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Schriftliche Aussage angekündigt Osnabrück: Angeklagter Litauer will sein Schweigen brechen

Von Dietmar Kröger | 21.07.2014, 20:22 Uhr

Bricht der 45-jährige wegen Totschlags angeklagten Litauer bald sein Schweigen? Der Anwalt des Angeklagten kündigte die schriftliche Einlassung des Angeklagten an. Der schriftlichen Aussage soll am kommenden Montag wahrscheinlich auch eine mündliche Einlassung vor der Schwurgerichtskammer folgen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, einen Landsmann in der gemeinsamen Unterkunft getötet und den Leichnam dann in Pye in der Straße Am Weingarten abgelegt zu haben. Bislang hat der Angeklagte geschwiegen.

Der forensische Psychiater, der die Schuldfähigkeit des Angeklagten bewerten sollte, musste sich am Montag auf die im Prozessverlauf gemachten Zeugenaussagen und vorliegende Indizien beziehen, um dem Gericht seine Einschätzung der Schuldfähigkeit geben zu können. Etwas handfester könnte das Gutachten werden, wenn dem Experten Mitte der Woche die schriftliche Einlassung des Angeklagten vorliegt, die sein Rechtsanwalt jetzt ankündigte. Der schriftlichen Aussage soll am kommenden Montag wahrscheinlich auch eine mündliche Einlassung vor der Schwurgerichtskammer folgen.

Bis dahin muss das Gericht mit den Erkenntnissen arbeiten, die der Gutachter aus dem bisherigen Verfahrensverlauf gewonnen hat. Denn der Angeklagte hatte die Zusammenarbeit mit dem Mediziner bislang abgelehnt, und auch sein Verteidiger hatte darum gebeten, den Mann nicht zu untersuchen. „Ich habe also nur wenige Informationen bis auf jene zur Biografie des Angeklagten“, so der Facharzt vor Gericht.

Eine wichtige Rolle bei der Zumessung der Schuldfähigkeit spielt der Alkoholisierungsgrad des Angeklagten . Zeugen hatten dem Angeklagten zwar durchaus einen gewissen Alkoholkonsum attestiert, keiner von ihnen hatte den Litauer aber jemals „volltrunken“ erlebt.

Aus der Summe der Aussagen filterte der Gutachter zwar einen möglichen Alkoholmissbrauch des Angeklagten heraus, differenzialdiagnostisch sei eine Alkoholabhängigkeit in Erwägung zu ziehen. Allerdings habe der Angeklagte keine Angaben zu seinem Alkoholkonsum gemacht. Gleichwohl könne Alkohol bei der Tat eine Rolle gespielt haben.

Das Verhalten sowohl vor, während als auch nach der Tat liefere „keine positiven Anhaltspunkte für eine forensisch relevante Alkoholintoxikation“. Bei dieser Einschätzung stützte sich der Mediziner vorrangig auf die Fakten aus den kriminaltechnischen Untersuchungen und den Bericht des Rechtsmediziners, ohne einen direkten Bezug zum Angeklagten herzustellen oder herstellen zu können.

Danach lassen sowohl der Tatablauf selber als vor allem auch das Nachtatverhalten des Täters darauf schließen, dass dessen Handlungsfähigkeit durchaus gegeben war. So lässt laut Gutachter vor allem das Reinigen des potenziellen Tatortes in der gemeinsamen Unterkunft von Angeklagtem und Täter in der Carl-Stolcke-Straße wie auch das Verstecken der Leiche an der Straße Am Weingarten auf gezielte Handlungsabläufe schließen. „Der Täter hat aus meiner Sicht alles Mögliche unternommen, um alle Spuren zu beseitigen“, so der Gutachter. Er habe keine positiven Anhaltspunkte finden können, die die Steuerungsfähigkeit des Täters erheblich beeinträchtigt hätten. Eine intellektuelle Störung oder eine tief gehende Bewusstseinsstörung bei dem für die Tat Verantwortlichen schloss der Gutachter ebenfalls aus.

Dass der Angeklagte die Tat bedingt durch einen Vollrausch im Schlaf nicht mitbekommen haben könnte, wie der Verteidiger einwandte, hielt der Gutachter für eher unwahrscheinlich. Auch bei der Einstufung der Tat als Affekttat ergebe sich für ihn keine andere forensische Bewertung, entgegnete der Gutachter auf einen entsprechenden Einwand des Vorsitzenden Richters. Ob denn das massive Tatverhalten – das Opfer war durch eine Vielzahl von Schlägen getötet worden – und das organisierte Nachtatverhalten – das gründliche Säubern des Tatortes – überhaupt ein und derselben Person zuzurechnen seien, wollte der Anwalt des Angeklagten wissen. „Ja“, lautete darauf die knappe Antwort des Gutachters.