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Jeder Eingriff zwingt zum Ausgleich Wenn gebaut wird, muss woanders kompensiert werden

Von Angelika Hitzke | 24.08.2014, 14:27 Uhr

Jede neue Straße, jedes neue Wohn- oder Gewerbegebiet bedeutet einen Eingriff in die Natur und das Landschaftsbild. Solche Eingriffe sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz ausgleichspflichtig und müssen kompensiert werden.

Wie dies in der Gemeinde Lotte funktioniert, erläutert die Umweltbeauftragte Ursula Wilm-Chemnitz am Beispiel des jüngsten Baugebietes Schabergs Esch („Auf dem Esch“) in Wersen.

Grundidee der seit 2009 geltenden <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Eingriffsregelung_in_Deutschland" title="">bundeseinheitlichen Eingriffsregelung ist, dass sich Natur und Landschaft insgesamt nicht verschlechtern dürfen. Deshalb habe das Vermeidungs- und Minderungsgebot von Beeinträchtigungen der Landschaft Vorrang; erst an dritter Stelle steht der Ausgleich nicht vermeidbarer Eingriffe durch Maßnahmen des Naturschutzes. Da sich jede Gemeinde weiter entwickeln und sowohl genügend Wohnbauflächen, als auch Areale für Gewerbeansiedlungen zur Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen vorhalten muss, liegt der Bauleitplanung also immer ein Abwägungsprozess zugrunde: Was ist vermeidbar, was ist unvermeidlich, wie können negative ökologische Auswirkungen so gering wie möglich gehalten, und wie können Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Flächenversiegelungen ausgeglichen werden?

In Lotte stehen dafür laut Ursula Wilm-Chemnitz drei Kompensationsflächenpools von insgesamt 6,2 Hektar zur Verfügung: Mutert in Alt-Lotte (3,4 Hektar; bereits größtenteils verbraucht), Steinmann (1,3 Hektar, noch jungfräulich) und Krüger-Tüpker (1,5 Hektar) in Wersen. Bevor überhaupt ein Bebauungsplan für ein bestimmtes Gebiet aufgestellt werden kann, „schaut man sich an, was haben wir da, und was wird da sein, wenn wir gebaut haben“, sagt die Umweltbeauftragte.

Osnabrücker Modell

Dieser Vorher-Nachher-Rechnung im Umweltbericht liegt eine Bewertung der verschiedenen Biotoptypen nach dem <a href="http://www.dr-frank-schroeter.de/eingriff.htm" title="">Osnabrücker Kompensationsmodell zugrunde: „Das wird nicht nur in Niedersachsen, sondern auch in Lotte, in Tecklenburg und in vielen anderen Kommunen genommen“, erklärt Wilm-Chemnitz.

Und das funktioniert so: Jedem Biotoptyp – wobei auch eine versiegelte Fläche wie ein Gebäude oder eine Straße ein Biotop ist – wird ein bestimmter Wertfaktor zugeordnet, der von Landschaftsökologen festgelegt und von der <a href="http://www.kreis-steinfurt.de › ... › Natur und Landschaft" title="">Unteren Landschaftsbehörde des Kreises überprüft wird. Eine asphaltierte Straße oder ein Haus etwa hat den Wertfaktor 0, ein Acker 0,9 bis 1,5 (je nach Intensität der Nutzung), ein Hausgarten 1, ein nicht befestigter Feldweg mit Randstreifen 1,3, eine Gehölzfläche oder ein strukturreicher Park 2,5, eine Obstbaumwiese über 4 (je nach Alter, Lage und ökologischer Bedeutung).

„Die Flächengröße wird multipliziert mit dem Wertfaktor und ergibt die Werteinheiten“, erklärt Lottes Umweltbeauftragte. In der Nachherbetrachtung werden dann die versiegelten Grundflächen mit dem Wertfaktor 0 und Gärten mit dem Faktor 1 berechnet. Wesentlich wertvoller, aber vom Kreis wegen der (Lärm-)Emissionen der späteren Siedlung „etwas heruntergerechnet“ ist das bereits vorhandene, 4271 Quadratmeter große Gehölz auf dem Esch.

Auch der geplante, bepflanzte Lärmschutzwall und das Pflanzgebot im Bebauungsplan verbessern die Ökobilanz schon ein wenig: „Wir haben die textliche Festsetzung, dass auf jedem Grundstück ein hochstämmiger Laub- oder Obstbaum gepflanzt werden muss“, so Wilm-Chemnitz.

Für Schabergs Esch stehen nach dieser Bilanz den 50000 Werteinheiten der Vorherbetrachtung 39265 Werteinheiten der Nachherberechnung gegenüber: „Knapp 11000 Werteinheiten sind also futsch und müssen ausgeglichen werden“, rechnet die Umweltbeauftragte vor.

Flächenpool

Früher sei versucht worden, dieses Defizit innerhalb des jeweiligen Baugebietes auszugleichen, zum Beispiel „mit Pflanzgeboten, an die sich sowieso keiner gehalten hat“. Anfangs habe man auch jede Einzelmaßnahme einzeln kompensiert. „Davon sind wir weg; wir haben jetzt einen Flächenpool. Aber alle externen Kompensationen sind innerhalb des Gemeindegebietes“, erklärt Ursula Wilm-Chemnitz. Genau genommen sind es nur noch zwei Ausgleichpools, die zur Verfügung stehen, nämlich die von der Gemeinde erworbenen oder gepachteten Flächen Steinmann in Lotte und Krüger-Tüpker in Wersen. In diese ehemals intensiv landwirtschaftlich genutzten oder teilversiegelten Flächen habe die Gemeinde investiert, um sie ökologisch aufzuwerten.

Aufforstung

So wurden zum Beispiel im Flächenpool Krüger-Tüpker am Sennlicher Weg die ehemaligen, nicht mehr genutzten Sportstätten der <a href="http://www.internat-krueger.de/" title="">Wersener Privatschulen Krüger im Jahr 2007 entsiegelt und aufgeforstet. „Die Flächen zu erwerben, Schotter und Asphalt aufzubrechen und aufzuforsten war natürlich nicht billig“, sagt die Umweltbeauftragte. Dafür habe der Bereich jetzt eine ökologische Wertigkeit von 2,5 statt 0,6 bis 1. Die Eingriffe im Baugebiet auf dem Esch werden aus diesem Pool ausgeglichen; die Kosten, die die Gemeinde hier investiert hat, schlagen sich dann auf den Grundstückspreis nieder.

Und warum wird nicht einfach aus den vorhandenen Natur- und Landschaftsschutzflächen ausgeglichen? „Weil die schon zu hochwertig sind“, erklärt die Umweltbeauftragte. Sinn und Zweck der Kompensation sei ja gerade, für Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft dort Ausgleich zu schaffen, wo zuvor intensiv genutzte Äcker oder Industriebrachen waren, um mit möglichst geringem Aufwand eine möglichst hohe ökologische Aufwertung zu erreichen.

Bessere Gesamtbilanz

So verbessert sich langfristig auch die ökologische Gesamtbilanz der Gemeinde, und die bestehenden Naturschutzgebiete bleiben unangetastet. Mehr noch: „Je nachdem, wie artenreich sich die extensivierten und aufgeforsteten Flächen entwickeln, kann der Kreis die irgendwann auch zum Landschafts- oder Naturschutzgebiet erklären.“