Streckenverlauf auch den Wasserstandsanzeiger fest im Blick. Sobald die Flüssigkeitsmenge im Kessel unter ein bestimmtes Maß abgesunken ist, drückt der Münsteraner mithilfe der Dampfstrahlpumpe Wasser aus der „Wasserkiste“ in den Kessel nach. Rund zwölf Kubikmeter davon fasst die „78468“. Dreimal - immer, wenn die Lok in Mettingen einen Stopp einlegt - werden heute die Vorräte aufgefüllt. Von den etwa fünf Tonnen Kohle, die das Dampfross geladen hat, werde er an diesem Tag wohl um die drei Tonnen in dessen gierigen Schlund schaufeln, schätzt Heizer Stephan Jeggle: „Abhängig von der Geschwindigkeit des Zugs und der Topografie der Strecke.“

Zu Gast bei Jim Knopf und Lukas

Was für die Fahrgäste ein nostalgisches Reiseerlebnis ist, bedeutet also - zumindest für den Heizer - echte Knochenarbeit. „Da ich genau wie Felix eine Lokführerausbildung habe“, wirft Stephan Jeggle ein, „könnte auch ich die Lok steuern - und Felix könnte das Heizen übernehmen.“ Pause. „Aber dazu hat er keine Lust.“ Für einen kurzen Moment verwandelt das breite Grinsen, das die beiden Männer einander zuwerfen, sie wieder in Jim und Lukas. Knochenarbeit? Ja, sicher. Aber eben auch eine Menge Spaß und Faszination. Wie sie da an den Reglern und Ventilen schrauben, hier einen Schalter umlegen und da einen Hebel verstellen, erinnern die beiden an zwei verzauberte Jungs, die beim gemeinsamen Spielen mit ihrer Modelleisenbahn plötzlich auf „H0“-Größe geschrumpft und in einem Paralleluniversum gelandet sind.

Die Zukunft der Tecklenburger Nordbahn

Aber: Hier ist eben alles echt. „Die Strecke ist gut zu fahren“, urteilt Felix Reckert und entlockt der Lok zwei schrille Pfiffe. Die Sicherung der Bahnübergänge erfolgt über einen Induktionsstrom in der Regel automatisch, nur an einer Stelle muss er den Zug anhalten, damit Stephan Jeggle aussteigen und den Übergang per Hand sichern kann. „Beim Bremsen muss ich allerdings aufpassen“, erläutert der Lokführer weiter, „denn weil die Gleise wenig befahren werden, besteht immer die Gefahr, dass sie an einigen Stellen glitschig sind.“

Das könnte sich in absehbarer Zeit ändern. Während die Mitglieder der Bürgerinitiative zur Reaktivierung der Tecklenburger Nordbahn davon überzeugt sind, dass eine enge Bahnanbindung an die Hasestadt die Attraktivität ihrer Gemeinden steigere, zeigen sich die Skeptiker allerdings besorgt, dass dadurch lediglich mehr Kaufkraft nach Osnabrück abwandere. Was sagen die Eisenbahn-Traditionalisten dazu? „Wir bieten unsere Nikolaus-Fahrt immer parallel zum Weihnachtsmarkt in Mettingen an“, verrät Felix Reckert, „weil wir festgestellt haben, dass viele Osnabrücker das Angebot auch in diese Richtung nutzen.“