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Lotte Ist Schwalbe Tweety zurück?

19.07.2009, 22:00 Uhr

Es klingt wie ein Märchen, aber es ist eine wahre Sommergeschichte, die sich in Wersen abgespielt hat. Sie begann bereits am 11. Juli vergangenen Jahres.

Am Vierfamilienhaus an der Westerkappelner Straße sauste ein Schwalbennest aus acht Meter Höhe in die Tiefe. Klägliches Piepen lockte Karin und Dieter Immig, Inge Lulla und Rolf Fark in den Garten. Eine kleine nackte Schwalbe hatte den Sturz überlebt, aber keine Vogeleltern ließen sich blicken, um ihr Junges zu füttern.

Die Männer holten den völlig erschöpften Nackedei in die Wohnung der Immigs, polsterten einen Schuhkarton mit weichem Papier aus und setzten ihn in die neue Kuschelecke. „Wir haben uns im Zoo erkundigt, wie man so einen kleinen Vogel aufpäppelt“, erzählt Karin Immig. „Lebende Mehlwürmer sollten es sein. Aber der kleine Vogel wollte partout nicht fressen. Also haben wir mit ihm geredet und geredet, und plötzlich nahm er einen Wurm nach dem anderen von der Pinzette.“ Später gaben sie Trockenfutter „Pro Baby“ hinzu, und das kleine Geschöpf gedieh prächtig. Ein Federkleid schützte es bald gegen Kälte.

„Unser Tweety machte nirgends hin, sondern nur in ein bereitgestelltes Körbchen in der Küche. Aber er wollte immer dahin, wo wir waren, ob im Schlafzimmer oder auf den Campingplatz“, berichtet Pflegevater Dieter. Am liebsten sei er seiner Frau in den Ausschnitt gekrabbelt, um von dort neugierig seine Umgebung zu beobachten. Ließ sie ihn nicht, zwickte er so lange an Ohren und Nase, bis er sein warmes Plätzchen einnehmen durfte. In der Hosentasche ihres Enkels habe er sich allerdings auch „schwalbenwohl“ gefühlt.

Dann wurde Tweety unruhiger. „Es wird wohl Zeit, dass er fliegen lernt“, dachten sich die Menschen und lockten ihn mit Mücken und Fliegen. Und Tweety hatte es schnell raus. Aber die Unruhe wurde größer. „Am 1. August haben wir Jan, Alina und Elisa geholt.“ Die Kinder hatten den kleinen Vogel mitbetreut und jeden Entwicklungsschritt genau verfolgt. „Heute lassen wir Tweety fliegen, haben wir ihnen gesagt.“ Mit Tränen in den Augen öffnete Dieter Immig das Fenster: „Die kleine Schwalbe guckte sich noch einmal um, und weg war sie.

Fast genau ein Jahr später bauten Schwalben ein Nest an der Straßenseite des Hauses. Es geschah das gleiche Unglück: Das Nest fiel an einem Regentag acht Meter in die Tiefe. An diesem Tag ärgerte sich Inge Lulla über „so viel Dreck auf dem Balkon“. Als sie aber feststellte, dass es sich um Nestüberreste und Federn handelte, ahnte sie, dass wieder ein Schwalbenunglück passiert war. Sie fand tatsächlich ein Schwalbenjunges und brachte es eine Etage höher zu Karin Immig.

Vom Balkon sei die kleine Schwalbe aber zum Friedhof geflohen. Dort fanden sie den Ausflügler, erschöpft und nass auf dem Boden sitzend. Karin Immig trug das kleine Wesen in ihren schützenden Händen zurück in den Garten: „Das kleine Herzchen klopfte wie verrückt.“ Ihr Mann holte eine alte Basttasche, die er mit Holzwolle und alten Socken füllte. Nachbar Rolf setzte die Reste vom Nest und Karin Immig den Vogel in das neue Zuhause. „Sofort waren die Vogeleltern wieder da, um es zu füttern. Aber es piepte nicht nur in der Tasche, sondern auch hinter einem Blumentopf: Auch ein Geschwisterchen wollte gerettet werden und nahm sein neues Nest gern an.

Rolf Fark besorgte Kaninchendraht und sprühte „Katzenfern“ rund ums Schwalbennest, um die Vögel nachts gegen Katzen und Elstern zu schützen. Sechs Tage lang sei alles friedlich gewesen, dann habe die Kleinere die Ältere so geärgert, dass die Größere davongeflogen sei. Die Vogeleltern seien immer wieder zum Nest gekommen und hätten sich laut zwitschernd mit ihrem Jüngsten unterhalten, es aber nicht mehr gefüttert, beobachteten die Pflegeeltern. Dann habe auch der Nesthocker seine Flügel ausgebreitet und sein provisorisches Zuhause verlassen.

Karin Immig fragt sich, ob nicht ein Elternteil „Tweety“ gewesen sei, denn er kam immer mal zu einen „Zwitscher-Besuch“ auf ihren Balkon.