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Lotte Mitten im Sommer kam die Katastrophe

13.07.2009, 22:00 Uhr

In den vergangenen Tagen hat es immer wieder geregnet. Trotzdem ist der Wasserstand in der Düte momentan zwar hoch, doch es gibt zum Glück keine großflächigen Überschwemmungen, die Hab und Gut der Anwohner in Wersen bedrohen. Dass dies noch vor 20 oder 30 Jahren auch im Sommer oft ganz anders war, davon können die älteren Wersener und Halener eine Menge Geschichten erzählen.

„Bis zu sechsmal pro Jahr hatten wir damals Hochwasser in den Wiesen, aber im Jahre 1981 war es ganz schlimm“, erinnern sich Ilse und Heinrich Meyer aus Halen. Sie wohnen an der Achmerstraße, und ihre Grünflächen wurden damals von den sintflutartigen Niederschlägen und ihren Folgen großflächig und kraterförmig zerstört.

Ganz genau festgehalten hat Heinrich Meyer die Katastrophe. „Donnerstag, 12. März 1981: Gegen 21 Uhr Kanaldamm gebrochen, ab 17 Uhr erste Anzeichen. Freitag: Hasedamm bricht. Hasewasser wird über Meyers Wiese in den Kanal gespült. Wienkämper zieht Pappelstämme aus dem Wasser. Wasserstand beruhigt sich etwas. Gegen 16.30 Uhr werden vorsichtshalber einige Lkw-Ladungen Steine an die Haseböschung gekippt, damit die Düteböschung nicht weiter ausspült. Samstag: Neue Regenfälle in der Nacht haben die Düte stark ansteigen lassen. Befürchtungen, dass Hasebrücke hinuntergespült wird. Ab 9 Uhr rollen 18 Lkw mit Steinen und Schotter in die Wiese und schütten einen Damm zur Sicherung der Brücke, um weiteres Ausspülen der Haseböschung zu verhindern. In der langen Wiese wird ein Damm gebaut, um das Hasewasser wieder in das alte Flussbett zu leiten. 20 Lkw liefern Steine.“

29. Juni 1981: Dieser Tag wird Renate und Werner Schwentker immer in Erinnerung bleiben. An diesem denkwürdigen Tag wurde nicht nur Tochter Inga zwei Jahre alt, an diesem Tag stieg auch die Düte über die Ufer und verwandelte die grüne Umgebung in eine riesige Seenplatte und die sonst so friedlich vor sich hin fließende Düte in einen reißenden Wildbach. Baumstämme trieben über den Hof und mussten mithilfe von Hertha und Heinrich Bohle in Sicherheit gebracht werden.

Der Vater von Renate Schwentker sei stets ohne Ängste vor dem Hochwasser seiner Arbeit nachgegangen, während sie selbst immer fasziniert von der Kraft und den Geräuschen des Wassers gewesen sei, aber auch immer eine Art von Machtlosigkeit gespürt habe.

Auch der meterlange Holzschlitten für die Sägearbeiten habe bis zur Hälfte in der Düte gelegen und musste mit den Pferdestärken eines Treckers geborgen werden. „Sogar der Lehmfußboden in der Sägemühle war einfach fortgespült worden“, erinnert sich die Mühlenbesitzerin.

Wilhelm Huntmann, damals Löschzugführer, war dabei, als anschließend der Keller trockengelegt wurde: „Das Wasser stand richtig hoch, und überall schwammen die Einmachgläser durch die Gegend.“ „Noch fünf Zentimeter höher, und das Wasser hätte im Wohnbereich gestanden“, berichtet Werner Schwentker, der zusammen mit seinem Schwiegervater eine Riesenströmung der Düte in Richtung Hase beobachtet hatte.

Bei Eversmeyer mussten zwei Wohnwageninsassen aus dem Überschwemmungsgebiet vor dem drohenden Ertrinken gerettet werden. Das Protokoll der Feuerwehr dokumentiert: „Osnabrücker-, Halener- und Achmerstraße Keller ausgepumpt. Überflutete Straßen abgesperrt. Im Düte- und Hasetal Baugruben ausgepumpt. Keller am Wiesen-, Grenz- und Mecklenburger Weg ausgepumpt.“

Durch anhaltende starke Regenfälle ergab sich ein Rückstau in der Kanalisation. „An der Tüchter-Mühle kam es sogar mal vor, dass dort halb gefüllte Öltanks im Wasser umherschwammen, und Auf der Lage war der Druck so groß, dass Gullydeckel hochgespült wurden“, berichtet Wilhelm Huntmann, während seine Frau Erika noch die Geschichte einer Verwandten einfällt: „Als das Hochwasser einmal so hoch war, dass die Kinder vom Hunterorther Eschweg die Schule nicht trockenen Fußes erreichen konnten, sind sie hier durch die Küche und dann über ein erhöhtes Pättken durch den Garten zur Schule gelangt.“

Zwischen Ahlemeyer und Winkenhöver wurde das frisch gemähte Gras durch die Wiese getrieben und blieb an den Pfosten in der überschwemmten Zufahrt zu „Ölis Hof“ hängen. Die alte Holzbrücke war überflutet, sodass nur noch das Geländer aus dem Wasser herausragte.

Bis zu elf Zentimeter hoch stand das Wasser in der Wohnung von Friedel Wienkenhöver. „Am schlimmsten war, dass wir damals rund 100 Ferkel in den Ställen hatten. Hermann Ahlemeyer hat mir geholfen, ganze Strohballen in die Sauenställe zu werfen. Die Natur hilft sich selbst, habe ich gedacht und gehofft. Und so kam es auch. Als das Wasser zurückging, lagen alle Sauen und Ferkel sicher auf dem rettenden Stroh. Kein Tier war zu Schaden gekommen.“

So schlimm ist es nie wieder geworden. Inzwischen hatte Familie Bohle das Staurecht an die Gemeinde verkauft, denn an der Halener Straße sollte ein neues, vor Hochwasser geschütztes Baugebiet erschlossen werden. Zudem wurde ein Mühlrad samt Radhaus abgebaut, um den Durchfluss der Düte zu vergrößern. „Die sicherste Lösung war der Ausbau eines Abflusses in den Alfsee. Dann konnte nämlich endlich das Hochwasser aus der Düte in die Hase und schließlich ins Regenrückhaltebecken ablaufen, und es gab keinen Rückstau mehr“, sagt Friedel Winkenhöver.

Wenn Renate Schwentker aus dem Wohnzimmerfenster Richtung Düte schaut und sieht, dass das Wasser über die Ufer tritt, dann weiß sie: „Jetzt könnte es mal wieder eng werden.“