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Leben im -Provisorium Lotte: Flüchtlinge ziehen ein, sobald die Betten stehen

Von Angelika Hitzke | 20.12.2015, 14:27 Uhr

An der Fertigstellung der neuen Flüchtlingsunterkünfte wird mit Hochdruck gearbeitet. Wie schnell und flexibel die Gemeinde dabei reagieren muss, zeigte das Pressegespräch mit Ortstermin am Donnerstagmorgen mit Bürgermeister Rainer Lammers und Frank Negraßus, einem der beiden hauptamtlichen Flüchtlingsbetreuer.

Der hat dabei fast ständig das Handy am Ohr, muss improvisieren und organisieren: „Heute mittag kommen sieben, morgen drei“, berichtete Negraßus. Statt der erhofften Familien ajles Einzelpersonen – aus Bangladesch, Afghanistan, Syrien und Libanon. Sie ziehen in das ehemalige Gehöft am Strotheweg , wo inzwischen vier Zimmer mit Betten, zum Teil auch schon mit Kleiderschrank ausgestattet sind und immerhin ein Bad bereits zur Verfügung steht. „Wir verwenden nach Möglichkeit die alten Möbel, die hier drin waren“, erklärte Negraßus den Kontrast zwischen nagelneuen Stockbetten und alten Nachtkästchen, Schränken sowie Tisch, Sofa und Stühlen vor dem hintersten Vierbettzimmer. Da es hier zwischen Sitzecke und Schlafraum nur eine Glasschiebetür gibt, wäre hier eine Familie gut untergebracht, die dann einen eigenen Aufenthaltsbereich hätte.

Der Rest ist noch eine Baustelle: Hinter dem Aufenthaltsbereich fürs vierte Zimmer entsteht eine große Wohnküche als zentraler Aufenthaltsraum. Spüle, Herd und Dunstabzug sind schon installiert; ein paar Küchenschränke gibt es auch schon, sodass die ersten zwar schon einziehen, aber noch mit Kisten. Kartons, werkelnden Servicebetriebsmitarbeitern und entsprechenden Provisorien leben müssen. „Da vorne wird noch ein zweites Badezimmer eingebaut“, deuteten Bürgermeister und Flüchtlingsbetreuer auf die Baustelle im Anbau.

Zu dem Gehöft gehören auch noch Nebengebäude. Ob und wann hier die ersehnte Fahrradwerkstatt eingerichtet wird, ist allerdings noch nicht spruchreif: „Wir sind dran“, versicherte Lammers. Im Obergeschoss, das aus baulichen Gründen nicht für weitere Zimmer genutzt werden kann, waren Werner Schwentker und Christian Thies vom Verein Breitbandnetz Wersen gerade dabei, die Anschlüsse fürs Internet zu legen.

Schon recht weit gediehen, aber voraussichtlich erst am Tag vor Heiligabend abgeschlossen sind die Umbauarbeiten in der Grundschulturnhalle Alt-Lotte. Zwischen den Jahren muss dann eingerichtet werden. Der Hallenboden ist mit OSB-Verlegeplatten abgedeckt. Aus den gleichen Grobspanplatten sind auch die eingezogenen Zwischenwände, die den größten Teil der Halle in 16 jeweils vier mal vier Meter große, nach oben offene Räume unterteilen. Jedes dieser Abteile ist bereits mit einer Lampe und zwei Steckdosen ausgestattet und soll bis zu vier Personen als Notunterkunft dienen, sodass hier maximal 64 Flüchtlinge vorübergehend unterkommen könnten. Zwischen den provisorischen „Zimmern“, die noch jeweils eine Tür bekommen und so wenigstens etwas Privatsphäre ermöglichen, und den Umkleiden soll noch ein Aufenthaltsraum entstehen. Beheizt wird über die Deckenheizung. Es gibt jeweils vier Duschen für Frauen im hinteren Bereich, der noch eine abschließbare Tür bekommen soll, und für Männer im vorderen Bereich. Dazwischen soll eine Küche mit drei Spülen und drei Herden eingerichtet werden.

„Das ist nur ein Puffer. Wir versuchen ja, die Leute so schnell wie möglich anders unterzubringen“, sagte Negraßus. Er zeigte sich aber positiv überrascht, dass diese Notlösung wesentlich besser und menschenwürdige ausfallen werde, als er sich das vorgestellt habe.

Bürgermeister Lammers berichtete, dass die Ordnungs- und Sozialamtsleiterin Esther Kleina-Metelerkamp soeben eine E-Mail bekommen habe, „dass vom 24. Dezember bis zum 3. Januar offiziell keine Zuweisungen erfolgen sollen“. Die Turnhalle werde also voraussichtlich erst Anfang nächsten Jahres belegt werden müssen. „Es gab da aber vorher auch andere Aussagen“, sagte Lammers.

Der Bürgermeister verdeutlichte auch den Druck, unter dem alle Beteiligten stehen: „Wir müssen unglaublich flexibel sein, weil die Zuweisungen kurzfristig ins Haus flattern und wir nie wissen, ob es Familien oder Einzelpersonen, Männer oder Frauen, sind.“ Am Montag sei zum Beispiel eine achtköpfige Familie gekommen, die „von jetzt auf gleich“ untergebracht werden musste. Dafür musste Frank Negraßus zwei gerade erst eingezogene Pärchen aus einer Wohnung in Halen, „die für die Familie perfekt war“, umquartieren.

Die Eignung der Räume ist aber nur eine Herausforderung bei der Unterbringung: „Der eine isst kein Schwein, der andere keine Kuh, der nächste ist Vegetarier“, gab der Flüchtlingsbetreuer einen kleinen Einblick ins Konfliktpotenzial bei gemeinsamer Herd- und Kühlschrankbenutzung. „Herr Negraßus gibt sich große Mühe und es ist ihm bisher auch immer gelungen, die Leute so zu verteilen, dass sie zueinander passen“, lobte Lammers.